Wenn es in einer Trafostation brennt und möglicherweise noch ein Mensch im Gebäude eingeschlossen ist, zählt jede Minute. Für Feuerwehrleute beginnt in einem solchen Fall allerdings ein ungewöhnlicher Wettlauf gegen die Zeit. Denn dort, wo sonst unmittelbares Eingreifen gefragt ist, kann genau das zur tödlichen Gefahr werden. Elektrische Spannung ist nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht unmittelbar wahrnehmbar. Bei einer Mittelspannungsstation liegen 20.000 Volt an. Bevor Einsatzkräfte einen solchen Gefahrenbereich betreten können, muss deshalb zunächst feststehen, dass die Anlage abgeschaltet und tatsächlich spannungsfrei ist.
Genau dieses Szenario stand im Mittelpunkt einer gemeinsamen Einsatzübung der RhönEnergie-Netzgesellschaft OsthessenNetz und der Freiwilligen Feuerwehr Mittelkalbach. Gemeinsam mit Monteuren der OsthessenNetz, Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehr Mittelkalbach sowie den Maltesern Petersberg und Kerzell trainierten die Beteiligten mehrere Szenarien unter möglichst realistischen Bedingungen. Die Malteser Petersberg sorgten dabei für eine realistische Unfalldarstellung. Die Malteser Kerzell waren mit einem Rettungswagen an der Übung beteiligt.
Ausgangspunkt des Trainings war zunächst die Meldung über einen Containerbrand. Erst im weiteren Verlauf stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen Brand in einer Mittelspannungsstation handelte. Damit veränderte sich die Lage für die Einsatzkräfte grundlegend. Zusätzlich musste eine verletzte Person aus dem Gefahrenbereich gerettet werden. Für die Feuerwehr bedeutete dies, dass nicht allein die Brandbekämpfung im Vordergrund stand. Gleichzeitig musste geklärt werden, ob und wann ein gefahrloses Betreten des Bereichs überhaupt möglich war.
Die entscheidende Besonderheit elektrischer Anlagen ist dabei die Gefahr, die für Einsatzkräfte nicht unmittelbar erkennbar ist. Während Rauch, Feuer oder herabfallende Gebäudeteile als konkrete Gefahren wahrgenommen werden können, bleibt elektrische Spannung unsichtbar. Gerade bei einer Mittelspannungsstation kann das fatale Folgen haben. Bevor die Feuerwehr tätig werden kann, muss deshalb der Netzbetreiber die betroffene Anlage abschalten und die Spannungsfreiheit sicherstellen.
Für Feuerwehrleute bedeutet das eine Situation, die ihrem eigentlichen Selbstverständnis entgegensteht. Wo normalerweise jede Sekunde genutzt wird, um Menschen aus einer Gefahrenlage zu retten, müssen sie zunächst abwarten. „Bei einer elektrischen Anlage widerspricht es eigentlich der Natur eines Feuerwehrmannes, nicht direkt helfen zu können. Aber wir müssen uns zunächst zurückhalten und warten, bis die Anlage spannungsfrei geschaltet ist. Erst dann können wir den Bereich betreten und mit der Rettung oder Brandbekämpfung beginnen“, erklärt Tim Staubach, Übungsleiter der Freiwilligen Feuerwehr Mittelkalbach.
Gerade diese notwendige Zurückhaltung macht deutlich, warum solche Übungen mehr sind als eine Routineveranstaltung. Die einzelnen Organisationen müssen im Ernstfall nicht nur ihre eigenen Abläufe beherrschen. Sie müssen auch wissen, welche Aufgaben die jeweils andere Seite übernimmt und an welcher Stelle das eigene Handeln zunächst zurückstehen muss. Gerade bei seltenen Einsatzszenarien können gemeinsame Übungen deshalb entscheidend sein, damit aus verschiedenen Einsatzorganisationen im Ernstfall eine funktionierende Einheit wird.
Für die OsthessenNetz gehört diese Zusammenarbeit ebenfalls zur Vorsorge. Die Monteure des Netzbetreibers sind täglich im Einsatz, um die zuverlässige Stromversorgung sicherzustellen und Störungen möglichst schnell zu beheben. Kommt es zu einem Zwischenfall an einer elektrischen Anlage, übernehmen sie eine zentrale Aufgabe. Sie schalten die betroffene Anlage ab, stellen die Spannungsfreiheit sicher und schaffen damit erst die Voraussetzung dafür, dass Feuerwehr und Rettungsdienst sicher in den Gefahrenbereich vordringen können.
„Strom ist lautlos und unsichtbar – deshalb lässt sich die Gefahr für die Einsatzkräfte nicht immer unmittelbar erkennen. Genau solche Übungen helfen uns, die Abläufe zwischen Netzbetreiber, Feuerwehr und Rettungsdienst unter realistischen Bedingungen zu trainieren und im Ernstfall schnell und sicher zusammenzuarbeiten“, sagt Lukas Wingenfeld, Netzmeister der OsthessenNetz.
Die Übung in Mittelkalbach machte damit eine Gefahr sichtbar, die im normalen Alltag kaum wahrgenommen wird. Stromversorgung funktioniert für die meisten Menschen im Hintergrund. Erst wenn eine elektrische Anlage beschädigt ist, brennt oder aus einem anderen Grund zur Gefahrenquelle wird, zeigt sich, wie viele Schritte notwendig sind, bevor Einsatzkräfte überhaupt handeln können. Was für Außenstehende wie eine Verzögerung aussehen könnte, ist in einer solchen Situation eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.
Am Ende geht es deshalb um eine klare Reihenfolge: Lage erkennen, Gefahren beurteilen, Anlage abschalten, Spannungsfreiheit sicherstellen und erst dann den Gefahrenbereich betreten. Diese Abläufe müssen sitzen, wenn aus einer Übung Realität wird. Denn im Ernstfall bleibt keine Zeit, Zuständigkeiten erst zu klären oder grundlegende Abläufe auszuprobieren.
Die gemeinsame Einsatzübung von OsthessenNetz, Freiwilliger Feuerwehr Mittelkalbach und den Maltesern aus Petersberg und Kerzell sollte genau diese Schnittstellen trainieren. Die Beteiligten konnten die notwendigen Abläufe unter möglichst realistischen Bedingungen praktisch erproben und Erfahrungen sammeln. Die Übung zeigte dabei vor allem eines: Sicherheit entsteht nicht allein durch Technik oder Einsatzbereitschaft, sondern auch durch klare Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und das Wissen darüber, wann gehandelt werden muss – und wann gerade das Warten Leben retten kann. +++













