Eine deutliche Mehrheit der Deutschen spricht sich gegen eine Abschaffung der sogenannten „Rente mit 63“ aus. Das geht aus einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Insa für die „Bild am Sonntag“ hervor. Demnach lehnen 68 Prozent der Befragten eine Abschaffung der Regelung ab. Lediglich 24 Prozent befürworten sie, acht Prozent machten keine Angabe.
Die Umfrage zeigt zugleich, dass die Regelung für viele Menschen persönlich von Bedeutung ist. 56 Prozent der Befragten gaben an, selbst von der „Rente mit 63“ Gebrauch machen zu wollen oder dies bereits getan zu haben. 32 Prozent verneinten dies, zwölf Prozent machten keine Angabe.
Auch bei der Frage nach geplanten Sozialabgaben auf Minijobs überwiegt die Ablehnung. 61 Prozent der Befragten sprechen sich dagegen aus, künftig Sozialabgaben auf Minijobs zu erheben. 30 Prozent befürworten entsprechende Abgaben, neun Prozent machten keine Angabe.
Insgesamt fällt das Urteil über die Rentenpolitik der Bundesregierung deutlich negativ aus. 77 Prozent der Befragten äußerten sich unzufrieden mit der Rentenpolitik, lediglich 16 Prozent zeigten sich zufrieden. Sieben Prozent machten keine Angabe.
Die Ergebnisse treffen auf deutlichen Widerstand der Gewerkschaften. Mehrere Spitzenfunktionäre führender Gewerkschaften fordern die Bundesregierung auf, von ihren Plänen zur Abschaffung beziehungsweise zum Auslaufen der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren abzurücken.
Verdi-Vorstandschef Frank Werneke sagte der „Bild am Sonntag“, es sei erfreulich, dass immer mehr Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten erkannten, dass der Vorschlag der Rentenkommission der Bundesregierung falsch sei. Die geplante Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte missachte die Lebensleistung der betroffenen Menschen. Diese Rentenform müsse deshalb erhalten bleiben.
Auch IG-Metall-Bundesvorsitzende Christiane Benner verteidigte die Regelung. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren sei gerecht und gerechtfertigt. Wer daran Zweifel habe, könne sich den Arbeitsalltag etwa am Hochofen, auf einer Werft oder am Band bei Schichtarbeitern ansehen. Danach werde man die Regelung ihrer Ansicht nach besser verstehen.
DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel verwies ebenfalls auf die lange Erwerbsbiografie vieler Betroffener. Menschen, die früh eine Ausbildung begonnen und nahezu ein halbes Jahrhundert gearbeitet hätten, dürften am Ende ihres Arbeitslebens nicht wie eine Zitrone ausgequetscht werden. Sie hätten Anspruch auf eine gute Rente ohne Abschläge.
Robert Feiger, Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, argumentierte ebenfalls mit der langen Beitragszeit. Wer 45 Jahre gearbeitet und seine Beiträge gezahlt habe, habe sich einen abschlagsfreien Renteneintritt verdient. Eine Abschaffung würde aus seiner Sicht Millionen Beschäftigte in körperlich besonders belastenden Berufen praktisch dazu zwingen, bis an ihre Belastungsgrenze zu arbeiten.
Feiger warnte zugleich vor Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es könne nicht sein, dass ausgerechnet diejenigen die Kosten einer Reform tragen sollten, die das Land aufgebaut, versorgt und am Laufen gehalten hätten. Wer an der Rente nach 45 Beitragsjahren säge, lege die Axt an den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Damit stehen sich in der Rentendebatte zwei unterschiedliche Perspektiven gegenüber: Auf der einen Seite stehen Forderungen nach einer langfristig tragfähigen Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung, auf der anderen Seite der Anspruch, eine jahrzehntelange Erwerbs- und Beitragsleistung entsprechend zu berücksichtigen. Die Insa-Umfrage zeigt dabei eine klare öffentliche Präferenz: Eine Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren findet derzeit keine Mehrheit. +++ red.













