Das Alinea Quartett und der Pianist Dongping Wang begeisterten ihr Publikum in der Aula der Alten Universität mit Werken des vor 200 Jahren in Fulda geborenen Komponisten Hugo Staehle. Im Rahmen der Konzertreihe „HOMMAGE – Fulda hört hin“ erklang nach 184 Jahren erstmals Staehles Streichquartett Nr. 1 in G-Dur. Ein musikalischer Nachmittag, der nicht nur ein historisches Werk zurück auf die Bühne brachte, sondern auch die Frage nach dem kulturellen Erbe der Stadt neu stellte.
Fulda. Es gibt musikalische Entdeckungen, die weit über den Moment ihrer Aufführung hinausreichen. Sie führen zu Komponisten, deren Namen in der Musikgeschichte verblasst sind, obwohl ihre Werke eine erneute Begegnung verdienen. In der Aula der Alten Universität in Fulda stand am Sonntagnachmittag ein solcher Komponist im Mittelpunkt: Hugo Staehle, der vor 200 Jahren in Fulda geboren wurde und bereits im Alter von nur 22 Jahren starb. Das Alinea Quartett und der Pianist Dongping Wang widmeten ihm das zweite Konzert der neuen Reihe „HOMMAGE – Fulda hört hin“. Das Publikum bedankte sich am Ende mit lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations.
Die von der künstlerischen Leiterin und Ideengeberin Uta Weyand ins Leben gerufene Konzertreihe beschäftigt sich mit kulturellen und musikalischen Themen, die in enger Verbindung mit der Stadt Fulda stehen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die Aufführung von Musik, sondern auch die Wiederentdeckung von Persönlichkeiten und Werken, die mit der Geschichte der Stadt verbunden sind. Hugo Staehle bot dafür einen besonderen Anlass. Als Zeitgenosse von Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und Louis Spohr gehörte er zu einer musikalischen Epoche, deren bedeutende Namen bis heute präsent sind. Staehles früher Tod verhinderte jedoch eine weitere Entwicklung seines kompositorischen Schaffens.
Uta Weyand verwies in ihrer Begrüßung darauf, wie bedauerlich es sei, dass Staehle bereits im Alter von 22 Jahren verstorben war. Besonders bemerkenswert sei der Reifeprozess, der sich zwischen seinem im Alter von 16 Jahren komponierten Streichquartett und dem nur fünf Jahre später entstandenen Klavierquartett erkennen lasse. Auch die Tatsache, dass Staehles Streichquartett an diesem Nachmittag erstmals in der Geschichte zur Aufführung kommen sollte, verlieh dem Konzert eine besondere Bedeutung. Seine „Tre Scherzi“ für Klavier waren darüber hinaus bislang nur äußerst selten zu hören.
Den Auftakt gestaltete Dongping Wang mit den „Tre Scherzi“, op. 4, für Klavier solo. Die drei Stücke zeigten Staehle von einer charmanten und musikalisch leichtfüßigen Seite. In ihrer Tonsprache erinnerten sie an Werke seiner Zeitgenossen, ohne hinter den heute bekannteren Kompositionen jener Epoche zurückzustehen. Wang gelang es, die Stücke mit einer herzhaften Leichtigkeit zu interpretieren und zugleich ihre musikalische Eigenständigkeit sichtbar zu machen. So entstand ein Auftakt, der das Publikum unmittelbar für den Komponisten einnahm und die Neugier auf die folgenden Werke weckte.
Der Pianist war bereits 2022 bei der PIANALE in Fulda ausgezeichnet worden. Damals erhielt er den Steingraeber-&-Söhne-Preis sowie den EMCY-Preis. Seine Rückkehr in die Stadt, nun im Rahmen der Konzertreihe „HOMMAGE“, verband damit auch eine frühere musikalische Beziehung zur Fuldaer Kulturszene.
Vor der Pause folgte ein besonderer Moment der Musikgeschichte: das Streichquartett Nr. 1 in G-Dur von Hugo Staehle. Das Werk, das der Komponist im Alter von knapp 16 Jahren geschrieben hatte, erklang nach 184 Jahren erstmals öffentlich. Staehles damaliger Lehrer Louis Spohr hatte das Talent seines Schülers erkannt und ihn gefördert. Dass das Quartett nun in Fulda zur Welt-Uraufführung kam, verlieh der Aufführung eine besondere historische Dimension. Ein Werk, das über Jahrzehnte nicht im Konzertsaal zu hören gewesen war, wurde damit aus dem Schatten der Vergangenheit geholt.
Das Alinea Quartett nahm diese Aufgabe mit großer Hingabe an. Zur Besetzung gehören Fanny Anaïs Schell, Mario Sögtrop, Justus Schimmer und David Fuchs. Schell, die als Kind die Dalberg-Schule in Fulda besucht hatte, verbindet zudem eine persönliche Beziehung zur Stadt. Gemeinsam widmeten sich die vier Musiker dem bis dahin völlig unbekannten Werk mit einer lebhaften und eindrucksvollen Darbietung. Die Verantwortung, ein Stück zur Uraufführung zu bringen und das Publikum für die Musik eines nahezu vergessenen Komponisten zu gewinnen, war in jedem Moment spürbar.
Staehle selbst war ein großer Freund der Quartettmusik und spielte häufig die zweite Geige oder sogar die Bratsche. Sein Klavierspiel soll sich nach der überlieferten Einschätzung weniger durch vollendete technische Virtuosität als vielmehr durch eine tiefe musikalische Erfassung und einen geistreichen Vortrag ausgezeichnet haben. Diese Verbindung aus kammermusikalischer Erfahrung und pianistischem Ausdruck prägte auch das abschließende Werk des Konzertnachmittags.
Im zweiten Teil erklang Staehles meistaufgeführtes sogenanntes Klavierquartett in der Besetzung mit drei Streichern und Klavier. Fanny Schell, Justus Schimmer und David Fuchs musizierten gemeinsam mit Dongping Wang. Die Interpretation entfaltete eine romantische Klangfülle und eine tiefgründige musikalische Spannung. Das Werk wurde mit großer Strahlkraft präsentiert und berührte das Publikum, das sich der Wirkung der Aufführung nicht entziehen konnte. Der lang anhaltende Applaus und die Standing Ovations am Ende des Konzerts galten allen Beteiligten und würdigten zugleich die Wiederentdeckung eines Komponisten, dessen Musik in Fulda erneut eine Bühne gefunden hatte.
Für die jungen Musikerinnen und Musiker könnte die gemeinsame Arbeit an Staehles Musik auch über diesen Konzertabend hinaus von Bedeutung sein. Das Alinea Quartett und Dongping Wang werden nun unabhängig voneinander ein postgraduales Studium an der Kunstuniversität in Graz aufnehmen. Daraus könnte sich der glückliche Nebeneffekt ergeben, dass die Musiker auch künftig gemeinsam auftreten und die Werke Hugo Staehles von Fulda aus in die Welt tragen.
Wer das Konzert nicht live miterleben konnte, erhält eine weitere Gelegenheit, die Musik zu hören. Der Hessische Rundfunk hat eine Live-Aufnahme angefertigt. Diese wird am 1. November um 20 Uhr im Programm hr2-kultur in der Sendung mit Niels Kaiser ausgestrahlt.
Die Konzertreihe „HOMMAGE – Fulda hört hin“ zeigt, wie eng Stadtgeschichte und kulturelle Gegenwart miteinander verbunden werden können. Hugo Staehle ist dabei mehr als ein Name aus der Vergangenheit. Seine Musik bietet Anlass, sich mit einem Teil der Fuldaer Kulturgeschichte auseinanderzusetzen, der lange Zeit kaum öffentlich wahrgenommen wurde. Dass ein solches Werk nach fast zwei Jahrhunderten erstmals erklingt und von einem begeisterten Publikum aufgenommen wird, ist ein kulturelles Ereignis, das über den Konzertsaal hinaus Bedeutung besitzt. +++













