TK-Chef Baas vermisst Mut in der Politik - Zu viel Geld, zu wenig Entschlossenheit

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Die Diagnose ist klar, doch die Therapie bleibt aus – so lässt sich die Intervention von Jens Baas lesen, der dem deutschen Gesundheitssystem nicht an Mitteln, sondern an Mut einen Mangel attestiert. Es ist ein Befund, der in seiner Schärfe überrascht, weil er einem verbreiteten Reflex widerspricht: dem Ruf nach mehr Geld als universelle Antwort auf strukturelle Probleme.

Baas argumentiert gegen diesen Reflex mit einem einfachen, aber politisch heiklen Hinweis. Deutschland gibt gemessen am Bruttoinlandsprodukt bereits mehr für Gesundheit aus als jedes andere europäische Land. Wer dennoch weitere Mittel fordert, verkenne die eigentliche Schieflage. Es gehe nicht um die Höhe der Ausgaben, sondern um deren Verwendung, um Strukturen, die sich über Jahre verfestigt haben und nun jede Veränderung abwehren. Dass Reformvorschläge reflexhaft auf Widerstand stoßen, hält Baas daher nicht für überraschend, sondern für systemimmanent. In der Auseinandersetzung dominierten nicht Zahlen und Analysen, sondern Betroffenheitsrhetorik.

Die von einer Regierungskommission vorgelegten 66 Vorschläge mit einem Entlastungsvolumen von 42 Milliarden Euro markieren dabei einen möglichen Wendepunkt, allerdings nur unter Vorbehalt. Entscheidend sei nicht die Liste, sondern ihre Umsetzung. Hier richtet sich der Blick auf die politische Ebene, konkret auf Nina Warken, die als Bundesgesundheitsministerin den Spagat zwischen Reformwillen und politischem Druck bewältigen muss. Baas formuliert die Erwartung ungewöhnlich offen: Reformen müssten allen wehtun, sonst seien sie wirkungslos. Das ist weniger als Provokation gemeint denn als Hinweis auf die Logik eines Systems, in dem jede Einsparung zwangsläufig einen Interessenkonflikt erzeugt.

Der eigentliche Konflikt verläuft jedoch tiefer, insbesondere im Verhältnis zur Pharmaindustrie. Baas widerspricht deren Drohkulisse, bei sinkenden Preisen den deutschen Markt zu verlassen, mit bemerkenswerter Deutlichkeit. Deutschland sei einer der größten und lukrativsten Märkte weltweit, die behauptete Abwanderungsgefahr daher wenig glaubwürdig. Hinter dieser Einschätzung steht die grundsätzliche Kritik an einem Kräfteverhältnis, das aus Sicht der Krankenkassen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Es fehle ein wirksames Gegengewicht, ein Instrumentarium, das es erlaubt, Preise nicht nur zu verhandeln, sondern auch durchzusetzen.

Dass dieses Ungleichgewicht politisch verstärkt wird, deutet Baas nur an, aber die Stoßrichtung ist klar. Wenn wirtschaftliche Standortargumente bis in höchste Regierungskreise hinein Wirkung entfalten, verschiebt sich der Maßstab, nach dem Entscheidungen getroffen werden. Dann geht es nicht mehr allein um Versorgung und Kosten, sondern auch um industriepolitische Rücksichtnahmen. Diese Gemengelage erschwert jede Reform, weil sie Zielkonflikte nicht auflöst, sondern verdeckt.

Die Warnung vor einem Beitragssatz von 20 Prozent wirkt in diesem Kontext weniger wie eine Prognose als wie ein politisches Signal. Sie beschreibt die Konsequenz eines Weiter-so, nicht dessen Notwendigkeit. Baas’ Intervention legt damit einen wunden Punkt offen: Ein System, das sich selbst als leistungsfähig begreift, aber strukturell kaum veränderbar ist, gerät irgendwann an seine Grenzen.

Ob die Politik bereit ist, diese Grenze anzuerkennen, bleibt offen. Sicher ist nur, dass zusätzliche Milliarden die Frage nicht beantworten werden. Entscheidend ist, ob sich Mehrheiten finden, die bereit sind, die Verteilungskonflikte auszuhalten, die jede ernsthafte Reform mit sich bringt. Ohne diesen Schritt bleibt der Befund richtig – und folgenlos. +++

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