Zwischen Senfkorn und Smartphone: Konfirmation als Versuch, Anschluss zu halten

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Foto: privat

Der Gottesdienst sucht die Nähe zur Lebenswelt der Jugendlichen – und findet sie an einem Ort, der kaum alltäglicher sein könnte als der Blick aufs Smartphone. In der Kreuzkirche wird daraus ein Bild, das den Kern der diesjährigen Konfirmation trägt: „WhatsApp von Jesus“.

Rund elf Monate Konfi-Zeit liegen hinter den 25 Jugendlichen, die nun ihre Konfirmation feiern. Pfarrer Stefan Bürger und die Kinder-, Jugend- und Familienreferentin Valentina Riebel gestalten den Gottesdienst gemeinsam, so wie auch die zurückliegende Zeit multiprofessionell angelegt war. Zu Popmusik ziehen die Konfirmandinnen und Konfirmanden in die Kirche ein, sichtbar selbstbewusst, begleitet von fast 400 Besucherinnen und Besuchern – Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden, die den Moment zwischen familiärer Nähe und kirchlicher Tradition teilen.

Im Zentrum der Predigt steht ein Vergleich, der auf den ersten Blick beiläufig wirkt und doch eine präzise Beobachtung enthält: das morgendliche Prüfen eingehender Nachrichten. Viele Kontakte, viele Mitteilungen – und dann ein Name, der überrascht. „Jesus schreibt mir?“ fragt Bürger und führt damit in eine Deutung, die die vertraute digitale Logik aufnimmt. Jesus habe einen neuen Kontakt hinzugefügt, sagt er, und verweist auf die Taufe als ursprünglichen Moment der Zugehörigkeit. Die Konfirmation erscheine darin als bewusste Bestätigung dessen, was längst zugesprochen sei, verbunden mit einem persönlichen Bekenntnis und einem individuellen Konfirmationsspruch.

Der Versuch, religiöse Sprache an gegenwärtige Kommunikationsformen anzuschließen, ist nicht neu, gewinnt hier jedoch eine eigentümliche Schärfe. Er bewegt sich zwischen Annäherung und Übersetzung, zwischen dem Wunsch, verstanden zu werden, und der Gefahr, das Eigene zu sehr in vertraute Bilder aufzulösen. Bürger bleibt dabei nicht stehen, sondern führt ein zweites Motiv ein, das älter kaum sein könnte: den Glauben in Senfkorn-Größe. Es ist ein Bild, das der Erfahrung Rechnung trägt, dass Glaube im Alltag leicht in den Hintergrund gerät. Gerade darin liege seine Möglichkeit, sagt er: Schon ein kleiner, kaum sichtbarer Glaube könne tragen, könne Vertrauen stiften, könne, in der bekannten biblischen Zuspitzung, Berge versetzen.

Diese Verbindung von digitalen Metaphern und biblischen Bildern markiert den Versuch, Kontinuität herzustellen, ohne Brüche zu leugnen. Die Jugendlichen bewegen sich in einer Welt, in der Zugehörigkeit oft flüchtig und Kommunikation jederzeit abrufbar ist. Die Kirche antwortet darauf mit dem Angebot, Gemeinschaft als verlässlichen Raum zu erfahren. Bürger ermutigt die Konfirmierten, über den festlichen Tag hinaus aktiv zu bleiben, etwa in der Konfi-Arbeit, in Teamerinnenschulungen oder in einer neuen Jugendgruppe mit Valentina Riebel. Zwischen den Jugendlichen sei bereits eine Gemeinschaft entstanden, an die sich anknüpfen lasse. Es ist ein Angebot, das weniger auf Verpflichtung als auf Anschlussfähigkeit zielt.

Selbst die Sprache bleibt in diesem Spannungsfeld. Wenn Bürger von einer „Steigerung des Datenvolumens“ spricht, von zehn auf fünfzig Gigabyte, dann ist das mehr als ein beiläufiger Vergleich; es ist der Versuch, religiöse Erfahrung in eine vertraute Logik von Verfügbarkeit und Wachstum zu übersetzen. Ob solche Bilder tragen oder rasch verblassen, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sie über den Moment hinaus Bedeutung gewinnen.

Am Ende verdichtet sich die Predigt in einer bewusst einfachen Geste. Wenn Jesus heute eine Nachricht senden würde, so Bürger, brauche es nicht viele Worte, ein rotes Herz als Emoji genüge. Dieses Bild findet sich auch auf dem eigens gedruckten Liedblatt wieder, ergänzt um den Hashtag #WhatsAppvonJesus, der den Gedanken in die digitale Welt verlängert.

Der Gottesdienst selbst bleibt dabei eingebettet in die vertrauten Elemente kirchlicher Praxis. Die musikalische Gestaltung übernehmen Christopher Schnell an der Orgel, ein Elternprojektchor unter der Leitung von Friedgard Flache sowie Teile der Kreuzkirchenband. Der Gottesdienst wird auf dem YouTube-Kanal der Kreuzkirche gestreamt und bleibt dort abrufbar. Die Kollekte ist traditionell für die Ausbildungshilfe junger Christinnen und Christen in Afrika und Asien bestimmt, ergänzt durch Spendenmöglichkeiten für die Kinder- und Jugendarbeit der Kreuzkirche, auch digital per QR-Code und PayPal.

So steht am Ende ein Gottesdienst, der sich weder ganz von der Tradition löst noch in ihr verharrt, sondern tastend versucht, beides zusammenzuhalten. Die Frage, ob ein rotes Herz als Zeichen genügt, bleibt offen – vielleicht gerade deshalb, weil sie mehr ist als eine Metapher. +++

Namen der Konfirmierten in alphabetischer Reihenfolge
Mia Bär, Flora Brandtner, Johannes Braun, Percy Enwerem, Pharrell Enwerem, Shan Enwerem, Mia Fauth, Vivien Klippert, Johanna Kracht, Josephine Kracht, Hannah Leitschuh, Kalle Mader, Stella Mahr, Emma-Sofie Naumann, Emil Schad, Leonie Schmidt, Maja Schmidt, Ellen Schmitt, Sophie Semler, Juri Sippel, Ben Prais, Jana Töws, Carlos Usbeck, Ira Wansleben und Constantin Weismüller.

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