Vogelsberg: Das Handwerk im Wandel: Zwischen Verlässlichkeit und neuer Unruhe

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Busold, Schneider, Zinn, Becker, Giese, Rößner, Jost. Foto: privat

Das Handwerk gilt gern als Konstante. Als jener Teil der Wirtschaft, der nicht laut werden muss, um Bedeutung zu besitzen. Gerade in ländlichen Regionen wie dem Vogelsbergkreis ist es weit mehr als ein Wirtschaftssektor: Es sichert Ausbildung, hält Strukturen zusammen, prägt Innenstädte und Dörfer, oft über Generationen hinweg. Doch hinter dieser Verlässlichkeit wächst seit Jahren eine Unruhe, die inzwischen auch in den Versammlungen der Kreishandwerkerschaften spürbar geworden ist. Die Wahl eines neuen Vorstandes in Alsfeld erzählt deshalb von weit mehr als einem üblichen personellen Wechsel.

Mit Wilhelm Becker übernimmt ein neuer Kreishandwerksmeister Verantwortung in einer Phase, in der sich das Handwerk neu behaupten muss. Dass sämtliche Wahlen einstimmig erfolgten, vermittelt zunächst das Bild großer Geschlossenheit. Doch Einigkeit allein löst keine Probleme. Denn die Herausforderungen, die Becker bei seinem Amtsantritt benennt, gehören längst zu den drängendsten Fragen des gesamten Mittelstands: Nachwuchsmangel, fehlende Fachkräfte, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und eine Bürokratie, die viele Betriebe zunehmend als Belastung empfinden.

Dabei fällt auf, wie nüchtern und zugleich deutlich der neue Kreishandwerksmeister formuliert. „Nicht nur reden, sondern endlich handeln, ist hier dringend erforderlich“, sagt Becker mit Blick auf den Abbau bürokratischer Hürden. Der Satz wirkt deshalb bemerkenswert, weil er auf jede Empörungsgeste verzichtet. Gerade darin liegt seine Schärfe. Viele Handwerksbetriebe erleben seit Jahren, dass politische Debatten zwar Verständnis signalisieren, konkrete Entlastungen im Alltag aber oft ausbleiben. Für kleine und mittelständische Unternehmen, die ohnehin unter wachsendem wirtschaftlichem Druck stehen, wird genau das zunehmend zum Problem.

Der Wechsel an der Spitze der Kreishandwerkerschaft markiert zugleich das Ende einer langen Ära. Edwin Giese zieht sich nach drei Amtszeiten als Kreishandwerksmeister und mehr als 25 Jahren Vorstandsarbeit zurück. In seinem Bericht blickte er auf zahlreiche Aktivitäten der vergangenen Monate zurück und erinnerte besonders an den Neubau der Kreishandwerkerschaft sowie den Tag der offenen Tür, der offenbar auf große Resonanz stieß. Solche Projekte mögen auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Tatsächlich erzählen sie viel darüber, wie sehr das Handwerk von persönlichem Engagement, Ehrenamt und regionaler Bindung lebt.

Dass Giese zum Ehrenkreishandwerksmeister ernannt wurde, besitzt deshalb auch symbolische Bedeutung. Das Handwerk funktioniert bis heute über Vertrauen, über gewachsene Beziehungen und über Menschen, die Verantwortung oft über Jahrzehnte hinweg übernehmen. Gerade darin unterscheidet es sich von vielen anderen Wirtschaftsbereichen, die stärker von kurzfristigen Zyklen geprägt sind. Doch diese traditionelle Stabilität gerät zunehmend unter Druck.

Denn während frühere Generationen handwerkliche Berufe häufig selbstverständlich übernahmen, muss das Handwerk heute um Aufmerksamkeit werben. Die Hinweise von Geschäftsführer Michael Busold auf die „Ausbildungsbotschafter“ und die „Passgenaue Besetzung“ zeigen, wie intensiv inzwischen um Nachwuchs gerungen wird. Es geht längst nicht mehr allein darum, offene Lehrstellen zu besetzen. Es geht um die Frage, ob das Handwerk als Lebens- und Arbeitsmodell für junge Menschen attraktiv genug bleibt.

Dabei steht die Branche vor einem eigentümlichen Widerspruch. Gesellschaftlich wächst die Bedeutung handwerklicher Berufe eher noch. Ohne Handwerk wird weder die Energiewende funktionieren noch der Wohnungsbau, weder die Modernisierung von Infrastruktur noch die Umsetzung vieler Klimaziele. Gleichzeitig sinkt in Teilen der Gesellschaft die Sichtbarkeit und Wertschätzung dieser Berufe. Akademisierung galt über Jahre beinahe automatisch als Fortschritt, während praktische Berufe oft unterschätzt wurden — obwohl gerade sie vielerorts wirtschaftliche Stabilität sichern.

Auch die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit verändern das Selbstverständnis vieler Betriebe. Was früher als zusätzliche Herausforderung galt, wird inzwischen zur Voraussetzung wirtschaftlicher Zukunftsfähigkeit. Gerade kleinere Unternehmen stehen dabei häufig vor der Aufgabe, technologische Veränderungen zu bewältigen, ohne über große personelle oder finanzielle Reserven zu verfügen. Das Handwerk muss moderner werden, ohne seine besondere Nähe zum Menschen und zur Region zu verlieren. Genau darin liegt die eigentliche Schwierigkeit.

Die Grußworte des Präsidenten der Handwerkskammer Wiesbaden, Stefan Füll, von Landrat Dr. Jens Mischak und Alsfelds Stadtrat Dietmar Köllner unterstrichen die Bedeutung der Zusammenarbeit mit dem regionalen Handwerk. Solche Bekenntnisse gehören fast zu jeder Veranstaltung dieser Art. Doch inzwischen bekommen sie ein anderes Gewicht. Denn vielerorts wächst das Bewusstsein, dass wirtschaftliche Stabilität nicht abstrakt entsteht, sondern in den Betrieben vor Ort — dort, wo aus Ausbildung Fachkräfte werden, wo Unternehmen Steuern zahlen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Die Wahlversammlung in Alsfeld wirkte deshalb in vieler Hinsicht wie ein Übergang. Nicht laut, nicht spektakulär, aber durchaus richtungsweisend. Das Handwerk im Vogelsberg steht weiterhin auf einem stabilen Fundament. Doch selbst stabile Fundamente müssen gepflegt werden, wenn die Belastungen größer werden. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieses Abends: dass Tradition allein nicht genügt, um Zukunft zu sichern. +++ red.

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