Kubickis Wette auf die Sichtbarkeit der FDP

Fdp

Die FDP ringt nicht nur um Stimmen, sondern längst um Wahrnehmbarkeit. In dieser Lage setzt Wolfgang Kubicki auf ein politisches Kapital, das in seiner Partei zuletzt knapper geworden ist als programmatische Debatten: öffentliche Präsenz. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende begründet seine Kandidatur für den Parteivorsitz weniger mit organisatorischen oder strategischen Fragen als mit der Überzeugung, dass seine Person der Partei jene Aufmerksamkeit zurückgeben könne, die sie im vergangenen Jahr verloren habe. „Wir leiden darunter, dass die FDP im vergangenen Jahr öffentlich unsichtbar geworden ist“, sagte Kubicki der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Dass sich dies „in den vergangenen drei Wochen – mit meiner Kandidatur – geändert“ habe, versteht er als Beleg für die eigene politische Relevanz.

Darin steckt mehr als bloße Selbstgewissheit. Kubicki formuliert eine Diagnose, die in der FDP seit dem Ausscheiden aus dem Bundestag unterschwellig präsent ist: Eine Partei, die sich über Jahre als Stimme wirtschaftlicher Vernunft, individueller Freiheit und bürgerlicher Eigenverantwortung verstand, wird kaum noch als eigenständiger politischer Faktor wahrgenommen. Der frühere Koalitionspartner wirkt vielerorts wie ein Nebendarsteller in einer zunehmend polarisierten Parteienlandschaft. Kubicki antwortet darauf mit einer Strategie der Personalisierung. Die „Marke Kubicki“, wie er es selbst nennt, solle wieder unmittelbar mit der FDP verbunden werden. „Das wird sich ändern in dem Moment, von dem an ich Vorsitzender bin.“

Es ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Parteien, die inhaltlich an Profil verlieren, greifen häufig auf bekannte Gesichter zurück. Kubicki macht daraus keinen Hehl. Er beschreibt seine Auftritte als Momente, in denen Menschen „oft begeistert“ seien, weniger wegen einzelner Positionen als wegen „eines Gefühls“, das sie mit ihm verbänden. Dass er zugleich erklärt, mit dem Begriff „Klartext“ nichts anfangen zu können, obwohl er regelmäßig genau so angekündigt werde, verweist auf ein eigentümliches Spannungsverhältnis seiner politischen Rolle: Kubicki lebt von einer öffentlichen Wahrnehmung, die er rhetorisch relativiert, aber politisch nutzt.

Dabei bleibt offen, ob öffentliche Aufmerksamkeit allein genügt, um eine Partei dauerhaft zu stabilisieren. Sichtbarkeit ersetzt kein politisches Angebot. Gerade die FDP hat in den vergangenen Jahren erfahren, wie schnell mediale Präsenz in politische Bedeutungslosigkeit umschlagen kann, wenn die programmatische Linie unklar bleibt oder die Partei zwischen Regierungspraxis und Oppositionsgestus zerrieben wird. Kubickis Ziel, die FDP bis Mai kommenden Jahres „deutlich über fünf Prozent“ zu führen, wirkt deshalb weniger wie eine Prognose als wie eine Mobilisierungsformel für eine Partei, die um ihre Existenzfähigkeit kämpft.

Interessant ist dabei auch der Ton, mit dem Kubicki über innerparteiliche Konkurrenz spricht. Gegenüber seinem Herausforderer Henning Höne bemüht er demonstrativ den Gedanken der Geschlossenheit. Höne sei Vorsitzender des größten Landesverbandes, ihn wolle er „groß-, nicht kleinmachen“. Gleichzeitig formuliert Kubicki einen Loyalitätsanspruch, der wenig Spielraum für offenen Dissens lässt: „Wer da gegen mich arbeitet, arbeitet auch gegen den Erfolg der FDP.“ Der Satz verrät viel über das Selbstverständnis seiner Kandidatur. Die eigene Person erscheint darin beinahe deckungsgleich mit der Zukunft der Partei.

Gerade darin liegt die eigentliche Wette dieses Wahlkampfes. Kubicki setzt darauf, dass Erfahrung, Bekanntheit und politische Zuspitzung die FDP aus ihrer Krise führen können. Doch Parteien, die sich zu stark an Einzelpersonen binden, geraten leicht in die Gefahr, strukturelle Probleme zu überdecken. Die Liberalen müssen nicht nur wieder sichtbarer werden, sondern erklären, wofür sie politisch noch unverwechselbar stehen. Aufmerksamkeit kann dafür ein Anfang sein. Ersatz für politische Erneuerung ist sie nicht. +++

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