Die Digitalisierung der Städte zeigt sich selten spektakulär. Meist beginnt sie unscheinbar: mit einer Straßenlaterne, die ihren Energieverbrauch anpasst, mit einem Sensor im Asphalt oder mit einer Plattform, die sichtbar macht, was bislang nur geschätzt werden konnte. In Fulda lässt sich nun beobachten, wie aus vielen einzelnen technischen Eingriffen der Versuch entsteht, städtische Infrastruktur neu zu organisieren — datenbasiert, vernetzt und öffentlich nachvollziehbar.
Mit dem Projekt „Foll smart“ geht die Stadt Fulda einen weiteren Schritt innerhalb ihres seit Mitte 2024 laufenden Smart-City-Modellvorhabens. Als eine von zwei hessischen Kommunen beteiligt sich Fulda an dem Landesprogramm zur Förderung energieeffizienter und digital vernetzter Infrastruktur. Kern des Projekts ist die Modernisierung von insgesamt 688 Straßenbeleuchtungsanlagen, ergänzt um eine Vielzahl von Sensoren, die unterschiedliche Daten der städtischen Infrastruktur erfassen und auf einer zentralen Plattform zusammenführen. Diese Plattform ist nun unter www.foll-smart.de auch öffentlich zugänglich. Dort lassen sich unter anderem Verkehrslagen auf bestimmten Straßen oder freie Parkplätze in einzelnen Straßenzügen in Echtzeit abrufen.

Im Mittelpunkt steht zunächst die Straßenbeleuchtung — ein Bereich kommunaler Daseinsvorsorge, der lange kaum Aufmerksamkeit erhielt, obwohl hier erhebliche Energieverbräuche entstehen. Durch die Umrüstung auf LED-Technologie konnte im Fördergebiet der Stromverbrauch deutlich gesenkt werden. Nach Angaben der Stadt liegt das Einsparpotenzial gegenüber herkömmlichen Beleuchtungssystemen bei bis zu 79 Prozent. Hinzu kommt eine intelligente Steuerung der Laternen: Die Beleuchtung reagiert auf die jeweilige Verkehrslage und passt sich dynamisch an. Gerade in einer Stadt wie Fulda, die sich seit Jahren als „Sternenstadt“ profiliert, erhält dabei auch die Reduzierung von Lichtverschmutzung besonderes Gewicht. Digitalisierung erscheint hier nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, Energieverbrauch und Eingriffe in den öffentlichen Raum zugleich zu reduzieren.
Technische Grundlage dieser Steuerung sind rund 25 Verkehrssensoren entlang zentraler Verkehrsachsen im Fördergebiet. Sie erfassen den Verkehrsfluss fortlaufend und liefern die Daten, auf deren Basis nicht nur die Beleuchtung angepasst wird. Auch die Schaltungen der Lichtsignalanlagen lassen sich dynamisch verändern. Auf bestimmten Verkehrsachsen sollen dadurch sogenannte „Grüne Wellen“ gezielt optimiert werden. Die Stadt verbindet damit die Hoffnung auf einen gleichmäßigeren Verkehrsfluss, weniger Staus und eine Verringerung des CO2-Ausstoßes.
Besonders sichtbar für die Bürger dürfte allerdings ein anderer Teil des Projekts werden: die digitale Erfassung des Parkraums, vor allem im Umfeld des Fuldaer Bahnhofs. Bereits heute erfassen Parkraumkameras und Bodensensoren mehr als 200 Stellplätze in Echtzeit. Über „Foll smart“ können freie Plätze etwa in der Kurfürstenstraße oder am Bahnhof unmittelbar angezeigt werden. Das mag auf den ersten Blick wie eine technische Komfortfunktion erscheinen, verweist aber auf ein bekanntes städtisches Problem: den Parksuchverkehr, der Innenstädte belastet, Verkehr verdichtet und Emissionen erhöht. Die Idee, unnötige Fahrten durch präzisere Informationen zu vermeiden, folgt damit einer Logik, die viele Smart-City-Projekte antreibt — weniger Steuerung durch Verbote als durch bessere Verfügbarkeit von Informationen.

Bemerkenswert ist zugleich, wie weit die Datenerfassung inzwischen reicht. Neben Verkehrs- und Parkrauminformationen werden auch Temperatur- und Bodenfeuchtedaten erhoben, ebenso Füllstände ausgewählter Altglas- und Altpapiercontainer. Über Funk gelangen die Daten auf eine Urbane Datenplattform, wo sie öffentlich abrufbar sind. Das Dashboard informiert darüber, ob auf dem Heimweg freie Fahrt oder Stau herrscht — oder welcher Container noch freie Kapazitäten besitzt. Solche Anwendungen mögen im Alltag unspektakulär wirken. Gerade darin liegt jedoch ihre politische und organisatorische Bedeutung: Die Digitalisierung des urbanen Raums erfolgt nicht über große Visionen, sondern über die schrittweise Optimierung alltäglicher Abläufe.
Auch die Verwaltung selbst nutzt die Plattform bereits für datenbasierte Planungen und betriebliche Steuerungen. Verkehrsabhängige Signalprogramme an Ampelanlagen können automatisiert ausgewählt werden. Prozesse, die bislang auf Erfahrungswerten oder statischen Zeitmodellen beruhten, werden damit zunehmend dynamisch organisiert. Die Vorstellung einer „smarten Stadt“ erhält dadurch eine konkrete, operative Dimension: Nicht die spektakuläre Technologie steht im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, auf Veränderungen schneller und präziser zu reagieren.

Gleichwohl bleibt die Entwicklung ambivalent. Denn jede Verdichtung digitaler Infrastruktur verändert auch das Verhältnis zwischen öffentlichem Raum, Verwaltung und Bürgern. Die Verheißung effizienterer Abläufe geht notwendig mit einer immer umfassenderen Erhebung von Daten einher. Zwar handelt es sich in Fulda vor allem um Verkehrs- und Umweltdaten, nicht um personenbezogene Informationen. Dennoch zeigt das Projekt exemplarisch, wie sehr moderne Stadtentwicklung inzwischen auf kontinuierliche Datenerfassung angewiesen ist. Der Erfolg solcher Vorhaben wird daher nicht allein an technischen Kennzahlen zu messen sein, sondern auch daran, ob Transparenz, Akzeptanz und Vertrauen dauerhaft erhalten bleiben.
Mit Investitionen von rund 3,3 Millionen Euro, von denen 90 Prozent durch das Land Hessen gefördert werden, versteht sich Fulda als Modellkommune für eine nachhaltige und digital vernetzte Stadtentwicklung. Der Anspruch ist hoch: Das Projekt soll als Blaupause für andere Städte dienen — in Hessen und darüber hinaus. Ob daraus tatsächlich ein Modell für die Stadt der Zukunft wird, entscheidet sich allerdings weniger an Sensoren und Plattformen als an einer grundlegenden Frage: ob Technik den urbanen Alltag tatsächlich einfacher, nachhaltiger und lebenswerter macht — oder ob sie am Ende vor allem sichtbar macht, wie komplex moderne Städte längst geworden sind. +++














