Der Preis der Eskalation - Ifo-Präsident warnt vor Rezession durch US-Strafzölle

Exporthafen1

Die Drohung steht im Raum, noch bevor ihre wirtschaftlichen Folgen präzise zu beziffern sind: Sollte Washington die angekündigten Strafzölle auf Auto- und Lastwagenimporte aus der Europäischen Union tatsächlich auf 25 Prozent erhöhen, geriete ausgerechnet jene deutsche Industrie weiter unter Druck, die seit Jahren zwischen Absatzschwäche, Transformation und wachsender Konkurrenz aus Asien um Stabilität ringt. Dass nun auch das Münchener Ifo-Institut vor einer möglichen Rezession im Jahr 2026 warnt, falls Europa seinerseits mit Gegenzöllen reagiert, ist deshalb weniger Alarmismus als Ausdruck einer nüchternen Lagebeschreibung.

Denn die Debatte über Zölle ist längst keine bloße handelspolitische Randfrage mehr. Sie berührt den Kern eines exportorientierten Wirtschaftsmodells, das über Jahrzehnte auf offenen Märkten, verlässlichen Partnerschaften und kalkulierbaren politischen Beziehungen beruhte. Wenn US-Präsident Donald Trump nun ankündigt, die Einfuhrzölle auf Fahrzeuge aus der Europäischen Union von 15 auf 25 Prozent anzuheben, dann ist das nicht nur ein industriepolitisches Signal an die eigene Wählerschaft. Es ist zugleich ein weiterer Schritt in einer Entwicklung, in der wirtschaftliche Verflechtung zunehmend als geopolitisches Druckmittel verstanden wird.

Clemens Fuest weist zu Recht darauf hin, dass die deutsche Autoindustrie von solchen Maßnahmen in einer ohnehin schwierigen Phase getroffen würde. Die Branche steckt mitten in einem kostspieligen Strukturwandel, kämpft mit schwacher Nachfrage, hohen Energiepreisen und einer Konkurrenz, die technologisch und preislich aggressiver geworden ist. Zusätzliche Handelshemmnisse verschärfen diese Probleme nicht abstrakt, sondern konkret: bei Investitionen, Beschäftigung und Exporten. Gerade weil die Vereinigten Staaten für deutsche Hersteller ein bedeutender Absatzmarkt bleiben, wäre ein Zollsprung dieser Größenordnung mehr als eine symbolische Belastung.

Gleichzeitig liegt in der Forderung nach „angemessenen Gegenmaßnahmen“, wie sie der Ökonom Jens Südekum formuliert, eine politische Logik, der sich Brüssel kaum vollständig entziehen kann. Wer auf protektionistische Schritte gar nicht reagiert, riskiert den Eindruck wirtschaftlicher Wehrlosigkeit. Doch jede Reaktion birgt ihrerseits das Risiko einer weiteren Eskalation. Handelskonflikte folgen selten einer kontrollierten Dramaturgie; sie entwickeln eine Eigendynamik, die politische Entschlossenheit belohnt und wirtschaftliche Vernunft bestraft. Gerade Deutschland hätte in einem solchen Szenario besonders viel zu verlieren, weil seine Wirtschaft von internationalen Lieferketten und offenen Absatzmärkten in besonderem Maße abhängt.

Bemerkenswert ist deshalb der vorsichtige Ton, den Südekum anschlägt. Die Europäische Union solle zunächst abwarten, ob die angekündigten Zölle tatsächlich umgesetzt werden. Darin steckt weniger Zögern als das Bewusstsein, dass politische Ankündigungen im amerikanischen Wahlkampf oft Teil einer größeren Inszenierung sind. Dennoch wäre es fahrlässig, die Drohung allein als rhetorische Zuspitzung abzutun. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass protektionistische Maßnahmen in den Vereinigten Staaten längst nicht mehr nur als Ausnahme gelten, sondern parteiübergreifend an Zustimmung gewonnen haben.

Europa steht damit vor einem bekannten, aber ungelösten Dilemma. Es muss wirtschaftliche Interessen verteidigen, ohne selbst jene Offenheit preiszugeben, auf der sein Wohlstand beruht. Der reflexhafte Ruf nach Härte mag politisch verständlich sein; ökonomisch bleibt er riskant. Denn am Ende eines Handelskriegs stehen selten Sieger. Meist bleiben höhere Preise, geringeres Wachstum und ein weiterer Verlust an Vertrauen in eine internationale Ordnung, die ohnehin brüchiger geworden ist. Gerade darin liegt die eigentliche Warnung, die aus den Worten des Ifo-Präsidenten herauszuhören ist. +++ me

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