Wenn Kollegen zu Gegnern werden: Ein Zwischenfall, der Fragen zum journalistischen Selbstverständnis aufwirft

Medien n2

Der bundesweite Ausfall der Funktechnik, der den Zugverkehr für mehr als zwei Stunden weitgehend zum Stillstand brachte, war ein Ereignis von erheblicher öffentlicher Bedeutung. Entsprechend waren zahlreiche Medien vor Ort, um die Auswirkungen zu dokumentieren. Auch unser Team war am Bahnhof Fulda im Einsatz. Im Auftrag verschiedener Fernsehanstalten und Zeitungen entstanden dort Bild- und Videoaufnahmen der außergewöhnlichen Lage.

Während dieses Einsatzes ereignete sich ein Vorfall, der weniger mit dem eigentlichen Geschehen als mit dem Umgang unter Medienschaffenden zu tun hatte. Ein Mitarbeiter eines lokalen Online-Portals erschien am Bahnhof und begann, einen unserer Kollegen zu fotografieren. Nach unserer Wahrnehmung fiel dabei der Kommentar: „Jetzt seid ihr reif.“ Was ihm dabei offenbar nicht bekannt war: Für unsere Aufnahmen lag eine Drehgenehmigung der Deutschen Bahn vor. Unser Team war somit ordnungsgemäß autorisiert, an diesem Ort Bild- und Videoaufnahmen anzufertigen.

Über die Beweggründe dieser Äußerung lässt sich nur spekulieren. Fest steht jedoch, dass ein solcher Umgang kaum zu einem professionellen Miteinander beiträgt. Wer journalistisch arbeitet, begegnet sich regelmäßig bei Einsätzen. Konkurrenz gehört zum Geschäft, persönliche Provokationen hingegen nicht. Ebenso wenig sollte vorschnell der Eindruck erweckt werden, Kolleginnen oder Kollegen würden sich nicht regelkonform verhalten, wenn dafür keine belastbaren Anhaltspunkte vorliegen.

Der geschilderte Vorfall ist aus unserer Sicht kein Einzelfall. Vergleichbare Situationen haben wir bereits mehrfach erlebt. Das führt zwangsläufig zu der Frage, welches Selbstverständnis hinter einem solchen Auftreten steht. Journalismus sollte sich dadurch auszeichnen, Ereignisse einzuordnen, Informationen zu recherchieren und die Öffentlichkeit sachlich zu informieren – nicht dadurch, Kolleginnen und Kollegen bei ihrer Arbeit in den Mittelpunkt zu rücken.

Gerade bei Lagen von öffentlichem Interesse sollte das gemeinsame Ziel sein, über das Ereignis zu berichten. Persönliche Rivalitäten oder demonstrative Gesten helfen weder der Berichterstattung noch dem Ansehen des Berufsstandes. Wer Medien ernst nimmt, darf erwarten, dass Professionalität auch im Umgang untereinander sichtbar wird. Respekt vor der Arbeit anderer ist keine Frage der Konkurrenz, sondern eine Grundvoraussetzung für glaubwürdigen Journalismus. +++ me

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