Eine Million Liter weniger – und eine Idee, die Schule machen könnte

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Erfolgreiche Vertragsunterzeichnung: Karl-Friedrich Rudolf (Mitte) liefert über sein Unternehmen auch künftig die Energie für das Freibad der Stadt – hier vertreten mit Bürgermeister Matthias Möller (rechts) und Erstem Stadtrat Reinhold Baier. Foto: Ulrich Schwind

Manchmal entstehen die besten Lösungen nicht in Ministerien, nicht in Strategiepapierren großer Konzerne und auch nicht auf internationalen Klimakonferenzen. Sondern dort, wo Menschen pragmatisch denken, kurze Wege nutzen und verstehen, dass Vernunft oft näher liegt, als man glaubt. In Schlüchtern steht dafür seit Jahren ein Freibad.

Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, wie öffentliche Einrichtungen angesichts explodierender Energiekosten überhaupt betrieben werden können, greift die Stadt Schlüchtern auch nach der Wiedereröffnung ihres Freibades auf ein Konzept zurück, das ebenso schlicht wie bemerkenswert ist: Das Bad wird mit Wärme aus einer benachbarten Möbelfabrik versorgt. Ohne Öl. Ohne Gas. Ohne lange Transportwege.

Lieferant dieser Energie ist die Möbelfabrik Fr. Rudolf & Sohn GmbH + Co. KG in der Dreispitzenhohle – ein traditionsreiches Familienunternehmen, das seit Jahrzehnten Möbel produziert. Wo Holz verarbeitet wird, fallen naturgemäß auch Späne und Verschnitte an. In vielen Betrieben gelten sie schlicht als Abfallprodukt. In Schlüchtern dagegen werden sie zum Rohstoff.

In zwei modernen Heizkesseln werden diese Holzreste verbrannt. Die entstehende Energie versorgt nicht nur das Unternehmen selbst, sondern über eine Leitung auch das nur wenige Meter entfernte Freibad. Eine Kooperation, die bereits seit 2010 besteht – und deren Wirkung inzwischen beeindruckende Dimensionen angenommen hat.

Geschäftsführer Karl-Friedrich Rudolf hat ausgerechnet, dass die Stadt Schlüchtern bis zur zwischenzeitlichen Schließung des Freibades vor der großen Umbaumaßnahme durch dieses Modell fast eine Million Liter Heizöl eingespart hat. Eine Zahl, die in Zeiten von Klimadebatten, Energiekrisen und knappen kommunalen Kassen fast beiläufig daherkommt, tatsächlich aber eine kleine kommunale Erfolgsgeschichte erzählt.

Denn hinter dieser Million Liter steckt weit mehr als nur eingesparte Energie. Es geht um die Frage, wie lokale Wirtschaft und öffentliche Infrastruktur voneinander profitieren können. Bürgermeister Matthias Möller spricht deshalb von einer „ökonomisch und ökologisch sinnvollen Lösung“. Und tatsächlich wirkt das Projekt fast wie ein Gegenentwurf zu vielen abstrakten Debatten über Nachhaltigkeit. Hier wird nicht theoretisiert. Hier funktioniert etwas ganz praktisch.

Für die Stadt bedeutet die Kooperation vor allem Versorgungssicherheit. Das Freibad gehört nach den Worten des Bürgermeisters zu den wärmsten Freibädern der Region – und das ohne fossile Brennstoffe. Gleichzeitig rechnet sich das Modell auch finanziell. Die Fernwärme aus dem Rudolf-Unternehmen werde deutlich günstiger geliefert als zu marktüblichen Preisen, betont Karl-Friedrich Rudolf. Es sei eine preiswerte Beheizung ohne Öl und Gas.

Dass Bürgermeister Möller dabei von einer „Traumkonstellation“ spricht, klingt deshalb nicht übertrieben. Die räumliche Nähe zwischen Unternehmen und Freibad macht das Modell überhaupt erst möglich. Kurze Wege, vorhandene Ressourcen und ein regionales Unternehmen, das bereit ist, Verantwortung über das eigene Werksgelände hinaus zu übernehmen – daraus entsteht etwas, das heute vielerorts gesucht wird: eine echte Win-win-Situation.

Bemerkenswert ist dabei auch, wie selbstverständlich diese Zusammenarbeit inzwischen wirkt. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht mit großem ideologischem Anspruch auftritt. Niemand spricht hier von einer Revolution der Energiepolitik. Und doch zeigt das Beispiel Schlüchtern, wie viel möglich ist, wenn Kommunen und Unternehmen gemeinsam denken.

Karl-Friedrich Rudolf selbst formuliert den vielleicht sympathischsten Teil dieser Geschichte mit einem Augenzwinkern. Als Schlüchterner Bürger wolle er schließlich auch künftig hin und wieder im warmen Wasser des Freibades seine Bahnen ziehen, sagt er. Es ist ein Satz, der viel über diese Kooperation erzählt. Denn am Ende profitieren eben nicht nur Zahlenwerke oder Klimabilanzen – sondern die Menschen vor Ort.

Während anderswo oft über große Lösungen gestritten wird, hat Schlüchtern längst eine gefunden. Vielleicht liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie so naheliegend ist. +++

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