Die Enzianhütte auf dem Weiherberg feiert ihr 70-jähriges Bestehen. Was am 1. Juli 1956 mit der Eröffnung einer Berghütte des Deutschen Alpenvereins (DAV) begann, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der bekanntesten Ausflugsziele der Rhön entwickelt. Hinter der Geschichte der Hütte stehen ehrenamtliches Engagement, Rückschläge und immer wieder der Wille, einen besonderen Ort für Wanderer, Bergsportler und Naturliebhaber zu erhalten.
Die Wurzeln reichen allerdings noch weiter zurück. Die DAV-Sektion Fulda wurde bereits 1886 gegründet. In den ersten Jahrzehnten standen Vorträge, Wanderungen und Touren in den Alpen im Mittelpunkt des Vereinslebens. Die beiden Weltkriege brachten diese Entwicklung jedoch mehrfach zum Erliegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Wege in die Alpen noch zerstört oder nicht passierbar. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, im eigenen Mittelgebirge eine Vereinshütte zu schaffen. Das damalige Vorstandsmitglied Georg Steyer verfolgte das Ziel, die Mitglieder wieder zusammenzuführen und zugleich neue Menschen für den Alpenverein zu begeistern.
Zunächst fand die Sektion auf der Erika-Alm auf der Harbacher Hute unweit des Bahnhofs Milseburg eine bestehende Hütte. Da diese jedoch lediglich sechs Personen Platz bot, begann bald die Suche nach einem geeigneteren Standort. Fündig wurde man auf dem 785 Meter hohen Weiherberg bei Dietges. Dort errichteten die Mitglieder 1949 eine kleine gebrauchte Holzhütte – ursprünglich eine Baubude –, die am Standort des heutigen Biwaks Platz für rund 20 Personen bot. Die Hütte verfügte über eine kleine Küche, die mit Holz und Kohle beheizt wurde, und erhielt den Namen „Enzianalm-Hütte“, nachdem beim Aufbau an dieser Stelle Enzian entdeckt worden war.
Schon damals erfreute sich die Hütte großer Beliebtheit. Eine Übernachtung kostete für Mitglieder 50 Pfennig, Gäste zahlten eine D-Mark. Bereits 1950 wurden 320 Übernachtungen sowie 780 Tagesgäste gezählt. Ein Jahr später stieg die Zahl auf mehr als 400 Übernachtungen und über 1.300 Tagesgäste. Der Erfolg machte jedoch schnell deutlich, dass die kleine Holzhütte den Anforderungen nicht dauerhaft gerecht werden konnte.
Deshalb begann die Sektion mit den Planungen für einen Neubau. Die heutige Enzianhütte entstand mit Hilfe zahlreicher Spenden und vor allem durch den außergewöhnlichen Einsatz der Vereinsmitglieder. Am 3. Juni 1951 erfolgte der erste Spatenstich. Vor allem die Jugend der DAV-Sektion arbeitete mit Schaufeln, Hacken und Spaten auf der Baustelle. Da es noch keine Zufahrtsstraße gab, mussten sämtliche Baumaterialien mühsam auf den Berg getragen werden. Allein im Jahr 1951 leisteten 63 Mitglieder insgesamt 1.228 Arbeitsstunden.
Der Bau blieb jedoch nicht von Rückschlägen verschont. Nach dem ersten Richtfest im September 1952 zerstörte ein schwerer Sturm das Dach sowie die Giebelmauern. Der Wiederaufbau machte ein zweites Richtfest im April 1954 erforderlich. Schließlich konnte die Enzianhütte am 1. Juli 1956 im Rahmen eines Bergfestes feierlich eröffnet werden. Sie verfügte über einen Gastraum, Schlafräume, eine Selbstversorgerküche, einen Wohnraum für den Hüttenwirt sowie einen Raum für den Hüttendienst der Sektion. Schnell entwickelte sich die Hütte mit Veranstaltungen vom Bergfest bis zum Faschingsball zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Vereinslebens.
In den 1970er Jahren geriet die Enzianhütte allerdings in ihre wohl schwierigste Phase. Neue gesetzliche Auflagen, Probleme mit den Hüttenpächtern sowie ein zeitweiliger Eigenbetrieb mit zwischenzeitlicher Schließung brachten die Sektion an ihre Grenzen. Sogar ein Verkauf der Hütte stand zur Diskussion. Die Mitglieder lehnten diesen Schritt jedoch ab und bekannten sich zum Erhalt ihres Vereinshauses.
Bereits zuvor hatte die Jugendgruppe der Sektion die Souterrainräume der Hütte als neues Zuhause bezogen. Außerdem entstand 1972 die bis heute bestehende Fahrstraße mit Parkplatz. Diese war dringend notwendig geworden, da selbst bei gutem Wetter viele Fahrzeuge die steile Zufahrt nicht bewältigen konnten und Wintervorräte regelmäßig noch vor Beginn der kalten Jahreszeit auf den Berg transportiert werden mussten.
1981 begann schließlich ein neuer Abschnitt. Nachdem Carl Ferdinand Schloenbach und Karl Herzig als Notvorstand eingesetzt worden waren, übernahm das Ehepaar Böge die Bewirtschaftung der Hütte. Sechs Jahre später erkannte der DAV-Hauptverband in München die Enzianhütte offiziell als Mittelgebirgshütte an – ein wichtiger Meilenstein in ihrer Entwicklung.
1988 übergaben die Böges den Hüttenbetrieb aus gesundheitlichen Gründen an Birgit und Georg Koch. Das Ehepaar führte die Enzianhütte mehr als drei Jahrzehnte und machte sie weit über die Grenzen Osthessens hinaus zu einem beliebten Ziel für Wanderer und Ausflügler. Ende 2022 endete diese Ära.
Seit Februar 2023 liegt die Verantwortung für den Hüttenbetrieb in den Händen eines neuen Teams um Patrick Bohl, Maximilian Harth und René Stolz. Sie führen die Tradition fort und haben die Enzianhütte als beliebten Treffpunkt für Tagesgäste und Urlauber in der Rhön etabliert. Besonders geschätzt werden die Sonnenterrasse mit ihrem weiten Panoramablick über die Rhön, das typische Hüttenflair, die regionale Küche sowie die rustikalen Mehrbettzimmer und Bettenlager mit insgesamt 58 Schlafplätzen.
Die Lage der Hütte trägt wesentlich zu ihrer Attraktivität bei. Zwischen Milseburg und Wasserkuppe gelegen, direkt am Premiumwanderweg Hochrhöner und in unmittelbarer Nähe des Klettergartens Steinwand, ist sie Ausgangs- und Zielpunkt zahlreicher Wander- und Mountainbike-Touren. Viele Besucher erreichen die Hütte über den von der DAV-Sektion Fulda betreuten Blümel- oder Norbert-Weber-Weg.
Auch sieben Jahrzehnte nach ihrer Eröffnung versteht sich die Enzianhütte als Ort der Begegnung und als Aushängeschild der Rhön. Möglich geworden sei diese Entwicklung nur durch das Engagement vieler Generationen von Ehrenamtlichen der DAV-Sektion Fulda, die Unterstützung der umliegenden Gemeinden sowie den Einsatz der jeweiligen Pächter und Hüttenwirte.
Der Blick richtet sich inzwischen bereits auf die kommenden Jahrzehnte. Auf Grundlage einer Machbarkeitsstudie prüft die DAV-Sektion Fulda verschiedene Möglichkeiten, die Enzianhütte langfristig weiterzuentwickeln und für die Zukunft aufzustellen. Entscheidend werden dabei sowohl die finanzielle Unterstützung durch den DAV-Hauptverband als auch die Nutzung öffentlicher Förderprogramme sein.
Das 70-jährige Bestehen der Enzianhütte wird vom 7. bis 9. August mit einem großen Jubiläumswochenende gefeiert. An drei Tagen erwartet die Besucher ein abwechslungsreiches Programm mit Musik sowie Spezialitäten aus der Hüttenküche – ein Fest, das die Geschichte eines besonderen Ortes würdigt und zugleich den Blick auf seine Zukunft richtet. +++ red.
















