Ein vor 17 Jahren gefasster Beschluss der Fliedener Gemeindevertretung zur Verlegung von Stolpersteinen für die Opfer des Nationalsozialismus wartet nach wie vor auf seine vollständige Umsetzung. Vor diesem Hintergrund wendet sich der ehemalige Fliedener Beigeordnete und frühere SPD-Fraktionsvorsitzende Winfried Möller mit deutlicher Kritik an die Verantwortlichen vor Ort und mahnt konkrete organisatorische Schritte sowie einen verlässlichen Zeitplan an.
Die kommunalpolitische Initiative reicht bis in den Sommer 2009 zurück. Am 23. Juni 2009 beschloss die Gemeindevertretung mit 21 Ja-Stimmen, die Erinnerung an die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgten, deportierten und ermordeten Bürgerinnen und Bürger aus Flieden und den zugehörigen Ortsteilen durch Stolpersteine dauerhaft im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Der Antrag stammte von der SPD-Fraktion unter dem damaligen Vorsitz von Möller, während die CDU-Fraktion einen Ergänzungsantrag eingebracht hatte. Nach Möllers Kenntnisstand lagen die notwendigen historischen Daten bereits bis zum damaligen Bürgermeisterwechsel im Juli 2010 vollständig vor.
Trotz wiederholter Zusagen und Erinnerungen vergingen mehrere Jahre, ehe der Künstler Gunter Demnig am 29. Juli 2015 die ersten vier Stolpersteine in Flieden verlegte. Diese erinnern an Markus und Hilda Goldschmidt sowie an Isidor und Johanna Seliger. Seinerzeit hatte Möller gemeinsam mit Winfried Stey angeboten, die Kosten für die ersten beiden Steine persönlich zu übernehmen. Seit dieser ersten Verlegung sind inzwischen elf Jahre vergangen, ohne dass weitere Steine hinzugekommen sind.
Sein Engagement für das Projekt begründet Möller nicht als kurzfristige politische Angelegenheit, sondern als persönliche Lebensaufgabe. Als Fliedener und Antifaschist befasst er sich seit seiner Jugend mit der NS-Geschichte des Ortes. Berichte seines Großvaters Karl Möller sowie seines Vaters Anton Möller über die damaligen Geschehnisse – einschließlich der Nennung von Namen mutmaßlich Beteiligter an der Brandstiftung und teilweisen Zerstörung der örtlichen Synagoge – hätten sein jahrzehntelanges Eintreten für das „Nie wieder“ und ein sichtbares Gedenken an die Opfer geprägt.
Im Jahr 2026 unternahm Möller weitere Vorstöße auf kommunaler Ebene. Am 16. Juli 2026 dankte er Ortsvorsteher Christian Henkel für die angekündigte Fortführung des Vorhabens und die Aufnahme seines Anliegens in das Sitzungsprotokoll, woraufhin er in der Folgezeit wiederholt an die Umsetzung erinnerte. Aus dem Protokoll der Ortsbeiratssitzung vom 21. September 2026 sei für ihn jedoch keine konkrete Vorbereitung weiterer Verlegungen erkennbar gewesen. Den Vorwurf, seine öffentliche Kritik sei „befremdlich und unangemessen“, weist er zurück: Die Ankündigung, ausbleibendes Handeln öffentlich zu thematisieren, stelle keine Drohung dar, sondern sei eine legitime Konsequenz in einer demokratischen Gesellschaft.
Ein Beschluss der Gemeindevertretung sei kein unverbindlicher Wunsch, betont Möller, der von 1972 bis 2001 als Beigeordneter der Gemeinde Flieden amtierte. Das Gedenken an die Opfer dürfe nicht bei jährlichen Gedenkveranstaltungen und wohlmeinenden Reden verharren. Er fordert die Verantwortlichen auf, die weiteren Opfer aus Flieden und den Ortsteilen verbindlich zu erfassen, die nächsten Verlegungen organisatorisch vorzubereiten und der Öffentlichkeit einen konkreten Zeitplan vorzulegen. 17 Jahre nach dem Grundsatzbeschluss und elf Jahre nach der ersten Verlegung müsse der Stillstand beendet werden, damit die Opfer nicht ein zweites Mal in Vergessenheit geraten. Die Verpflichtung zur Erinnerung gelte nicht nur für den 9. November, sondern für das gesamte Jahr. +++


