Bund der Steuerzahler: Immer mehr hessische Kommunen erhöhen Grund- und Gewerbesteuern

Wohnungengeld

Die finanzielle Lage vieler Städte und Gemeinden in Hessen spiegelt sich nach Einschätzung des Bundes der Steuerzahler (BdSt) Hessen immer deutlicher in den Steuerbescheiden der Bürgerinnen und Bürger wider. Eine aktuelle Umfrage des Verbandes unter allen 421 hessischen Kommunen zeigt, dass die Belastungen sowohl für Eigentümer und Mieter als auch für Unternehmen weiter zunehmen. Besonders bei der Grundsteuer B wurden neue Rekordwerte erreicht, zugleich stiegen auch die Hebesätze der Gewerbesteuer auf einen neuen Höchststand, schreibt fuldainfo.de.

„Mit den neuen Hebesätzen in Riedstadt mit 1.600 Prozent oder Hofheim mit 1.545 Prozent haben wir neue Höchstwerte erreicht, die noch vor Kurzem unvorstellbar waren“, erklärte BdSt-Vorstandsmitglied Jochen Kilp. Besorgniserregend sei aus Sicht des Verbandes jedoch nicht allein die Höhe einzelner Hebesätze, sondern vor allem die Zahl der Kommunen, die ihre Steuern weiter angehoben haben. So erhöhten 156 Städte und Gemeinden im Jahr 2026 die Grundsteuer B. Bei der Gewerbesteuer beschlossen 98 Kommunen höhere Hebesätze als im Vorjahr. Damit erreichte auch die durchschnittliche Belastung der Unternehmen einen neuen Rekordwert.

Nach Auffassung des Steuerzahlerbundes sind die steigenden Hebesätze Ausdruck einer zunehmenden finanziellen Schieflage der Kommunen. Bund und Länder hätten den Städten und Gemeinden in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben übertragen, ohne gleichzeitig für eine ausreichende Finanzierung zu sorgen. Als Beispiele nennt der Verband die gestiegenen Sozialausgaben sowie den Ausbau der Kinderbetreuung. „Die Städte und Gemeinden kommen daher aktuell kaum umhin, ihre Hebesätze insbesondere für die Grundsteuern zu erhöhen, um die Arbeit vor Ort finanzieren zu können. Wir befürchten, dass sich die Steuerspirale 2027 noch weiterdrehen wird“, sagte Kilp.

Besonders deutlich fielen die Erhöhungen der Grundsteuer B in Hofheim im Main-Taunus-Kreis mit einem Plus von 886 Prozentpunkten aus. Es folgen Mossautal im Odenwaldkreis mit 655, Riedstadt im Kreis Groß-Gerau mit 615, Kirtorf im Vogelsbergkreis mit 613 sowie Rödermark im Kreis Offenbach mit 527 Prozentpunkten. Von den höheren Hebesätzen sind nicht nur Eigentümer betroffen. Da die Grundsteuer B über die Nebenkosten auf Mieter umgelegt werden kann, steigen auch für viele Mieter die Wohnkosten. Gleichzeitig gibt es einzelne Kommunen, die ihre Bürger entlasten. Fünf Städte und Gemeinden senkten ihre Hebesätze. Die deutlichsten Entlastungen verzeichneten Hünfelden im Kreis Limburg-Weilburg mit minus 90 Prozentpunkten, Eichenzell im Kreis Fulda mit minus 50 sowie Calden im Kreis Kassel mit minus 20.

Mit den neuen Beschlüssen hat sich die Spannweite der Hebesätze in Hessen nochmals vergrößert. Den höchsten Wert erhebt nun Riedstadt mit 1.600 Prozent, gefolgt von Hofheim mit 1.545 sowie Eppstein im Main-Taunus-Kreis und Mühlheim im Kreis Offenbach mit jeweils 1.450 Prozent. Ginsheim-Gustavsburg im Kreis Groß-Gerau folgt mit 1.400 Prozent. Alle fünf Kommunen liegen damit über dem bisherigen Spitzenwert von 1.327 Prozent, den Heusenstamm im Kreis Offenbach im Vorjahr erreicht hatte. Die niedrigsten Hebesätze gelten dagegen in Rasdorf im Kreis Fulda und Beselich im Kreis Limburg-Weilburg mit jeweils 167 Prozent sowie in Hünfeld im Kreis Fulda mit 189,52 Prozent. Der hessenweite Durchschnitt stieg binnen eines Jahres von 498 auf 549 Prozent.

Die Erhebung zeigt zugleich ein deutliches regionales Gefälle. Während Ballungsräume im Rhein-Main-Gebiet und größere Städte überwiegend hohe Hebesätze verlangen, bleiben viele ländliche Regionen vergleichsweise moderat. Den höchsten durchschnittlichen Hebesatz weist die Stadt Offenbach mit 1.230 Prozent auf. Es folgen Darmstadt mit 1.181 Prozent, der Landkreis Offenbach mit durchschnittlich 1.049 Prozent sowie der Landkreis Groß-Gerau mit 926 Prozent. Am niedrigsten liegen die Durchschnittswerte in den nordosthessischen Landkreisen Schwalm-Eder mit 329 Prozent, Fulda mit 331 und Waldeck-Frankenberg mit 361 Prozent.

Da die Kommunen ihre Hebesätze grundsätzlich selbst festlegen können und weder gesetzliche Obergrenzen noch entsprechende Gerichtsurteile existieren, sieht der Steuerzahlerbund kaum Erfolgsaussichten für juristische Schritte gegen die neuen Rekordwerte.

Neben den Hebesätzen untersuchte der Verband auch die tatsächliche Belastung pro Einwohner. Die höchste Pro-Kopf-Belastung aus der Grundsteuer B tragen demnach die Bürgerinnen und Bürger in Biebesheim im Kreis Groß-Gerau mit durchschnittlich 647 Euro jährlich. Es folgen Kirtorf mit 547 Euro sowie Hofheim mit 546 Euro. Die niedrigsten Werte wurden in Beselich mit 84 Euro, Ebsdorfergrund im Kreis Marburg-Biedenkopf mit 87 Euro und Rasdorf mit 91 Euro ermittelt. Im Landesdurchschnitt beträgt die Belastung 259 Euro pro Kopf.

Für Jochen Kilp machen diese Zahlen deutlich, dass die Finanzprobleme der Kommunen längst im Alltag der Menschen angekommen seien. „Die Daten insbesondere zur Pro-Kopf-Belastung aus der Grundsteuer B zeigen eindrucksvoll, dass die Schieflage der kommunalen Finanzen kein abstraktes Problem für Eingeweihte ist. Vielmehr müssen die Bürgerinnen und Bürger für die Fehlentwicklungen der letzten Jahre herhalten und immer tiefer in die Tasche greifen. Schon jetzt verteuern die kommunalen Belastungen aus Steuern und Abgaben das Wohnen erheblich. Während auf Bundesebene immer wieder ,Entlastungen für die Bürgerinnen und Bürger‘ in Aussicht gestellt werden, steigen die Zumutungen in den Städten und Gemeinden seit Jahren erheblich an. Daher steht zu befürchten, dass die überschaubaren Entlastungen, zu denen sich die Bundesregierung gerade durchringt, 2027 unter anderem durch steigende Grundsteuern mehr als aufgefressen werden.“ Bund und Länder seien deshalb gefordert, die Kommunen finanziell besser auszustatten und ihnen mehr Handlungsspielraum zu verschaffen.

Auch bei der Grundsteuer A setzte sich der Trend steigender Belastungen fort. Insgesamt erhöhten 90 Kommunen ihre Hebesätze. Die größten Anhebungen verzeichneten Rödermark mit 725 Prozentpunkten, Lautertal im Kreis Bergstraße mit 540 und Flörsheim im Main-Taunus-Kreis mit 445 Prozentpunkten. Demgegenüber senkten sieben Kommunen ihre Hebesätze. Die stärksten Entlastungen gab es in Herborn im Lahn-Dill-Kreis mit minus 111 Prozentpunkten, Knüllwald im Schwalm-Eder-Kreis mit minus 80 und Steffenberg im Kreis Marburg-Biedenkopf mit minus 35. Die höchsten Hebesätze verlangen Griesheim im Kreis Darmstadt-Dieburg mit 1.260 Prozent, Seeheim-Jugenheim im Kreis Bergstraße mit 1.154 sowie Rüdesheim im Rheingau-Taunus-Kreis mit 1.104 Prozent. Herborn verzichtet inzwischen vollständig auf die Erhebung der Grundsteuer A und ist damit die siebte Kommune in Hessen, die den Hebesatz auf null gesetzt hat. Bereits zuvor hatten Ehringshausen, Eppertshausen, Königstein, Neu-Isenburg, Schwalbach und Wettenberg diesen Schritt vollzogen. Im Landesdurchschnitt stieg der Hebesatz auf 441 Prozent und damit um 28 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Auch die Gewerbesteuer entwickelt sich nach Beobachtung des Steuerzahlerbundes zunehmend zu einem Instrument der Haushaltskonsolidierung. Seit 2024 erhöhen immer mehr Kommunen ihre Hebesätze, dieser Trend setzte sich 2026 fort. Die stärksten Anhebungen gab es in Wehretal im Werra-Meißner-Kreis mit 100 Prozentpunkten, Münzenberg im Wetteraukreis mit 80 sowie Kirtorf mit 75. Gesenkt wurden die Hebesätze lediglich in Bad Vilbel mit minus 30 und Aarbergen mit minus 10 Prozentpunkten. Die höchsten Gewerbesteuerhebesätze gelten inzwischen in Kaufungen im Kreis Kassel und Ronshausen im Kreis Hersfeld-Rotenburg mit jeweils 550 Prozent. Es folgen Ahnatal mit 535 sowie Espenau im Kreis Kassel mit 520 Prozent. Den niedrigsten Hebesatz erhebt weiterhin Beselich mit 305 Prozent, gefolgt von Bad Vilbel mit 327 sowie Eschborn im Main-Taunus-Kreis und Biebergemünd im Main-Kinzig-Kreis mit jeweils 330 Prozent. Landesweit stieg der Durchschnittswert auf 405 Prozent und damit um fünf Punkte gegenüber dem Vorjahr. +++ red.

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