Die Debatte über Arbeitszeit ist längst mehr als eine arbeitsmarktpolitische Detailfrage. Sie berührt das Selbstverständnis eines Landes, das sich einerseits auf Leistungsfähigkeit beruft und andererseits seit Jahren über Überlastung, Fachkräftemangel und den Verschleiß seiner sozialen Substanz spricht. Dass ausgerechnet in dieser Lage der Ruf nach längeren Arbeitszeiten lauter wird, erklärt die Schärfe, mit der der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer auf Bundeskanzler Friedrich Merz reagiert hat.
Türmer wirft dem CDU-Politiker vor, mit seinem Drängen auf die Einführung einer Wochenarbeitszeit die Lebenswirklichkeit vieler Beschäftigter zu ignorieren. „Merz sieht die Erschöpfung in diesem Land nicht, er verschärft sie“, sagte er dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Den Acht-Stunden-Tag aufzuweichen, sei kein Signal des Aufbruchs, sondern „eine Frechheit“. Die gesetzliche Höchstarbeitszeit schütze Arbeitnehmer davor, mit 50 Jahren arbeitsunfähig zu werden, weil sie ausgebrannt seien oder ihre Gesundheit dauerhaft Schaden genommen habe. Wer Arbeitszeiten von nahezu 13 Stunden am Stück ermögliche, betreibe sozialpolitischen Rückschritt und liefere Beschäftigte der Willkür ihrer Vorgesetzten aus.
Die Wortwahl ist drastisch, doch sie verweist auf einen Konflikt, der tiefer reicht als der tagespolitische Schlagabtausch zwischen Regierung und SPD-Nachwuchsorganisation. Seit Monaten verdichtet sich in Deutschland die Vorstellung, wirtschaftliche Schwäche lasse sich vor allem durch mehr Arbeit überwinden: mehr Stunden, längere Lebensarbeitszeit, weniger Regulierung. Dahinter steht die Diagnose, die Bundesrepublik verliere an Wettbewerbsfähigkeit und könne sich bestehende Schutzstandards auf Dauer nicht mehr leisten. Die Gegenseite hält dagegen, dass Produktivität nicht allein eine Frage der Arbeitszeit sei, sondern auch der Belastungsgrenzen und der Qualität von Arbeit.
Gerade deshalb trifft Türmers Einwand einen empfindlichen Punkt. Die Erfahrung vieler Beschäftigter der vergangenen Jahre war nicht die einer saturierten Gesellschaft, sondern die permanenter Krisenbewältigung: Pandemie, Inflation, steigende Mieten, Unsicherheit am Arbeitsmarkt. Wer nun erneut Verzicht und zusätzliche Flexibilität einfordert, muss erklären, weshalb die Lasten abermals bei jenen landen sollen, die den Alltag des Landes tragen. Türmer formuliert daraus den Vorwurf, die 42 Millionen Arbeitnehmer hätten bereits in jeder Krise die größten Einschnitte hinnehmen müssen. Wenn Merz auf dem DGB-Bundeskongress nun Veränderungsbereitschaft einfordere, sei das „eine höhnische Forderung“.
Bemerkenswert ist dabei weniger die erwartbare Konfrontation zwischen Jusos und Union als die Verschiebung des politischen Tons. Türmer greift Merz nicht nur inhaltlich an, sondern auch persönlich. Der Kanzler solle zunächst selbst mehr arbeiten, sagte er mit Blick auf die „handwerklichen Fehler“, die sich die Regierung täglich leiste. Das ist polemisch zugespitzt, verweist aber auf ein wachsendes Misstrauen gegenüber politischen Appellen zur Mehrleistung. Wer Opferbereitschaft verlangt, gerät zunehmend selbst unter Rechtfertigungsdruck.
Die Diskussion offenbart damit ein Dilemma, das die deutsche Politik seit Jahren begleitet. Der wirtschaftliche Anpassungsdruck ist real, ebenso die demografischen Probleme. Zugleich wächst die Skepsis gegenüber einem Fortschrittsbegriff, der vor allem längere Arbeitszeiten und höhere Belastbarkeit meint. Zwischen Effizienz und Erschöpfung verläuft inzwischen eine politische Konfliktlinie, die weit über Parteigrenzen hinausreicht.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Brisanz dieser Debatte: dass sich ein Land, das sich lange über Arbeit definierte, zunehmend fragt, wie viel Arbeit es sich noch zumuten kann — und zu welchem Preis. +++ red.












