Vor Beginn der angekündigten Warnstreiks in der deutschen Metall- und Elektroindustrie haben die Arbeitgeberverbände die IG Metall zu Mäßigung aufgerufen und die Arbeitsniederlegungen scharf kritisiert. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall-Arbeitgeber, mahnte in der Süddeutschen Zeitung, die Gewerkschaft solle es nicht übertreiben. Streiks passten nach seinen Worten überhaupt nicht zur momentanen wirtschaftlichen Lage. Gleichzeitig verurteilte auch Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander das Vorgehen und warf der Arbeitnehmervertretung vor, aus organisationspolitischen Gründen unnötigen Schaden anzurichten.
Die Tarifrunde für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten des wichtigsten deutschen Industriezweigs findet vor dem Hintergrund einer tiefen Krise bei Automobilherstellern und zahlreichen weiteren Unternehmen statt. Nachdem Ende Oktober die Friedenspflicht ausgelaufen war, konnten sich die Tarifparteien bislang nicht verständigen. Die Arbeitgeberseite hatte zuletzt eine Erhöhung um insgesamt 2,3 Prozent bei einer Laufzeit von 26 Monaten vorgelegt, aufgeteilt in 1,3 Prozent Lohnerhöhung und 1,0 Prozent Sonderzahlung. Die IG Metall wies dieses Angebot zurück und rief für die anstehende Woche zu Warnstreiks auf. Sie fordert unter anderem fünf Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. In der kommenden Woche sollen die Verhandlungen fortgesetzt werden.
Brossardt erläuterte öffentlich die Vorstellungen der Arbeitgeber zu geforderten Kostenentlastungen. Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sollten ihren Beschäftigten demnach kein zusätzliches Geld zahlen müssen. Liege die Umsatzrendite unter 2,3 Prozent, sollten Firmen weder das derzeit verhandelte Lohnplus noch die angebotene Sonderzahlung leisten müssen. Dies sei den Beschäftigten zumutbar, da sie im Branchenvergleich gut verdienten und am Ende froh seien, ihren Arbeitsplatz zu behalten. Als weiteren Hebel zur Kostensenkung nannte Brossardt längere Arbeitszeiten und verwies auf die Möglichkeit einer 38- statt der tariflich festgelegten 35-Stunden-Woche.
Zudem sprach Brossardt nach seinen Angaben hohe Krankenstände in vielen Betrieben an, zu denen die Arbeitgeber bereits einen Gesprächswunsch angemeldet hätten. Ein Blick auf Unternehmen mit mehreren Standorten in Europa erwecke den Eindruck, als sei die Bevölkerung in Deutschland kränker als anderswo. Er wolle diesen Umstand nicht bewerten, sondern strebe gemeinsam mit der Gewerkschaft Maßnahmen an, um den im internationalen Vergleich deutlich zu hohen Krankenstand dauerhaft zu verringern. Einer automatischen Beteiligung der Beschäftigten am Gewinn gut laufender Betriebe, wie von der IG Metall gefordert, erteilte Brossardt eine Absage. Nur 20 Prozent der Unternehmen gehe es wirklich gut. Diese gehörten zu Branchen, die bereits in der Vergangenheit starke Lohnerhöhungen der Autoindustrie hätten mittragen müssen und nun keine Sonderzahlungen leisten könnten. Ein Zwang dazu würde viele Betriebe aus dem Tarifvertrag treiben.
Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander übte gegenüber dem Portal T-Online scharfe Kritik an den Warnstreiks. Arbeitsniederlegungen seien bereits in wirtschaftlichen Boomphasen fragwürdig. In einer Situation, in der Investitionen vor allem aufgrund der Arbeitskosten ins Ausland verlagert würden und monatlich 10.000 Arbeitsplätze verloren gingen, seien sie jedoch nicht verantwortbar. Die strukturellen Probleme des Standorts ließen sich nicht wegstreiken, die wirtschaftlichen Aussichten würden dadurch nicht besser und Investitionen ziehe diese Kraftmeierei erst recht nicht an.
Zander warf der Gewerkschaft vor, Erwartungen bei den Mitgliedern zu wecken, die nicht zu erfüllen seien, und bezeichnete die Warnstreiks vor allem als Mittel zur Mitgliederbindung. Wer so handele, verspiele Vertrauen, zumal es sich um keine normale Tarifrunde handele und es der Branche in der Breite weiterhin miserabel gehe. Dennoch müsse man gemeinsam mit der IG Metall eine Lösung finden, die der wirtschaftlichen Realität entspreche. Auch wenn dies schwer werde, habe man bislang stets einen guten Kompromiss erzielt. Er glaube daran, dass dies auch dieses Mal gelinge, mahnte jedoch, sich in der realen Welt und nicht in einer herbeigewünschten zu bewegen. +++


