Infratest: Merz mit historisch schlechtesten Zustimmungswerten im Deutschlandtrend

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Bundeskanzler Friedrich Merz. Foto: fdi-Mediendienst

Es ist ein Befund, der selbst in der oft rauen Berliner Stimmungslage hervorsticht: Bundeskanzler Friedrich Merz hat im aktuellen „Deutschlandtrend“ der ARD den schlechtesten Zufriedenheitswert erreicht, der jemals für einen amtierenden Bundeskanzler in dieser Erhebung gemessen wurde. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt befindet sich der CDU-Politiker damit in einer politischen Situation, die nicht nur seine persönliche Autorität infrage stellt, sondern zunehmend auch die Stabilität der schwarz-roten Koalition belastet.

Während im Juni 2025, wenige Wochen nach seinem Einzug ins Kanzleramt, noch 39 Prozent der Befragten mit seiner Arbeit zufrieden waren, liegt dieser Wert inzwischen nur noch bei 16 Prozent. Gleichzeitig erklären 83 Prozent der Bürger, sie seien mit der politischen Arbeit des Kanzlers unzufrieden. Damit fällt Merz sogar unter den bisherigen Tiefstwert seines Vorgängers Olaf Scholz, der im September 2024 auf 18 Prozent Zustimmung gekommen war. Die Zahlen stammen aus einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Infratest unter 1.303 Wahlberechtigten, die zwischen Montag und Mittwoch dieser Woche befragt wurden.

Auch bei den persönlichen Führungsqualitäten des Kanzlers zeigt sich ein deutliches Misstrauen. Nur noch ein Viertel der Deutschen hält Friedrich Merz derzeit für dem Amt des Bundeskanzlers gewachsen. Knapp sieben von zehn Befragten sehen das anders. Besonders deutlich fällt der Absturz beim Krisenmanagement aus: Lediglich 18 Prozent trauen Merz zu, Deutschland gut durch eine Krise zu führen. Im August vergangenen Jahres hatten dies noch deutlich mehr Bürger angenommen. Ähnlich ernüchternd fällt das Urteil über seine Kommunikation aus. Nur 14 Prozent der Befragten meinen, der Kanzler vermittle seine Politik überzeugend, während mehr als vier Fünftel dies ausdrücklich verneinen.

Die Unzufriedenheit richtet sich allerdings längst nicht mehr allein gegen den Regierungschef. Auch die Koalition aus Union und SPD wird von einer breiten Mehrheit kritisch gesehen. 84 Prozent der Befragten äußern sich unzufrieden darüber, wie die Regierungsparteien miteinander umgehen. Noch schlechter wird die öffentliche Vermittlung der Regierungspolitik bewertet: 87 Prozent kritisieren, dass die Koalition ihre politischen Vorhaben den Bürgern nicht überzeugend erkläre.

Dennoch ergibt sich bei der Frage nach der Zukunft der Regierung ein differenzierteres Bild. Zwar meint knapp die Hälfte der Deutschen, die Koalition solle nicht bis zum regulären Ende der Legislaturperiode weitermachen. Gleichzeitig spricht sich jedoch innerhalb der jeweiligen Anhängerschaften von Union und SPD eine deutliche Mehrheit dafür aus, am Bündnis festzuhalten. Offenbar überwiegt dort weiterhin die Sorge vor politischer Instabilität oder vor möglichen Neuwahlen.

Auch inhaltlich fällt die Bilanz der Bundesregierung verheerend aus. Fünf von sechs Deutschen erklären laut Infratest, sie seien unzufrieden mit dem, was die Regierung bislang auf den Weg gebracht habe. Nur zwölf Prozent zeigen sich zufrieden. Besonders stark ist der Vertrauensverlust bei wirtschaftspolitischen Fragen. Nur noch 24 Prozent der Befragten trauen der Bundesregierung zu, die deutsche Wirtschaft wieder zu stärken – ein dramatischer Rückgang gegenüber dem Beginn der Amtszeit von Friedrich Merz. Auch beim Thema soziale Sicherheit überzeugt die Regierung nur noch eine Minderheit. Lediglich etwa jeder Vierte glaubt noch daran, dass Schwarz-Rot hier Fortschritte erzielen kann.

Etwas stabiler bleibt die Koalition beim Thema Migration. Jeder Dritte hält die Bundesregierung weiterhin für fähig, irreguläre Migration wirksam zu begrenzen und zu steuern. Dennoch reicht auch dieser Wert nicht aus, um insgesamt den Eindruck einer handlungsstarken Regierung zu erzeugen.

Interessant fällt der Blick auf die Kräfteverhältnisse innerhalb der Koalition aus. Die Deutschen sind sich uneinig darüber, welche Partei sich bislang stärker durchgesetzt hat. Drei von zehn Befragten sehen die Union vorn, gut jeder Fünfte die SPD. Mehr als ein Drittel allerdings hat den Eindruck, dass sich beide Parteien entweder gleichermaßen oder gleichermaßen wenig profilieren konnten. Genau darin spiegelt sich womöglich das zentrale Problem dieser Koalition: Viele Bürger erkennen keine klare politische Richtung mehr.

Vor diesem Hintergrund geraten auch die angekündigten finanz- und steuerpolitischen Reformpläne stärker in den Fokus. Die Regierung plant für Januar 2027 eine umfassende Steuerreform, bislang allerdings ohne ein klares Finanzierungskonzept vorzulegen. In der Bevölkerung stoßen dabei insbesondere höhere Belastungen für Spitzenverdiener auf Zustimmung. Zwei Drittel der Befragten halten eine höhere Einkommenssteuer für hohe Einkommen für den richtigen Weg. Auch eine stärkere Besteuerung großer Erbschaften findet mehrheitlich Unterstützung. Skeptischer werden dagegen Überlegungen betrachtet, den Solidaritätszuschlag auch für hohe Einkommen abzuschaffen. Eine knappe Mehrheit lehnt diesen Vorschlag ab.

Außenpolitisch zeigt die Umfrage ebenfalls ein deutliches Meinungsbild. Eine große Mehrheit der Deutschen erwartet von der Bundesregierung im Umgang mit den USA eine selbstbewusste Haltung – selbst dann, wenn dies zu Konflikten mit US-Präsident Donald Trump führen sollte. Mehr als sieben von zehn Befragten sprechen sich dafür aus, dass Berlin in außenpolitischen Streitfragen auf eigenen Positionen beharrt. Nur eine Minderheit plädiert dafür, Trump nicht zusätzlich zu provozieren.

Zuletzt hatte Friedrich Merz den amerikanischen Präsidenten bei einem Besuch in einer Schule im Sauerland kritisiert und den USA vorgeworfen, „offensichtlich keine Strategie“ zu verfolgen. Trump reagierte darauf mit scharfer Kritik auf seiner persönlichen Plattform und kündigte an, Truppen aus Deutschland abziehen zu wollen.

Auch die Folgen des amerikanischen Krieges gegen den Iran beschäftigen die Bundesbürger. Die Bundesregierung hatte angekündigt, sich im Falle eines Endes der Kampfhandlungen an einer internationalen Militärmission zur Sicherung der Schifffahrt in der Straße von Hormus beteiligen zu wollen. Eine knappe Mehrheit der Deutschen unterstützt einen solchen Einsatz deutscher Minensuch-Schiffe. Besonders groß ist die Zustimmung unter Anhängern von Union, SPD und Grünen. Bei AfD und Linken dagegen lehnt jeweils eine Mehrheit einen solchen Einsatz ab.

Für Friedrich Merz markieren die aktuellen Zahlen einen politischen Tiefpunkt. Die Werte dokumentieren nicht nur eine wachsende Distanz vieler Bürger zum Kanzler, sondern auch eine tiefe Skepsis gegenüber der Handlungsfähigkeit der gesamten Bundesregierung. Ein Jahr nach dem Start der schwarz-roten Koalition ist aus dem Versprechen eines politischen Neuanfangs für viele Wähler vor allem Ernüchterung geworden. +++

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