Die Wortwahl ist ungewöhnlich scharf, der Befund fällt noch schärfer aus. Nicola Leibinger-Kammüller, Vorstandsvorsitzende des Maschinenbauers Trumpf, zeichnet ein Bild einer deutschen Wirtschaft, die aus ihrer Sicht nicht mehr nur unter konjunkturellen Schwächen leidet, sondern strukturell an Substanz verliert. „Seit Kriegsende war die wirtschaftliche Lage in Deutschland noch nie so dramatisch“, sagte die Unternehmerin dem Handelsblatt. Selbst die Corona-Jahre erscheinen ihr im Rückblick weniger bedrohlich als die gegenwärtige Situation.
Solche Aussagen gehören inzwischen fast zum Grundrauschen wirtschaftspolitischer Debatten, doch im Fall Leibinger-Kammüllers erhalten sie besonderes Gewicht. Trumpf zählt zu den bedeutenden Industrieunternehmen des deutschen Mittelstands, tief verwurzelt im exportorientierten Maschinenbau und eng verbunden mit jenen Branchen, die lange als Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgsmodells galten. Wenn dort von einem schleichenden Verlust der industriellen Basis gesprochen wird, verweist das auf mehr als kurzfristige Unsicherheit.
Besonders eindrücklich beschreibt Leibinger-Kammüller die Stimmung auf einer Hausmesse des Unternehmens. Noch nie habe sie dort so viele frustrierte Unternehmer erlebt. Vor allem kleinere und mittelständische Betriebe gerieten unter den Druck wachsender Bürokratie und stießen zunehmend an wirtschaftliche Grenzen. Hinter dieser Klage steht ein seit Jahren vertrautes Muster: hohe regulatorische Anforderungen, steigende Kosten und zugleich das Gefühl vieler Unternehmen, dass politische Entscheidungsprozesse mit der Geschwindigkeit wirtschaftlicher Veränderungen nicht mehr Schritt halten.
Die Kritik richtet sich deshalb unmittelbar an die Bundesregierung. Die schwarz-rote Koalition müsse endlich eine klare wirtschaftspolitische Strategie entwickeln, fordert Leibinger-Kammüller. Dabei formuliert sie ihre Erwartungen ungewöhnlich direkt. Es sei die „verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Bundesregierung“, Orientierung zu schaffen und Reformen entschlossener voranzutreiben. Besonders Bundeskanzler Friedrich Merz sieht sie in der Verantwortung. Das politische Kräfteverhältnis innerhalb der Koalition lasse wenig Raum für Unklarheiten; die Reformgeschwindigkeit müsse deutlich erhöht werden.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Unternehmerin ihre Forderungen nicht auf klassische Entlastungsrhetorik beschränkt. Sie verlangt konkrete Sparmaßnahmen und strukturelle Veränderungen, insbesondere bei der Rente, signalisiert zugleich aber Bereitschaft zu höheren Steuerzahlungen. Die Debatte über eine mögliche Reichensteuer weist sie nicht grundsätzlich zurück. Entscheidend sei aus ihrer Sicht jedoch, wofür zusätzliche Mittel eingesetzt würden. Bildung nennt sie als prioritäres Feld, während sie Maßnahmen wie den Tankrabatt ausdrücklich als „Gießkannenpolitik“ kritisiert. Darin zeigt sich ein wirtschaftspolitisches Verständnis, das weniger auf kurzfristige Entlastung als auf langfristige Wettbewerbsfähigkeit zielt.
Auffällig ist auch, dass Leibinger-Kammüller die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ausdrücklich verteidigt. Reiche sei mutig, sagte sie, gehe „ins Feuer“ und treibe die richtigen Themen voran. In einer Zeit, in der Wirtschaftsminister häufig zur Projektionsfläche unternehmerischer Unzufriedenheit werden, wirkt dieses öffentliche Lob fast wie eine Ausnahmeerscheinung.
Gleichzeitig deutet sich bei Trumpf selbst eine vorsichtige Stabilisierung an. Nach mehreren schwierigen Jahren können die Beschäftigten erstmals wieder auf Bonuszahlungen oder tarifliche Gewinnbeteiligungen hoffen. Das laufende Geschäftsjahr entwickle sich „ganz ordentlich“, sagte Leibinger-Kammüller. Vor allem der Auftragseingang ziehe wieder an. Hoffnung macht insbesondere das Geschäft mit Lasern für die Halbleiterfertigung, das von der hohen Nachfrage nach Rechenzentren profitiert. Gerade der Ausbau von Datencentern treibt Investitionen in entsprechende Technologien derzeit weltweit an.
Doch auch diese positiven Signale verändern den Grundton ihrer Analyse kaum. Erst im vergangenen Geschäftsjahr hatte Trumpf Verluste verzeichnet und rund 1.000 Stellen abgebaut. Die leichte Erholung erscheint deshalb weniger als Zeichen einer überwundenen Krise denn als Hinweis darauf, wie stark einzelne Zukunftsbranchen inzwischen über die Stabilität industrieller Unternehmen entscheiden. Die deutsche Industrie bleibt leistungsfähig, aber sie wirkt empfindlicher geworden — gegenüber politischen Verzögerungen ebenso wie gegenüber globalen Verschiebungen.
Dass eine Unternehmerin wie Leibinger-Kammüller ihre Kritik so offen formuliert, verweist letztlich auf eine tieferliegende Verunsicherung. Die Sorge richtet sich nicht allein auf einzelne Geschäftsjahre oder politische Entscheidungen, sondern auf die Frage, ob Deutschland noch über die Kraft verfügt, sein industrielles Fundament unter veränderten Bedingungen zu behaupten. Genau darin liegt die eigentliche Schärfe ihrer Diagnose. +++ me














