Ost und West: Warum die deutsche Einheit mehr Ehrlichkeit als Wohlfühl-Rhetorik braucht

Es ist ein Satz, der provoziert, gerade weil er einen wunden Punkt berührt: Viele Westdeutsche hätten inzwischen die „Nase voll“ von den ständigen Klagen aus dem Osten – auch angesichts der Kosten. Gesagt hat das Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Man kann diesen Satz scharf finden. Man kann ihn für zugespitzt halten. Man sollte ihn aber nicht vorschnell beiseitelegen. Denn hinter der Provokation steckt eine Debatte, die Deutschland seit Jahrzehnten begleitet und die bislang häufig mit viel politischer Rücksichtnahme, aber mit erstaunlich wenig historischer Nüchternheit geführt worden ist.

Brechtken beobachtet eine zunehmende Verärgerung in Westdeutschland über die Entwicklung Ostdeutschlands. Seine Diagnose ist unbequem: In den ostdeutschen Bundesländern habe sich eine unreflektierte „Abgrenzungsidentität“ breitgemacht, die es in dieser Form im Westen nicht gebe und die sich auf Geschichtsirrtümer berufe. Das ist eine schwere Aussage. Sie verdient deshalb weder reflexhafte Zustimmung noch reflexhafte Empörung, sondern eine genaue Betrachtung.

Denn die deutsche Einheit ist eben nicht nur eine Erfolgsgeschichte, aber auch keine Geschichte des permanenten westdeutschen Versagens gegenüber dem Osten. Sie ist das Ergebnis eines historischen Zusammenbruchs, einer politischen Vereinigung und eines wirtschaftlichen Transformationsprozesses, dessen Folgen bis heute sichtbar sind. Wer darüber spricht, muss beides aushalten: die Erfahrungen der Menschen in Ostdeutschland und die historischen Voraussetzungen, unter denen diese Erfahrungen entstanden sind.

Brechtken verweist auf einen Punkt, der in der öffentlichen Debatte tatsächlich häufig verkürzt wird. Wenn Ostdeutsche heute darauf hinweisen, dass es in den Ländern der ehemaligen DDR weniger zu vererben gebe und die Menschen dort ärmer seien als im Westen, dann müsse man sich fragen, woher diese Unterschiede stammen. Brechtkens Antwort ist eindeutig: nicht deshalb, weil Westdeutsche den Ostdeutschen nach 1990 etwas weggenommen hätten, sondern weil die DDR vier Jahrzehnte lang von der Substanz gelebt und es nicht geschafft habe, ein mit dem Westen vergleichbares Wirtschaftsvermögen aufzubauen.

Das ist keine Nebensächlichkeit. Es ist ein zentraler Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die DDR ging 1989 nicht als wirtschaftlich intaktes Land unter. Brechtken bezeichnet sie als „bankrott“, als ein „ökonomisch aufgezehrtes, von innen zerstörtes Land“. Wer die heutigen Vermögensunterschiede zwischen Ost und West ausschließlich aus den Jahren nach 1990 erklären will, blendet deshalb einen wesentlichen Teil der Vorgeschichte aus. Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen der deutschen Einheit waren nicht gleich. Die Bundesrepublik trat nicht auf einen gleichwertigen Partner, dessen Wirtschaft lediglich ein wenig modernisiert werden musste. Sie traf auf ein Land, dessen ökonomische Substanz in vier Jahrzehnten sozialistischer Planwirtschaft weitgehend aufgezehrt worden war.

Das erklärt vieles. Es entschuldigt allerdings nicht alles.

Denn ebenso falsch wäre es, aus dieser historischen Tatsache den Schluss zu ziehen, die Menschen im Osten hätten über ihre Erfahrungen zu schweigen. Die Jahre nach der Wiedervereinigung waren für Millionen Menschen mit tiefgreifenden Veränderungen verbunden. Arbeitsplätze verschwanden, Betriebe wurden geschlossen oder verkauft, berufliche Biografien verloren ihre Selbstverständlichkeit. Eine gesellschaftliche Ordnung, die über Jahrzehnte das Leben geprägt hatte, verschwand innerhalb weniger Jahre. Was ökonomisch notwendig erscheinen mochte, war für den Einzelnen nicht selten ein Bruch in der eigenen Biografie.

Genau hier liegt die Schwierigkeit der Debatte. Historische Verantwortung und persönliche Erfahrung sind zwei verschiedene Dinge. Wer die wirtschaftliche Hinterlassenschaft der DDR beschreibt, darf die Lebensleistung der Menschen, die dort gearbeitet und Familien versorgt haben, nicht geringachten. Und wer die Folgen der Transformation beschreibt, darf umgekehrt nicht so tun, als sei die DDR ein wirtschaftlich gesundes Land gewesen, das lediglich durch westdeutsche Interessen geschädigt worden sei.

Deutschland hat sich an dieser Trennlinie über Jahrzehnte schwergetan.

Statt die Widersprüche auszuhalten, wurde die deutsche Einheit häufig in ritualisierten Bildern erzählt. Zum 3. Oktober wird gefeiert, erinnert und beschworen. Es gibt Reden über das Zusammenwachsen, über gemeinsame Werte und über die Erfolgsgeschichte der Wiedervereinigung. Das ist verständlich. Aber es reicht nicht. Denn eine Gesellschaft wird nicht dadurch geeint, dass sie unangenehme Fragen mit freundlichen Worten umgeht.

Brechtken richtet seine Kritik deshalb auch an die deutsche Politik. Bei offiziellen Anlässen werde häufig so getan, als müsse man Ostdeutsche loben, in Schutz nehmen oder besonders rücksichtsvoll behandeln. Besonders deutlich wird seine Kritik am Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Wenn dieser zum 3. Oktober spreche, höre man weiterhin viel „Wohlfühl-Rhetorik“, sagt Brechtken. Notwendig sei vielmehr, auch diejenigen, die sich missverstanden fühlten oder nach ihrer Identität suchten, an einige historische Fakten zu erinnern.

Das ist der entscheidende Punkt.

Ein demokratisches Gemeinwesen darf seinen Bürgern historische Tatsachen zumuten. Es muss sogar dazu in der Lage sein. Wer Menschen immer nur bestätigt, weil er Konflikte vermeiden will, betreibt keine ernsthafte politische Verständigung. Er verschiebt den Konflikt lediglich in die Zukunft.

Das gilt für Ost und West gleichermaßen.

Es wäre falsch, jede ostdeutsche Kritik als Jammern abzutun. Ebenso falsch wäre es, jede westdeutsche Kritik als Ausdruck von Überheblichkeit zu verstehen. Die deutsche Einheit ist keine Erzählung mit eindeutig verteilten Rollen von Täter und Opfer. Sie ist komplizierter. Sie handelt von einem untergegangenen Staat, von wirtschaftlichen Fehlentwicklungen, von Menschen, die ihre Heimat nicht verlassen wollten und dennoch ihre vertraute gesellschaftliche Ordnung verloren, von einer Bundesrepublik, die die enormen Kosten der Einheit getragen hat, und von einer Transformation, deren Lasten nicht überall gleich verteilt waren.

Gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob sich aus den unterschiedlichen Erfahrungen inzwischen tatsächlich neue Formen einer politischen Identität entwickelt haben. Brechtkens Begriff der „Abgrenzungsidentität“ ist provokant. Aber er beschreibt ein Phänomen, das nicht einfach ignoriert werden sollte: die Tendenz, Unterschiede zwischen Ost und West nicht nur historisch zu erklären, sondern politisch und kulturell dauerhaft zu verfestigen. Das wäre fatal.

Denn wenn die deutsche Einheit nach mehr als drei Jahrzehnten weiterhin vor allem als Gegensatzgeschichte erzählt wird, wird aus einem historischen Unterschied irgendwann eine politische Selbstbeschreibung. Aus „Wir haben andere Erfahrungen gemacht“ wird dann „Wir sind anders“. Und aus dem berechtigten Wunsch nach Anerkennung kann eine dauerhafte Abgrenzung entstehen.

Aber auch der Westen sollte sich fragen, welchen Anteil er an dieser Entwicklung hat. Wer ostdeutsche Lebensgeschichten ausschließlich als Nachwirkungen einer gescheiterten DDR versteht, wird die Menschen nicht erreichen. Wer ständig erklärt, warum es im Osten wirtschaftlich schlechter stehe, aber kaum darüber spricht, wie sich diese Unterschiede im Alltag anfühlen, darf sich über politische Entfremdung nicht wundern.

Ein Perspektivwechsel ist deshalb notwendig. Die Frage lautet nicht nur: Warum sind die Unterschiede zwischen Ost und West noch immer so groß? Sie muss ebenso lauten: Warum sind diese Unterschiede nach 35 Jahren deutscher Einheit noch immer so identitätsstiftend?

Es gibt keine einfache Antwort.

Brechtken hat allerdings recht mit seiner Warnung vor der Illusion, man könne „alle Unterschiede binnen dreieinhalb Jahrzehnten egalisieren“. Gesellschaften funktionieren nicht wie Tabellen, in denen man Kennzahlen angleicht und am Ende Gleichheit erreicht. Vermögen wird über Generationen aufgebaut. Unternehmen entstehen nicht über Nacht. Familiengeschichten, Bildungswege, Netzwerke und regionale Strukturen entwickeln sich über Jahrzehnte. Wer 40 Jahre lang unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme erlebt hat, lässt diese Geschichte nicht innerhalb einer Generation hinter sich.

Die Einheit braucht deshalb weniger Gleichmacherei als Realitätssinn.

Dazu gehört auch, die wirtschaftlichen Leistungen der Bundesrepublik nicht kleinzureden. Der Westen hat nach 1990 erhebliche finanzielle Lasten übernommen. Solidarität war und ist ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Einheit. Sie war keine Wohltätigkeit, sondern eine politische und gesellschaftliche Entscheidung. Aber Solidarität verliert ihre Kraft, wenn sie nur als Dauerrechtfertigung für politische Erwartungen verstanden wird. Umgekehrt wird sie beschädigt, wenn diejenigen, die sie geleistet haben, irgendwann den Eindruck gewinnen, ihre eigenen Anstrengungen würden nicht mehr wahrgenommen.

Das Problem ist deshalb nicht, dass über ostdeutsche Benachteiligungen gesprochen wird. Das Problem entsteht dort, wo aus der Beschreibung von Unterschieden eine Erzählung dauerhafter Schuld wird.

Deutschland braucht an dieser Stelle einen anderen Ton.

Nicht weniger Erinnerung, sondern mehr historische Genauigkeit. Nicht weniger Empathie, sondern weniger politische Bevormundung. Nicht weniger Solidarität, sondern mehr Offenheit darüber, was Solidarität leisten kann – und was sie nicht leisten kann.

Vor allem aber braucht Deutschland eine Debatte, die Menschen nicht danach beurteilt, ob sie aus dem Osten oder dem Westen kommen. Wer die Ostdeutschen ständig besonders schützen und loben müsse, macht sie letztlich ebenso zu einer Sondergruppe wie jener, der ihnen pauschal vorwirft, ständig zu klagen. Beides ist paternalistisch. Beides verhindert Normalität.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung der deutschen Einheit: Sie muss irgendwann selbstverständlich werden dürfen, ohne dass die unterschiedlichen Erfahrungen verschwinden müssen.

Dazu gehört, dass die Geschichte der DDR nicht romantisiert wird. Sie war, wie Brechtken sagt, 1989 wirtschaftlich bankrott und hatte ein ökonomisch aufgezehrtes Land hinterlassen. Ebenso gehört dazu, dass die Umbrüche nach 1990 nicht verklärt werden und die Erfahrungen jener Menschen ernst genommen werden, deren Lebensentwürfe in den Jahren der Transformation zerbrachen.

Eine erwachsene Erinnerungskultur muss beides gleichzeitig können.

Auch die politische Sprache muss sich verändern. Der 3. Oktober sollte nicht nur ein Tag sein, an dem sich Deutschland selbst versichert, wie weit es gekommen ist. Er sollte auch ein Tag sein, an dem Deutschland darüber spricht, was noch nicht gelungen ist – und warum. Dazu gehört die Frage nach Vermögen, nach regionalen Unterschieden, nach politischer Repräsentation und nach der unterschiedlichen Wahrnehmung der eigenen Biografie. Aber ebenso gehört dazu die nüchterne Erinnerung daran, woher manche dieser Unterschiede stammen. Wer das verschweigt, macht die deutsche Geschichte nicht gerechter. Er macht sie nur bequemer.

Brechtkens Äußerungen sind deshalb vor allem ein Anlass, die vertrauten Rituale der Einheitsdebatte zu verlassen. Sein Satz von der „Nase voll“ ist hart. Vielleicht ist gerade deshalb eine Auseinandersetzung mit ihm sinnvoll. Denn hinter der Schärfe steckt eine Frage, die nicht nur an Ostdeutschland gerichtet werden darf, sondern an das gesamte Land: Wie lange wollen wir noch über die deutsche Einheit reden, als müsse eine Seite ständig erklären und die andere ständig verstehen?

Die Antwort kann nur lauten: nicht länger.

Nach mehr als drei Jahrzehnten braucht Deutschland keine neue Ost-West-Erzählung. Es braucht eine gemeinsame, die Widersprüche aushält. Eine, die den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR ebenso benennt wie die sozialen Verwerfungen der Transformation. Eine, die westdeutsche Solidarität nicht verschweigt und ostdeutsche Erfahrungen nicht abwertet. Eine, die nicht ständig lobt, schützt oder entschuldigt, sondern ernst nimmt. Das wäre keine Abkehr von der deutschen Einheit. Es wäre ein Zeichen dafür, dass sie endlich erwachsen geworden ist. +++ me

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