Hessische Pionierleistung verändert deutsche Hochschullandschaft

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Podiumsdiskussion anlässlich der Zehn-Jahresfeier (von links): Wissenschaftsminister Timon Gremmels, Prof. Dr. Uta Gaidys (Mitglied Wissenschaftsrat), Moderatorin Dr. Christine Burtscheidt (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur), Prof. Dr. Karim Khakzar (Präsident der Hochschule Fulda, Vorsitzender der hessischen HAWs), Prof. Dr. Matthias Kleiner (Vorsitzender der Gutachterkommission), Prof. Dr. Alexandra Zein (Technische Hochschule Aschaffenburg) Foto: Hochschule Fulda

Vor zehn Jahren begann in Hessen ein hochschulpolitisches Experiment, das das deutsche Wissenschaftssystem nachhaltig verändern sollte. Als erstes Bundesland öffnete Hessen seinen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften den Weg zu einem eigenständigen Promotionsrecht – zunächst vorsichtig, befristet und gegen erheblichen Widerstand aus den Universitäten. Heute gilt das Modell bundesweit als Vorbild. Fast alle Länder sind dem hessischen Beispiel inzwischen gefolgt. Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die Hochschule Fulda.

Auf Einladung des hessischen Wissenschaftsministers Timon Gremmels erinnerten die hessischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften nun in Wiesbaden an die Einführung des Promotionsrechts und zogen Bilanz. Im Mittelpunkt der Feier im Hessischen Landesmuseum für Kunst & Natur stand dabei eine Entscheidung, die 2016 noch als kleine Revolution galt.

Damals überreichte der frühere Wissenschaftsminister und heutige hessische Ministerpräsident Boris Rhein dem Präsidenten der Hochschule Fulda, Karim Khakzar, die bundesweit erste Urkunde zur Ausübung eines eigenständigen Promotionsrechts an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Damit entstand in Fulda das Promotionszentrum „Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Globalisierung, Europäische Integration und Interkulturalität“. Zum ersten Mal durfte eine deutsche HAW eigenständig Doktortitel verleihen.

Bis dahin war das Promotionsrecht ausschließlich Universitäten vorbehalten. Entsprechend scharf fiel die Kritik vieler Hochschulen aus. Die hessische Landesregierung hielt dennoch an ihrem Kurs fest, koppelte die Einführung aber an eine fünfjährige Befristung und eine wissenschaftliche Evaluation. Den Vorsitz des Gutachtergremiums übernahm der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner. Anfang 2022 bescheinigte die Kommission den hessischen Promotionszentren tragfähige Strukturen für qualitativ anspruchsvolle Promotionen. Die Gutachter sprachen von einer „beachtlichen Leistung“. Kurz darauf wurde das Promotionsrecht entfristet.

Was zunächst als Sonderweg Hessens begann, entwickelte sich rasch zu einem Modell für die gesamte Bundesrepublik. Nahezu alle Länder führten vergleichbare Regelungen ein, lediglich Sachsen gilt bislang als zurückhaltend. Für Wissenschaftsminister Gremmels ist das ein Beleg dafür, wie stark Hochschulen für Angewandte Wissenschaften inzwischen auch als Forschungsstandorte wahrgenommen werden. In seinem Grußwort würdigte er sowohl die politischen Wegbereiter als auch die Professorinnen und Professoren, die die Promotionszentren aufgebaut hätten. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften entwickelten Lösungen für konkrete Herausforderungen in Industrie, Gesundheitswesen und sozialen Bereichen, sagte Gremmels. Das Promotionsrecht stärke diese Rolle zusätzlich.

Bei einer Podiumsdiskussion blickten Gremmels, Khakzar und Gutachterchef Kleiner auf die vergangenen zehn Jahre zurück. Khakzar hatte seinerzeit als Sprecher der hessischen HAWs die Verhandlungen mit dem Wissenschaftsministerium geführt und maßgeblich an den Rahmenbedingungen gearbeitet, die später auch anderen Bundesländern als Orientierung dienten.

Heute forschen an den acht hessischen Promotionszentren der fünf Hochschulen für Angewandte Wissenschaften rund 300 Promovierende. Die Hochschule Fulda stellt mit mehr als 110 Doktorandinnen und Doktoranden die größte Gruppe. Für Khakzar markiert das Promotionsrecht einen tiefgreifenden Wandel der Hochschule. Die Bedeutung der Forschung sei enorm gewachsen, eingeworbene Drittmittel hätten sich verdreifacht. Auch bei der Gewinnung neuer Professorinnen und Professoren mache sich das Promotionsrecht deutlich bemerkbar. Zudem habe die Hochschule Fulda international sichtbar an Reputation gewonnen.

Wie stark sich das System inzwischen etabliert hat, zeigt auch die Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Mit Alexandra Zein nahm eine Vertreterin jener Generation auf dem Podium Platz, die bereits vollständig innerhalb eines HAW-Promotionszentrums ausgebildet wurde. Zein zählt zu den ersten Absolventinnen des Promotionszentrums „Soziale Arbeit“ und lehrt heute selbst als Professorin an der Technischen Hochschule Aschaffenburg. Gerade in Fächern wie der Sozialen Arbeit, die traditionell stark an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften verankert sind, bilden die Einrichtungen damit inzwischen ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs aus. +++ red.

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