Wenn der Ernstfall geprobt wird

Fw lat9

Brände auf Dächern gehörten lange zu den kalkulierbaren Risiken eines Feuerwehreinsatzes. Mit der Verbreitung von Photovoltaikanlagen, Batteriesystemen und elektrisch betriebenen Fahrzeugen hat sich die Lage verändert. Einsatzkräfte müssen heute Szenarien beherrschen, die technische Defekte, instabile Stromversorgung und schwer zugängliche Gebäudestrukturen zugleich umfassen. Genau diese Entwicklung stand im Mittelpunkt der ersten Zugübung des Löschzuges Lauterbach Mitte am Dienstagabend bei der Firma Sachs Baudekoration in Lauterbach.

Das angenommene Szenario wirkte deshalb so realitätsnah, weil es keine spektakuläre Katastrophe entwarf, sondern eine Verkettung technischer und organisatorischer Probleme, wie sie im Ernstfall jederzeit denkbar wäre. Bei Reparaturarbeiten auf dem Dach sollte durch einen technischen Defekt eine Photovoltaikanlage in Brand geraten sein. Zwei Techniker konnten ihren ursprünglichen Zugangsweg über eine Leiter nicht mehr nutzen und mussten sich auf das Dach zurückziehen, möglichst weit entfernt vom Brandherd. Die Feuerwehr Lauterbach, Löschzug Mitte, wurde daraufhin alarmiert.

Schon die erste Lageerkundung machte deutlich, wie schnell selbst routinierte Abläufe an Grenzen stoßen können. Das Gelände war verschlossen, ein unmittelbarer Zugang nicht möglich. Eine Brandmeldeanlage gab es nicht. „Wir haben auch keinen Zugang zu dem Gelände, weil dort keine Brandmeldeanlage vorhanden ist“, erläuterte Übungsleiter Jörg Blankenburg. In der Übung befand sich glücklicherweise noch Personal im Ausstellungsraum des Unternehmens, das über einen Generalschlüssel verfügte. Über das Hubrettungsfahrzeug konnten die eingeschlossenen Personen schließlich vom Dach gerettet werden.

Damit war die Lage jedoch keineswegs beendet. Gerade darin lag der eigentliche Sinn der Übung. Denn moderne Einsatzlagen entwickeln selten nur eine einzige Dynamik. Durch einen Kurzschluss in der Photovoltaikanlage sollte zusätzlich die interne Stromversorgung ausgefallen sein. In unmittelbarer Folge geriet ein Elektrofahrzeug in Brand, das mit der Energieversorgung der Anlage verbunden war. Aus einem zunächst begrenzten Dachbrand wurde damit eine komplexe Einsatzlage mit mehreren Gefahrenquellen und voneinander abhängigen Schadensbildern.

Besonders anspruchsvoll wurde die Situation, als zwei vermisste Personen im Gebäude gemeldet wurden. Unter Atemschutz mussten zwei Trupps in das vernebelte Gebäude vordringen. „Man sah wirklich nicht die Hand vor den Augen“, sagte Blankenburg. Dass dabei eine Wärmebildkamera eingesetzt wurde, verweist auf eine Entwicklung, die den Feuerwehrdienst in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat. Technische Hilfsmittel ersetzen zwar nicht die Erfahrung der Einsatzkräfte, sie entscheiden aber zunehmend über Geschwindigkeit und Erfolg eines Einsatzes. „Man sieht wärmere Gegenstände oder auch Personen, die dort sitzen oder liegen, das ist dann eine einfache Art, die Personen zu finden“, erklärte Blankenburg. Die vermissten Personen konnten gerettet werden.

Erst danach begann die eigentliche Brandbekämpfung. Zunächst wurde eine sogenannte Riegelstellung am oberen Gebäudeteil aufgebaut, um ein Übergreifen der Flammen auf das Hauptgebäude zu verhindern. Die Windrichtung aus Osten spielte dabei eine entscheidende Rolle. Die Feuerwehr handelte nach einem Grundsatz, der im Einsatzdienst unverändert gilt, auch wenn die Technik komplexer wird: „Personenrettung ist immer unser Hauptziel“, sagte Blankenburg. Nachlöscharbeiten und Belüftungsmaßnahmen schlossen die Übung ab.

Bemerkenswert an dieser Übung war weniger die Größe des angenommenen Schadens als die Art der Organisation. Der Löschzug musste geteilt werden, um zwei unterschiedliche Einsatzabschnitte parallel bearbeiten zu können. Genau darin lag das eigentliche Lernziel. „Was man sich vorgestellt hatte, nämlich dass die Verantwortlichen hier herkommen und das erste Szenario abarbeiten, und dann wurde ein zweites Szenario eingespielt. So wurde quasi der Löschzug geteilt, damit man zwei unterschiedliche Einsatzabschnitte hat um dann agieren zu können. Dieses Lernziel wurde erfolgreich gemeistert“, erklärte Blankenburg zufrieden.

Dass an der Übung lediglich der Löschzug Mitte mit rund 35 Einsatzkräften beteiligt war, relativiert die Dimension der Lage nur auf den ersten Blick. Im realen Einsatzfall wäre wegen des Sondergebäudes ein „F3Y“ ausgelöst worden, also eine Alarmierung mehrerer Löschzüge bereits in der Erstphase. Größere Einsatzabschnitte und umfangreichere Verbände wären dann die Folge gewesen. „Das ist jetzt hier im Kleinen passiert, was in der Realität im Großen passieren würde“, sagte Blankenburg. Auch Fragen der Wasserversorgung wurden berücksichtigt. Zwar sei das Objekt durch das Hydrantennetz gut abgesichert, doch bei größerem Bedarf müsste eine lange Wegestrecke zum nächsten offenen Gewässer aufgebaut werden.

Ein eigenes Kapitel dieser Übung war die Beteiligung der Jugendfeuerwehr. Was im realen Einsatz aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen wäre, wurde hier bewusst ermöglicht. Die Jugendlichen fungierten als Statisten und erhielten damit einen Einblick in Abläufe, die sich sonst nur theoretisch vermitteln lassen. „Die Jugendfeuerwehr haben wir als Statisten eingesetzt. Die dürfen bei solchen Sachen noch nicht so richtig mitmachen“, erläuterte Blankenburg. Gleichwohl gehe es darum, jungen Menschen unter sicheren Bedingungen zu zeigen, wie Einsätze ablaufen und welche Verantwortung mit dem Feuerwehrdienst verbunden ist. Die Unfallverhütungsvorschriften seien dabei selbstverständlich eingehalten worden.

Dass Unternehmen ihre Gebäude für solche Übungen zur Verfügung stellen, ist keineswegs selbstverständlich. Geschäftsführer Christoph Sachs und Steffen Jöckel bedankten sich ausdrücklich bei den Einsatzkräften für deren ehrenamtliches Engagement und die Bereitschaft, die Übung auf dem Firmengelände durchzuführen.

Solche Übungen erzeugen selten öffentliche Aufmerksamkeit. Es gibt keine Sirenenbilder für soziale Netzwerke, keine spektakulären Flammen, keine dramatische Bilanz. Und doch entscheidet sich genau hier, ob Feuerwehren auf jene Einsätze vorbereitet sind, die mit der technischen Entwicklung komplizierter werden. Die moderne Infrastruktur macht vieles effizienter, aber sie macht Gefahrenlagen zugleich schwerer beherrschbar. Wer erst im Ernstfall beginnt, Abläufe zu koordinieren, hat bereits verloren. +++

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