75 Jahre Bad Hersfelder Festspiele sind weit mehr als das runde Jubiläum einer erfolgreichen Kulturinstitution. Die Jubiläumsspielzeit, die am vergangenen Freitag (26.06.) mit einem interaktiven Gemeinschaftsprojekt, einem Festakt und der Premiere von „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“ eröffnet wurde, machte vor allem eines deutlich: Die Geschichte der Festspiele ist untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Ihr Erfolg beruht nicht allein auf prominenten Namen, großen Inszenierungen oder der beeindruckenden Kulisse der Stiftsruine. Er gründet auf dem Engagement der Hersfelderinnen und Hersfelder, die das Festival seit seinen Anfängen tragen und immer wieder neu mit Leben füllen.
Dass diese Botschaft den Auftakt der 75. Spielzeit bestimmte, kam nicht von ungefähr. In nahezu allen Redebeiträgen wurde an die Wurzeln des traditionsreichen Formats erinnert. Besonders sichtbar wurde dieser Gedanke durch das eigens für das Jubiläum ins Leben gerufene Bürgerprojekt „HERZfeld Wir26“, das von der Hersfelder Bürgerschaft aktiv gestaltet wird. Es steht sinnbildlich für das Selbstverständnis der Festspiele: Kultur soll nicht nur präsentiert, sondern gemeinsam gestaltet werden.
Gleichzeitig markiert die Jubiläumssaison einen personellen Neuanfang. Nach 20 Jahren kehrt die gebürtige Österreicherin Elke Hesse an ihre frühere Wirkungsstätte zurück und übernimmt erneut die Intendanz. Ihre Rückkehr verbindet Erfahrung mit einem neuen Blick auf ein Festival, das sich ebenso verändert hat wie die Stadt selbst.
Bad Hersfelds Bürgermeisterin Anke Hofmann brachte diesen Gedanken bei der Eröffnung auf den Punkt. „75 Jahre bedeuten nicht nur Geschichte, sondern auch Mut, sich immer wieder neu zu erfinden“, sagte die parteilose Verwaltungschefin. Kultur, die sich nicht verändere, werde zum Museum, Kultur dagegen, die sich weiterentwickle, bleibe lebendig. Genau darin sieht Hofmann die besondere Qualität der Jubiläumsspielzeit. Elke Hesse kenne die Festspiele zwar aus eigener Erfahrung, doch weder das Festival noch Bad Hersfeld seien heute noch dieselben wie vor zwei Jahrzehnten. Gerade daraus entstehe eine besondere Dynamik. Vergangenheit und Zukunft reichten sich die Hand, Erfahrung treffe auf Aufbruch.
Hofmann beließ es jedoch nicht bei einem Blick auf die Gegenwart. Sie erinnerte daran, dass mit dem Jubiläum nicht lediglich eine Institution gefeiert werde, sondern Generationen von Menschen, die die Festspiele geprägt hätten. Gemeint seien nicht nur jene, die auf der Bühne standen, sondern ebenso diejenigen, die hinter den Kulissen Verantwortung übernommen hätten und Jahr für Jahr dazu beitrügen, dass die Saison gelingen könne. Zugleich gelte die Würdigung all jenen, die nach dem Ende einer Spielzeit bereits voller Vorfreude auf die nächste blickten.
Damit rückte die Bürgermeisterin den eigentlichen Kern der Festspiele in den Mittelpunkt. Sie seien weit mehr als Aufführungen in der Stiftsruine. Ihre besondere Kraft entstehe aus der engen Verbindung mit der Stadt. Während der acht Festspielwochen seien sie überall spürbar – in Begegnungen, Gesprächen und dem besonderen Esprit, der Bad Hersfeld präge. Gerade diese Verwurzelung unterscheide die Festspiele von vielen anderen Kulturveranstaltungen.
Entsprechend umfassend fiel ihr Dank aus. Er galt den Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie den Regie- und Technikteams, den Mitarbeitenden im Bühnenbau, der Maske, der Schneiderei, der Verwaltung, der Organisation und im Service. Ebenso würdigte sie die Unterstützung durch den Bund, das Land Hessen, den Landkreis Hersfeld-Rotenburg sowie Sponsoren und Förderer. Leidenschaft allein, so Hofmann, genüge für Kultur nicht. Sie brauche Vertrauen sowie Menschen und Institutionen, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen. Ebenso unverzichtbar sei das Publikum. Theater entstehe niemals ausschließlich auf der Bühne, sondern immer auch zwischen Schauspielern und Zuschauern.
Auch Hessens Ministerpräsident und Schirmherr der Festspiele, Boris Rhein, stellte die Bedeutung der Bad Hersfelder Festspiele für die hessische Kulturlandschaft heraus. Mit ihrem vielseitigen Programm, innovativen Inszenierungen und der einzigartigen Kulisse der romanischen Stiftsruine schüfen sie ein unvergessliches Theatererlebnis. Gerade das Zusammenspiel aus Tradition, Innovation und Zukunftsgestaltung mache ihren besonderen Charakter aus.
Rhein nutzte den Festakt zugleich, um Elke Hesse für ihre erneute Übernahme der künstlerischen Leitung zu danken. Bereits zwischen 2006 und 2009 habe sie die Festspiele als Intendantin geprägt. Nun setze sie erneut wichtige Impulse – mit Mut zu Neuem, einem Gespür für aktuelle Themen und ihrer Begeisterungsfähigkeit. Gleichzeitig bewahre sie das, was die Bad Hersfelder Festspiele seit 75 Jahren auszeichne.
Mit Blick auf das Jubiläum erinnerte der Ministerpräsident daran, dass auf der Bühne der Stiftsruine in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Geschichten erzählt worden seien, die ein Millionenpublikum berührt hätten. Gerade weil diese Geschichten immer wieder neu interpretiert und neu erzählt würden, hätten die Festspiele ihre Strahlkraft bewahren können.
Den historischen Bogen spannte schließlich der frühere hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der die Festrede hielt. Während seiner Amtszeit hatte er zahlreiche Saisoneröffnungen begleitet und ist den Festspielen bis heute eng verbunden. In seinem Rückblick auf das vergangene Dreivierteljahrhundert machte Bouffier deutlich, welchen Weg die Bad Hersfelder Festspiele genommen haben. Aus einer regionalen Initiative sei längst ein Kulturformat mit bundesweiter Strahlkraft geworden.
Zu dieser Entwicklung habe nicht zuletzt die außergewöhnliche Spielstätte beigetragen. Die Stiftsruine, die als größte romanische Klosterkirche weltweit gilt, sei zugleich eine der eindrucksvollsten Theaterbühnen Europas. Über Jahrzehnte hinweg hätten dort nahezu alle bedeutenden Schauspielgrößen des deutschsprachigen Raums ihr Festspieldebüt gegeben. Dass die Festspiele heute selbstverständlich erscheinen, dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Fortbestand keineswegs immer gesichert gewesen sei. Immer wieder habe es Jahre gegeben, in denen ungewiss gewesen sei, ob überhaupt eine neue Saison stattfinden könne.
Gerade deshalb richtete Bouffier den Blick auf die Anfänge. Die Gründung der Festspiele sei weder Ergebnis eines staatlichen Beschlusses noch einer kommunalen Entscheidung gewesen. Ausschlaggebend seien vielmehr Mut, Tatkraft und Ausdauer engagierter Hersfelder Bürgerinnen und Bürger gewesen. Aus einer 1949 anlässlich des 200. Todesjahres Johann Wolfgang von Goethes organisierten Hersfelder Festwoche mit Goethes „Faust“ entwickelte sich zunächst die „Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine“, aus der schließlich 1951 die Bad Hersfelder Festspiele hervorgingen.
Bouffier bezeichnete diese Entwicklung als das Werk einer echten Bürgerinitiative. Gerade darin liege bis heute die eigentliche Besonderheit der Festspiele. Sie seien nicht am Reißbrett entstanden, sondern aus dem Engagement einer Stadtgesellschaft heraus gewachsen. Darauf könnten die Hersfelderinnen und Hersfelder ebenso wie die gesamte Region mit Recht stolz sein.
Die Geschichte der Bad Hersfelder Festspiele weiterzuschreiben, ohne ihre Wurzeln aus dem Blick zu verlieren – genau darin sieht Elke Hesse ihre Aufgabe. Als sie vor knapp einem Jahr nach 20 Jahren an ihre frühere Wirkungsstätte zurückkehrte, stellte sie sich zunächst Fragen, die weit über die Auswahl eines Spielplans hinausgingen. Welche Geschichten können diese Mauern erzählen? Was haben die Steine der Stiftsruine über die Jahrhunderte hinweg gesehen und bewahrt? Antworten darauf, so Hesse, gebe der Geist dieses einzigartigen Ortes. Er bilde das Fundament aller künstlerischen Überlegungen.
Die Intendantin beschreibt ihre Rückkehr als große Ehre und zugleich als Herausforderung. Eine Kultur-Ikone wie die Bad Hersfelder Festspiele zu übernehmen, bedeute vor allem Verantwortung gegenüber einer langen Tradition. Doch Tradition dürfe nicht zum Selbstzweck werden. Sie müsse offen bleiben für die Zukunft.
Genau an diesem Punkt setzt Hesses Verständnis von Theater an. Die entscheidende Frage laute nicht, ob die Tradition bewahrt werden müsse, sondern wie sie fortgeschrieben werden könne. Welche Tradition ist überhaupt gemeint? Wie lässt sich ein zeitgemäßes Theaterverständnis auf der Bühne der Stiftsruine abbilden? Und welche Stoffe können diesem Anspruch gerecht werden?
Ihre Antwort fällt bewusst schlicht aus. Man wolle die Tradition fortschreiben und gleichzeitig öffnen. Deshalb rücke das Sprechtheater mit seiner sprachlichen Vielfalt wieder stärker in den Mittelpunkt. Gleichzeitig werde der Kulturraum Festspiele mit neuen Formaten für die Bürgerinnen und Bürger geöffnet. Das Bürgerprojekt „HERZfeld Wir26“ versteht Hesse dabei nicht als Begleitprogramm, sondern als Ausdruck dieses neuen Selbstverständnisses.
Bereits bei der Zusammenstellung des Programms vor mehr als einem Jahr sei der Anspruch gewachsen, dem Publikum ein „anspruchsvolles Vergnügen“ zu bieten. Dabei habe man von Anfang an berücksichtigt, dass sich auch die Erwartungen des Publikums verändert hätten. Theater müsse sich heute anderen Fragen stellen als noch vor Jahrzehnten.
Mit bemerkenswerter Offenheit formulierte Hesse ihren Blick auf die Rolle der Bühne. Das Theater, sagte sie, ringe heute um sein Leben. Es ringe darum, in einer unerklärlichen, widersprüchlichen und irritierenden Welt Orientierung zu finden. Dieses Ringen wolle man während der kommenden Festspielwochen auf der Bühne sichtbar machen – unterhaltsam, vielfältig und zugleich mit künstlerischem Anspruch.
Gerade in einer Zeit, die von geopolitischen Unruhen geprägt sei, komme dem Theater eine besondere Bedeutung zu. Deshalb verstehen sich die Macher der Bad Hersfelder Festspiele als „Botschafterin der neugierigen Leichtigkeit und der lustvollen Weltbetrachtung“. Dieser Satz beschreibt mehr als ein künstlerisches Programm. Er formuliert den Anspruch, Kultur nicht als Flucht vor der Wirklichkeit zu begreifen, sondern als Möglichkeit, ihr auf andere Weise zu begegnen.
Dabei stehen für Hesse die Schauspielerinnen und Schauspieler konsequent im Mittelpunkt. Die Bad Hersfelder Festspiele seien nicht einfach Festspiele, sondern vor allem Festspiele der Schauspielkunst. Das Publikum dürfe sich in den kommenden Wochen auf ein Ensemble von herausragender Qualität freuen.
Gleichzeitig formulierte die Intendantin einen Gedanken, der das Selbstverständnis ihrer ersten Spielzeit wohl am treffendsten beschreibt. Theater sei eine „Bebilderung des Unerklärlichen“. Für das Erklären seien andere zuständig. Aufgabe des Theaters sei es, aus dem Unerklärlichen ein Erlebnis zu machen. Mit diesem Anspruch bedankte sich Hesse abschließend bei ihrem Team um ihren Stellvertreter und Oberspielleiter Michael Schachermaier, der Dramaturgie sowie dem Organisationsteam für die enge Zusammenarbeit.
Dass die Festspiele ihren künstlerischen Anspruch auch musikalisch unterstreichen wollten, zeigte der Festakt eindrucksvoll. Mit dem Schauspieler Julian Weigend sowie der Kammerschauspielerin und Sängerin Sona MacDonald standen zwei Persönlichkeiten auf der Bühne, die den Bad Hersfelder Festspielen in besonderer Weise verbunden sind. Gemeinsam mit dem Festspielorchester unter der Leitung von Christoph Wohlleben setzte MacDonald den musikalischen Höhepunkt des Abends.
Mit Stephen Sondheims „I'm Still Here“ aus dem Musical „Collies“ hielt sie dem Publikum zugleich den Spiegel vor. Das Lied erinnerte an die Schattenseiten des Künstlerlebens und an den Preis, den Menschen im öffentlichen Leben häufig zahlen müssen. Zugleich rief der Auftritt auch die turbulenten Jahre der Festspiele in Erinnerung und verlieh dem Jubiläumsabend eine nachdenkliche Note.
Den eigentlichen Auftakt der Jubiläumsspielzeit bildete schließlich die Premiere von „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“. Gemeinsam mit Regisseur Michael Schachermaier führte Elke Hesse das Publikum in die Welt des Mittelalters, von Mäzenatentum und Minnesang. Die Inszenierung erinnert in Teilen an Goethes „Faust“ mit dessen berühmtem Satz „Es irrt der Mensch, solang er strebt“ ebenso wie an „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Gerade diese Offenheit macht ihren Reiz aus. Die Auslegung bleibt so vielfältig wie das Gleichnis selbst.
Das Publikum verfolgte den Weg des Protagonisten über rund zwei Stunden aufmerksam von den Rängen der Stiftsruine. Der Schlussapplaus setzte zunächst verhalten ein, ehe sich die Zuschauerinnen und Zuschauer langsam von ihren Plätzen erhoben. Vielleicht war gerade dieses Zögern mehr als bloße Zurückhaltung. Vielleicht war es Ausdruck einer Katharsis – jenes Nachwirkens, das großes Theater auslösen kann.
Sollte dies tatsächlich die beabsichtigte Wirkung gewesen sein, hätte Elke Hesse mit ihrer ersten Premiere nach der Rückkehr an die Spitze der Bad Hersfelder Festspiele genau das erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Nicht die schnelle Pointe, sondern die nachhaltige Auseinandersetzung. Nicht das rasche Vergessen, sondern das Weiterdenken.
So beginnt die 75. Spielzeit der Bad Hersfelder Festspiele mit einem bemerkenswerten Signal. Sie feiert ihre Geschichte, ohne sich in ihr einzurichten. Sie würdigt ihre Wurzeln, ohne den Blick von der Zukunft abzuwenden. Dass dabei die Bürgerinnen und Bürger ebenso im Mittelpunkt stehen wie die Schauspielkunst, ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Kulturverständnisses, das die Festspiele seit ihren Anfängen prägt.
Gerade darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Jubiläums. Die Bad Hersfelder Festspiele leben nicht allein von ihrer einzigartigen Bühne oder ihrer großen Vergangenheit. Sie leben davon, dass jede Generation bereit ist, ihre Geschichte neu zu erzählen. Die Erinnerung an diesen Premierenabend dürfte deshalb weit über die Jubiläumsspielzeit hinausreichen. Sie wird nachhallen – nicht nur wegen einer gelungenen Inszenierung, sondern weil sie zeigt, dass lebendige Kultur niemals abgeschlossen ist. Sie beginnt immer wieder von Neuem. +++





















