Die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle (PSKB) der Vogelsberger Lebensräume hat im vergangenen Jahr wieder das Beratungsniveau der Zeit vor der Corona-Pandemie erreicht. Wie aus dem jetzt veröffentlichten Jahresbericht 2025 hervorgeht, wurden knapp 1.500 Beratungskontakte verzeichnet. Gleichzeitig beobachten die Fachkräfte eine Entwicklung, die zunehmend in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rückt: Immer mehr Frauen suchen Unterstützung, weil sie unter belastenden oder toxischen Partnerschaften leiden.
Die Ratsuchenden kommen aus allen Städten und Gemeinden des Verbandsgebiets. Besonders gefragt sind Einzelgespräche für Menschen mit psychischen Erkrankungen, seelischen Belastungen oder Lebenskrisen sowie für deren Angehörige. Die niedrigschwelligen Angebote der Einrichtung der Vogelsberger Lebensräume, einer Tochtergesellschaft der Eichhof-Stiftung Lauterbach, ermöglichen vielen Betroffenen einen unkomplizierten Zugang zu professioneller Unterstützung.
„Wir stellen fest, dass gerade für Frauen der Weg in die Beratung mit dem Gefühl beginnt, ständig funktionieren zu müssen“, berichtet Ira Steigel, Diplom-Sozialpädagogin und Systemische Familienberaterin. „Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen, wieder eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und Selbstvertrauen zurückzugewinnen.“
Das Team der PSKB besteht aus drei hauptamtlichen Fachkräften: Ira Steigel, Diplom-Sozialpädagogin und Systemische Familienberaterin, Demi Ramovic, Erziehungswissenschaftlerin und Systemische Beraterin, sowie der Sozialarbeiterin B.A. und Systemischen Beraterin Elisa Wichert. Sie bieten Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppengespräche, offene Gruppen für Angehörige psychisch erkrankter Menschen, Kurse für Soziales Lernen und Kompetenztraining, Entspannungstrainings, Sport- und Spielangebote, Selbsthilfegruppen sowie das Projekt „Läuft bei uns“ für psychisch erkrankte Eltern und ihre Kinder an. In besonderen Fällen gehören auch Hausbesuche zum Angebot, etwa bei eingeschränkter Mobilität, körperlichen Erkrankungen oder ausgeprägten Antriebsstörungen.
Einen deutlichen Anstieg registrieren die Beraterinnen bei Gesprächen über toxische Beziehungen. „Männer stellen immer häufiger die Rolle der Frau in der Beziehung unter ihre eigenen Bedürfnisse“, beobachtet Demi Ramovic. Dies zeige sich sowohl bei der Verteilung häuslicher Aufgaben als auch bei Erwartungen an die sexuelle Verfügbarkeit der Partnerin. Besonders häufig seien junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren betroffen.
Viele Ratsuchende hätten bereits Kontakt zur Fachstelle für häusliche Gewalt gehabt. In der PSKB liege der Schwerpunkt darauf, die persönliche Handlungsfähigkeit der Betroffenen zu stärken. „Wir begleiten Frauen auf dem Weg vom ‚Ich muss‘ zum ‚Ich will‘“, sagt Elisa Wichert. Oft gehe es darum, frühere Interessen wiederzuentdecken, Freundschaften zu pflegen oder Hobbys neu aufzunehmen, die während der Beziehung verloren gegangen seien. „Für viele Frauen sind kleine Schritte bereits große Erfolge“, so die Sozialarbeiterin. Ziel sei es, zu vermitteln, dass eine gesunde Partnerschaft auf zwei eigenständigen Persönlichkeiten beruhe, die sich gegenseitig unterstützen und gleichzeitig Freiräume gewähren. Besorgniserregend sei, dass sich selbst bei jungen Paaren ohne Kinder zunehmend Tendenzen zur Unterordnung beobachten ließen.
Nach Einschätzung der Fachkräfte tragen gesellschaftliche Entwicklungen und soziale Medien zu dieser Entwicklung bei. Insbesondere das sogenannte „Tradwife“-Phänomen gewinne an Bedeutung. Dahinter steht ein traditionelles Rollenbild, das Frauen vor allem als Hausfrau und Mutter sieht. „Viele junge Frauen glauben, dass dies der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung sei“, erklärt Demi Ramovic. „Wir erleben jedoch häufig, dass dadurch eigene Bedürfnisse und persönliche Entwicklung in den Hintergrund geraten.“
Zunehmend suchen auch Frauen mittleren Alters die Beratungsstelle auf. Häufig befinden sie sich in einer Lebensphase, in der die Kinder das Elternhaus verlassen haben und bestehende Beziehungsstrukturen hinterfragt werden. Grundsätzlich werden auch die Partner zu Gesprächen eingeladen. „Interessanterweise sind es häufig die Männer älterer Frauen, die dazu bereit sind“, berichtet Demi Ramovic. „Bei jüngeren Paaren erleben wir dagegen oft wenig Bereitschaft, sich gemeinsam mit den Problemen auseinanderzusetzen.“
Um insbesondere junge Frauen frühzeitig zu erreichen, hat die PSKB den Workshop „Stark.Selbstbewusst.Du“ entwickelt. Dort beschäftigen sich die Teilnehmerinnen mit Themen wie Selbstwertgefühl, persönliche Grenzen, Warnsignale in Beziehungen und der eigenen Stärke. Gleichzeitig soll das Angebot vermitteln, dass Betroffene mit ihren Erfahrungen nicht allein sind.
Der Jahresbericht 2025 wird an die Städte und Gemeinden des Verbandsgebiets sowie an das Landratsamt weitergeleitet. Er dokumentiert die Nutzung der Angebote, regionale Entwicklungen und die Verteilung der Beratungsanfragen. Darüber hinaus bildet er die enge Zusammenarbeit zwischen den Kommunen und den Einrichtungen der Vogelsberger Lebensräume ab und dient als Grundlage für die Weiterentwicklung psychosozialer Unterstützungsangebote in der Region. +++ red.













