Knapp elf Stunden wurde am Samstag in Fulda gelesen, zugehört, diskutiert und über die Frage gestritten, wie die Demokratie mit der AfD und ihren politischen Positionen umgehen soll. Mehr als 120 Menschen aus Politik, Gesellschaft und Kultur beteiligten sich an einem Lesemarathon zum Gutachten über ein mögliches Verbot der AfD. Die Veranstaltung sollte die Debatte über die Verfassungsfeindlichkeit der Partei und die Möglichkeit eines Verbotsverfahrens aus dem politischen Raum in die gesellschaftliche Öffentlichkeit tragen.
Organisiert wurde der Lesemarathon vom Verein Fulda stellt sich quer. Über nahezu elf Stunden hinweg wurden Auszüge aus dem Gutachten öffentlich vorgelesen. Gleichzeitig wurde die Veranstaltung über verschiedene Online-Kanäle live übertragen. Zuschauerinnen und Zuschauer aus ganz Europa verfolgten den Stream und konnten damit auch aus der Entfernung an der Veranstaltung teilnehmen.
Unterstützt wurde der Lesemarathon durch zahlreiche Videoeinschaltungen. Zu den Beteiligten gehörten unter anderem der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz, der Bundestagsabgeordnete Boris Mijatović von Bündnis 90/Die Grünen, der Kabarettist und „Die Anstalt“-Künstler Max Uthoff, die Songwriterin Cynthia Nickschas sowie Joram Bejarano, Sohn der Auschwitz-Überlebenden und Antifaschistin Esther Bejarano.
Auch vor Ort war die Resonanz breit. Mehr als 20 Fuldaer Initiativen, Vereine sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft beteiligten sich an den Lesungen. Dazu gehörten unter anderem die Omas gegen Rechts, der BDKJ, der Förderverein Synagoge Heubach sowie die SPD-Landtagsabgeordnete Tanja Hartdegen.
Im Laufe des Tages kamen zudem zahlreiche Bürgerinnen und Bürger aus der Stadt Fulda und dem Landkreis zur Veranstaltung. Sie hörten den Lesungen zu, informierten sich, diskutierten miteinander und tauschten sich über die aus ihrer Sicht bestehenden Gefahren für die freiheitlich-demokratische Grundordnung aus. Der Charakter des Tages lag damit nicht allein in der öffentlichen Verlesung des Gutachtens. Es ging zugleich darum, die Auseinandersetzung mit der AfD und einem möglichen Verbotsverfahren öffentlich zu führen und unterschiedlichen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich an dieser Debatte zu beteiligen.
Am gemeinsamen Informationsstand der Omas gegen Rechts und von Fulda stellt sich quer unterzeichneten im Laufe des Tages weitere 367 Menschen den Aufruf für ein AfD-Verbotsverfahren. Für den Verein ist diese Zahl ein Zeichen dafür, dass die Frage des Umgangs mit der AfD viele Menschen beschäftigt. Fulda stellt sich quer sieht demokratische Grundwerte durch Positionen und Forderungen der AfD zunehmend gefährdet und fordert deshalb eine intensive gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit der Partei.
Jens Schuch, Organisator der Veranstaltung für Fulda stellt sich quer, zog eine positive Bilanz. „Fast elf Stunden Programm, Live-Lesungen, Videoeinspielungen und gleichzeitig ein durchgehender Stream auf mehreren Kanälen waren eine enorme logistische Herausforderung. Dass sich mehr als 120 Menschen aktiv beteiligt haben, Gäste aus Fulda und der Region gekommen sind und Menschen aus ganz Europa zugeschaut haben, zeigt uns: Viele wollen nicht schweigen. Sie wollen wissen, worum es bei der Diskussion über ein AfD-Verbot tatsächlich geht, und sie wollen unsere Demokratie aktiv verteidigen.“
Für Fulda stellt sich quer soll der Lesemarathon nicht auf diesen einen Tag beschränkt bleiben. Der Verein versteht die Veranstaltung vielmehr als Auftakt für eine Reihe weiterer Aktionen und Informationsveranstaltungen. Die Auseinandersetzung mit der AfD soll nach den Vorstellungen der Organisatoren weitergeführt, dokumentiert und öffentlich sichtbar gemacht werden.
„Wir werden weiter aufklären. Wir werden dokumentieren und sichtbar machen, welche menschenfeindlichen und demokratiegefährdenden Positionen die AfD auf Bundes-, Landes- und auch auf kommunaler Ebene vertritt. Demokratie verteidigt sich nicht von allein. Sie braucht Menschen, die hinschauen, widersprechen und handeln“, erklärt der Verein.
Deutliche Kritik äußerte außerdem Andreas Goerke, Vorsitzender von Fulda stellt sich quer, am bisherigen Umgang des Bundestagsabgeordneten Lamely mit der gerichtlichen Auseinandersetzung um die Einstufung der AfD als Verdachtsfall. Goerke fordert von Lamely eine klare öffentliche Positionierung und Antworten auf die von Fulda stellt sich quer formulierten 15 Fragen an die AfD Fulda.
„Wer ein demokratisches Mandat im Deutschen Bundestag trägt, darf bei der Frage, wie wir mit rechtsextremen und demokratiefeindlichen Bestrebungen umgehen, nicht schweigen. Deshalb frage ich Herrn Lamely ganz konkret: Wie bewerten Sie die Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz und die dazu ergangene gerichtliche Entscheidung? Welche politischen Konsequenzen ziehen Sie daraus? Und wie stehen Sie zu den 15 Fragen, die wir an die AfD Fulda gestellt haben? Wir erwarten keine Ausflüchte, sondern eine klare demokratische Haltung. Die Bürgerinnen und Bürger in Fulda haben ein Recht darauf zu erfahren, wo ihr Bundestagsabgeordneter bei dieser zentralen Frage zum Schutz unserer Demokratie steht“, erklärt Goerke.
Nach knapp elf Stunden endete der Lesemarathon schließlich nicht nur mit dem Abschluss der Fuldaer Veranstaltung, sondern zugleich mit einem Ausblick auf eine Fortsetzung. Der Bad Hersfelder Verein Bunt statt Braun übernahm symbolisch den Staffelstab und kündigte an, den Lesemarathon fortzuführen. Damit soll aus der Fuldaer Veranstaltung eine Aktion werden, die über die Stadt- und Kreisgrenzen hinausgetragen wird.
Für Fulda stellt sich quer markiert das Ende des Tages deshalb zugleich als Beginn einer weiteren öffentlichen Auseinandersetzung. Die Organisatoren wollen die Debatte über die AfD, ihre politischen Positionen und die Frage eines möglichen Verbotsverfahrens weiterführen und dabei Informationen öffentlich zugänglich machen. Nach ihrer Überzeugung braucht die Demokratie dafür nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch Menschen, die sich in die Auseinandersetzung einbringen. +++ red.














