Ist kritischer Journalismus in Osthessen überhaupt noch erwünscht?

Presse1

Der Blick des wohlwollenden Journalismus prägt vielerorts die öffentliche Wahrnehmung in Osthessen. Kritische Berichterstattung scheint dagegen derart verpönt, dass selbst ein Teil der Leserschaft sie kaum noch lesen möchte. Gefragt sind offenbar vielmehr die immer gleichen Bildergalerien, auf denen Menschen zu sehen sind, die mit einem Glas Wein oder einem anderen Getränk in der Hand gesellig beisammenstehen und sich in entspannter Atmosphäre präsentieren. Nicht selten handelt es sich dabei um dieselben Gesichter, dieselben Veranstaltungen und dieselben Motive.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als stünde die Wiege des Boulevards nicht in den großen Medienzentren des Landes, sondern mitten in Osthessen. Die Aufmerksamkeit richtet sich häufig auf das Gefällige, das Vertraute und das Unverfängliche. Konflikte, Widersprüche und kritische Einordnungen haben es deutlich schwerer, Gehör zu finden.

Dabei wird Kritik in der Region oftmals missverstanden. Nicht selten begegnet ihr der Vorwurf, sie richte sich gegen Osthessen selbst. Viele Leser nehmen kritische Berichte offenbar als persönlichen Angriff auf ihre Heimat wahr, obwohl dies in keiner Weise der Fall ist. Kritik zielt nicht auf eine Region, ihre Menschen oder ihre Identität. Sie richtet sich vielmehr an jene, die politische Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen oder im Hintergrund die Richtung vorgeben.

Gerade darin liegt jedoch eine der zentralen Aufgaben von Journalismus. Er soll nicht ausschließlich begleiten, sondern auch hinterfragen. Er soll nicht nur abbilden, was geschieht, sondern auch beleuchten, warum es geschieht und wem es nutzt. Wo Kritik reflexhaft als Illoyalität gegenüber der eigenen Region verstanden wird, entsteht ein Klima, in dem Wohlwollen leichter akzeptiert wird als Widerspruch.

Der Blick des wohlwollenden Journalismus mag angenehmer erscheinen. Er vermeidet Reibung, erzeugt Zustimmung und bestätigt bestehende Bilder. Doch eine Öffentlichkeit, die sich vor allem in freundlichen Momentaufnahmen wiedererkennt, läuft Gefahr, jene Fragen aus dem Blick zu verlieren, die für eine lebendige demokratische Kultur unverzichtbar sind. Denn Kritik an politischen Akteuren und den Regisseuren im Hintergrund ist keine Kritik an Osthessen. Sie ist vielmehr Ausdruck des Interesses daran, wie Macht ausgeübt wird und welche Entscheidungen das Leben in der Region prägen. +++  me

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