Oft sind es die Leser, die die entscheidenden Fragen stellen. „Warum waren Sie in Künzell bei dem Gewaltdelikt nicht vor Ort?“ „Wollten Sie keine Fotos machen?“ „Keine Informationen vor Ort sammeln?“ Solche Fragen sind verständlich. Und ja: Sie sind berechtigt.
Nur muss man sie nicht zwangsläufig uns stellen.
Denn die viel interessantere Frage lautet: Wer informiert eigentlich die Presse? Und werden alle Medien informiert – oder nur bestimmte?
Gerade bei schweren Straftaten ist die Geschwindigkeit entscheidend. Nicht, weil Journalismus ein Wettrennen um das erste Foto sein sollte, sondern weil die Öffentlichkeit ein berechtigtes Interesse daran hat, verlässlich und möglichst zeitnah informiert zu werden.
Beim Tötungsdelikt in Künzell stellt sich deshalb eine Frage, die über diesen konkreten Fall hinausweist: Wie funktioniert die Informationskette zwischen Polizei, Rettungsdiensten und Medien?
Journalisten können nicht überall gleichzeitig sein. Sie können nicht jeden Einsatz vorhersehen. Bei einem Tötungsdelikt stehen zunächst Ermittlungen, Spurensicherung und die Aufklärung der Tat im Mittelpunkt. Die Polizei ist kein Pressedienst, der seine Einsatzplanung nach den Bedürfnissen von Redaktionen ausrichten muss.
Aber irgendwann beginnt die öffentliche Information. Und genau dort wird es interessant.
Der Polizeifunk, über den Journalisten früher in Teilen von Einsätzen erfahren konnten, ist heute keine verlässliche Informationsquelle mehr. Damit gewinnen direkte Kontakte an Bedeutung. Und hier stellt sich die Frage, ob Informationen tatsächlich nach transparenten Kriterien an die Medien gelangen.
Immer wieder entsteht der Eindruck, dass bestimmte Medien schneller von Einsätzen erfahren als andere. Das kann viele Gründe haben: persönliche Kontakte, eingespielte Kommunikationswege oder einzelne Ansprechpartner. Eine Redaktion erhält einen Hinweis, eine andere erfährt erst später davon.
Wenn man nachfragt, heißt es dann möglicherweise: Es waren Nachbarn, die die Presse informiert haben.
Das wollen wir einmal so stehen lassen.
Es ist eine mögliche Erklärung. Ob es tatsächlich so war, sei dahingestellt. Denn auch dann bleibt die Frage: Wie kommt es dazu, dass bestimmte Medien von einem solchen Ereignis erfahren und andere nicht? Haben Nachbarn tatsächlich einzelne Redaktionen informiert? Oder gibt es weitere Informationswege?
Vielleicht gibt es dafür eine ganz einfache Erklärung. Vielleicht auch nicht.
Auch die Nähe zu Organisationen wirft Fragen auf. Was macht es für eine Redaktion aus, wenn Mitglieder ihrer Redaktion zugleich beim Deutschen Roten Kreuz tätig sind?
Zunächst einmal gar nichts – jedenfalls nicht automatisch. Wer sich beim DRK engagiert, leistet wichtige Arbeit. Auch Journalisten dürfen sich außerhalb ihrer redaktionellen Tätigkeit gesellschaftlich engagieren.
Interessant wird es dort, wo daraus möglicherweise ein Informationsvorsprung entstehen könnte. Wer durch seine Tätigkeit beim Rettungsdienst näher an Einsatzgeschehen und Kommunikationswegen ist, könnte unter Umständen früher erfahren, dass etwas passiert ist. Das ist keine Behauptung, sondern eine Frage nach möglichen Strukturen.
Für eine Redaktion stellt sich damit die Frage nach der klaren Trennung zwischen Rettungsdienst und Journalismus: Wie wird verhindert, dass Informationen aus einer Tätigkeit beim Rettungsdienst in die redaktionelle Arbeit einfließen? Und wie wird gegenüber Lesern und anderen Medien Transparenz geschaffen?
Auch hier geht es nicht um einen Generalverdacht. Es geht um journalistische Standards.
Denn wenn persönliche oder institutionelle Verbindungen dazu führen können, dass eine Redaktion früher informiert ist als andere, verändert das die Ausgangslage. Dann geht es nicht allein um Rechercheleistung, sondern auch um den Zugang zu Informationen.
Genau deshalb sollten Leser ihre Fragen stellen. Aber nicht nur an die Medien.
Sie sollten auch fragen: Wann wurde die Presse informiert? Welche Medien wurden informiert? Über welchen Weg? Gab es eine allgemeine Information oder einzelne Kontakte?
Das sind keine Vorwürfe. Es sind Fragen der Transparenz.
Gerade das Polizeipräsidium Osthessen steht dabei in einer besonderen Verantwortung. Die Polizei muss ihre Ermittlungen schützen und kann selbstverständlich nicht jede Information sofort veröffentlichen. Wo Informationen aber an die Öffentlichkeit gegeben werden können, sollte nachvollziehbar sein, wie die Medien erreicht werden.
Dasselbe gilt für Rettungsdienste und andere beteiligte Organisationen.
Denn persönliche Netzwerke dürfen nicht wichtiger werden als ein fairer Zugang zu Informationen.
Deshalb sollte die Debatte nicht bei der Frage enden, welches Medium wann ein Foto vom Tatort veröffentlicht hat. Die eigentliche Frage lautet: Wie kann Presseinformation in Osthessen bei schweren Ereignissen transparenter, verlässlicher und möglichst gleichberechtigt organisiert werden?
Klare Verteiler, nachvollziehbare Informationswege und feste Ansprechpartner könnten dazu beitragen. Nicht jeder Einsatz braucht eine Presseinformation. Bei Ereignissen von erheblichem öffentlichem Interesse sollte aber klar sein, wie Medien davon erfahren können – unabhängig davon, ob ein Journalist zufällig den richtigen Kontakt kennt.
Das wäre kein Vorteil für ein einzelnes Medium. Es wäre ein Vorteil für die Öffentlichkeit.
Denn am Ende geht es nicht um das spektakulärste Tatortfoto. Es geht um den Zugang zu Informationen und damit um die Möglichkeit, Öffentlichkeit herzustellen.
Beim Tötungsdelikt in Künzell haben einige der Leser Fragen gestellt. Das ist gut so. Eine aufmerksame Öffentlichkeit ist kein Problem für den Journalismus. Sie ist eine seiner wichtigsten Voraussetzungen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Warum war dieses Medium nicht vor Ort?
Sondern auch: Warum wusste es möglicherweise nichts davon?
Wenn darauf eine klare Antwort gegeben werden kann, ist viel gewonnen – für die Polizei, für die Rettungsdienste, für die Medien und vor allem für die Menschen, die darauf angewiesen sind, dass Informationen nach nachvollziehbaren Regeln ihren Weg in die Öffentlichkeit finden.
Denn Pressefreiheit bedeutet nicht nur, dass Journalisten schreiben dürfen, was sie recherchiert haben. Sie setzt auch voraus, dass sie eine faire Chance haben, von relevanten Ereignissen zu erfahren. +++ me















Ein Kommentar
Die Frage, die hier gestellt wird, stellen sich in Osthessen längst viele: Warum scheint ein bestimmtes, hier bewusst nicht genanntes Medium bei bestimmten Ereignissen immer wieder über besondere Informationswege zu verfügen?
Die entscheidende Frage ist dabei nicht, ob ein Medium schneller ist als andere. Schnelligkeit kann journalistische Leistung sein. Aber sie kann auch das Ergebnis besserer Kontakte und privilegierter Informationswege sein. Genau deshalb muss darüber gesprochen werden.
Denn wenn Behörden, Rettungsdienste oder andere Institutionen Informationen weitergeben, sollte nachvollziehbar sein, nach welchen Kriterien dies geschieht. Pressefreiheit bedeutet nicht nur, veröffentlichen zu dürfen. Sie bedeutet auch, dass Medien eine faire Chance haben müssen, von relevanten Ereignissen zu erfahren.
Und deshalb darf man auch die unangenehme Frage stellen: Womit wird ein bestimmtes Medium eigentlich unterstützt? Mit journalistischer Qualität allein lässt sich ein solcher Eindruck jedenfalls nicht automatisch erklären. Wer sich die Berichterstattung dieses Mediums genauer anschaut, wird durchaus andere Gründe vermuten können.
Das ist keine Behauptung über unzulässige Absprachen. Es ist eine Frage nach Transparenz und gleichen Bedingungen.
Wenn öffentliche Stellen mit Medien zusammenarbeiten, sollte es nicht darum gehen, welches Medium besonders gut vernetzt ist oder wem man besonders nahesteht. Es sollte darum gehen, dass relevante Informationen die Öffentlichkeit erreichen – und zwar über nachvollziehbare und faire Wege.
Genau deshalb ist die Debatte über Künzell größer als dieser einzelne Fall. Sie betrifft die Frage, wie unabhängig und gleichberechtigt Lokaljournalismus in Osthessen tatsächlich arbeiten kann.