Wer nachts in den Himmel schaut, sieht auf den ersten Blick vor allem Lichtpunkte. Dahinter verbirgt sich jedoch eine Dimension, die sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen weitgehend entzieht. Rund 100 Besucher im Haus auf der Grenze der Gedenkstätte Point Alpha ließen sich bei einem Vortrag von Sabine Frank auf diese Reise mitnehmen. Im Rahmen der Sternenparkwochen Rhön sprach die Koordinatorin des Sternenparks Rhön über die Milchstraße, die Geschichte ihrer Erforschung und darüber, warum es sich lohnt, die Dunkelheit der Nacht zu bewahren.
„Was finden Sie heraus, wenn Sie ihre flache Hand in den Nachthimmel halten?“ Mit dieser Frage eröffnete Frank ihren Vortrag und machte aus einer scheinbar einfachen Geste einen Zugang zu den gewaltigen Dimensionen des Universums. Die Sterne faszinieren die Menschheit seit jeher. Sie waren Orientierungspunkte, Gegenstand von Ritualen und Grundlage für die Entwicklung von Sternbildern und Kalendern. Zugleich gehört die Astronomie zu den komplexesten Forschungsfeldern. Frank gelang es, die großen Zusammenhänge mit einfachen Fragen, eindrucksvollen Bildern und verständlichen Erläuterungen greifbar zu machen.
Ihre eigene Faszination für den Nachthimmel reicht bis in die Kindheit zurück. Als Kind ging Sabine Frank nachts durch den Garten und war begeistert von den vielen Glühwürmchen und den Sternen am Himmel. Heute vermittelt sie als Koordinatorin des Sternenparks Rhön diese Begeisterung weiter. In der Gedenkstätte Point Alpha nahm sie die Besucher mit auf eine Reise durch die Geschichte der Wahrnehmung und Erforschung der Milchstraße, die auch als Galaxis bezeichnet wird.
„Unser Sonnensystem mit der Erde ist Teil der Milchstraße. Sie besteht aus etwa 300 Milliarden Sternen und hat einen Durchmesser von etwa 150.000 bis 200.000 Lichtjahren. Schon immer orientierten sich die Menschen an den Sternen und nutzen sie für Rituale. Sie verbanden die Sterne zu Sternbildern und entwickelten Kalender“, erklärte Frank.
Über Jahrtausende blieb den Menschen dabei nur die Beobachtung mit bloßem Auge. Erst vor mehr als 400 Jahren veränderte das Teleskop den Blick auf das Weltall grundlegend. Galileo Galilei begann als erster Wissenschaftler, das Universum mit einem Teleskop systematisch zu beobachten und zu dokumentieren. Seine Beobachtungen trugen dazu bei, die Erkenntnisse von Nikolaus Kopernikus zu bestätigen, nach denen nicht die Sonne um die Erde kreist, sondern die Erde und die anderen Planeten um die Sonne.
Doch auch unser Sonnensystem ist keineswegs ein ruhender Punkt im All. Es bewegt sich innerhalb der Milchstraße und kreist dabei um das massereiche Schwarze Loch im Zentrum der Galaxis. Für eine vollständige Umrundung benötigt unser Sonnensystem ein kosmisches Jahr von rund 230 Millionen Jahren. Eine Zeitspanne, die den Maßstab menschlicher Geschichte weit hinter sich lässt.
Mit Bildern und verständlichen Erklärungen führte Frank anschließend durch die wissenschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Die Relativitätstheorie Albert Einsteins und die Entdeckung weiterer Galaxien erweiterten das Bild vom Universum erheblich. Einen besonderen Meilenstein stellte 1990 der Start des Hubble-Weltraumteleskops dar. Es ermöglichte Aufnahmen, die den Blick der Wissenschaft und der Öffentlichkeit auf das Universum veränderten und weit entfernte Strukturen sichtbar machten.
Auch die jüngere Weltraumforschung hat den Blick auf das Universum weiter verschoben. Frank berichtete über das James-Webb-Weltraumteleskop, das sich in einer Entfernung von rund 1,5 Millionen Kilometern durch das All bewegt. Mit seinen Beobachtungen im Infrarotbereich eröffnet es neue Perspektiven auf das Universum und ermöglicht unter anderem die Entdeckung und Untersuchung neuer Galaxien. Aus dem Blick auf die Sterne wird damit zugleich ein Blick zurück in die Geschichte des Kosmos.
Frank beließ es jedoch nicht bei der Reise in die Tiefen des Weltalls. Ihr Vortrag führte zurück auf die Erde und zu einem Problem, das unmittelbar vor der eigenen Haustür beginnt: der zunehmenden Aufhellung der Nacht. Glühwürmchen, die sie aus ihrer Kindheit kennt, sind heute vielerorts selten geworden. Künstliches Licht und die Aufhellung des Nachthimmels beeinträchtigen nach ihren Ausführungen die Tierwelt und erschweren insbesondere nachtaktiven Insekten die Orientierung und die Nutzung ihrer Lebensräume.
Der Schutz der Nacht bedeutet dabei nicht, auf künstliche Beleuchtung grundsätzlich zu verzichten. Vielmehr geht es um die Frage, wo, wann und in welcher Intensität Licht tatsächlich benötigt wird. Weniger und gezielter eingesetztes Licht kann nachtaktiven Insekten und anderen Tieren helfen, ihre Lebensräume zurückzugewinnen. Davon könne auch der Mensch profitieren, denn dunklere Nächte seien für einen erholsameren Schlaf von Bedeutung.
Und schließlich verändert sich auch der Blick nach oben. Wo weniger künstliches Licht den Nachthimmel aufhellt, werden wieder mehr Sterne sichtbar. Vielleicht, so die Hoffnung, kehren dann auch die Glühwürmchen zurück. Der Schutz der Dunkelheit verbindet damit zwei Perspektiven, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: den Blick in die unendlichen Weiten des Universums und den Blick auf die unmittelbare Umgebung des Menschen.
Auch die Gedenkstätte Point Alpha setzt sich für einen bewussteren Umgang mit Außenbeleuchtung ein und ist Teil des Sternenparks Rhön. Point-Alpha-Vorstand Benedikt Stock verwies darauf, dass die Gedenkstätte für den bewussten Einsatz ihrer Außenbeleuchtung das Prädikat „#lichtbewusstsein“ erhalten habe.
Die Frage von Sabine Frank nach der flachen Hand, die zu Beginn des Vortrags über dem Nachthimmel gehalten wurde, führte damit zurück zum eigentlichen Thema des Abends. Der Himmel über der Rhön ist nicht nur Kulisse für den Blick in die Sterne. Er ist Teil einer Landschaft, deren Dunkelheit selbst zu einem schützenswerten Gut geworden ist. Wer nachts wieder mehr Sterne sehen will, muss nicht weiter ins Weltall reisen. Manchmal reicht es, auf der Erde ein wenig Licht auszuschalten.













