Der Angriff auf den Christopher Street Day in Berlin war kein gewöhnlicher Vorfall. Er richtete sich gegen Menschen, die friedlich für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe eintraten. Umso gravierender ist es, wenn ein solcher Anschlag im Nachhinein als angebliches „Signal des Himmels“ gedeutet wird. Dass ein Pfarrer diese Sichtweise in einem Leserbrief verbreiten konnte, ist bereits irritierend. Dass dieser Text veröffentlicht wurde, wirft jedoch vor allem Fragen an die publizistische Verantwortung der Redaktion auf.
Das Bistum Fulda hat sich unmissverständlich von den Äußerungen distanziert und seine Solidarität mit der queeren Community betont. Auch der Chefredakteur der Fuldaer Zeitung, Tobias Farnung, bezog in seiner wöchentlich erscheinenden Kolumne am Samstag Stellung und distanzierte sich von den Aussagen des Leserbriefs. Er schrieb, niemand müsse den Christopher Street Day gut finden. Eine offene Gesellschaft müsse jedoch unterschiedliche Auffassungen aushalten. Diese Feststellung kann man zunächst einmal so stehen lassen.
Dennoch beantwortet sie die entscheidende Frage nicht. Es geht nicht darum, ob der CSD Zustimmung oder Ablehnung erfährt. Darüber lässt sich in einer pluralistischen Gesellschaft selbstverständlich streiten. Es geht vielmehr darum, ob ein Leserbrief veröffentlicht werden sollte, der einen gewalttätigen Angriff religiös deutet und dadurch geeignet ist, diskriminierende Botschaften zu verstärken. Hier beginnt die Verantwortung einer Redaktion.
Leserbriefe sind Ausdruck der Meinungsfreiheit, erscheinen jedoch nicht ungeprüft. Jede Redaktion entscheidet, welche Zuschriften veröffentlicht werden und welche nicht. Diese Auswahl ist Teil journalistischer Verantwortung. Wer einem Text eine Plattform gibt, übernimmt zwar nicht dessen Inhalt, wohl aber die Verantwortung dafür, ihn einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Gerade deshalb hätte dieser Leserbrief nicht erscheinen dürfen. Nicht, weil kontroverse Meinungen unterdrückt werden müssten, sondern weil die Grenze dort verläuft, wo Gewalt durch religiöse Deutungen nachträglich moralisch aufgeladen oder gegenüber einer ohnehin häufig angefeindeten Minderheit indirekt legitimiert wird. Zwischen einer unbequemen Meinung und einer Veröffentlichung, die gesellschaftliche Ressentiments verstärken kann, besteht ein erheblicher Unterschied.
Ein Perspektivwechsel verdeutlicht die Dimension. Würde ein Anschlag auf eine andere gesellschaftliche Gruppe als göttliche Botschaft interpretiert, wäre die öffentliche Empörung vermutlich ungleich größer. Dass eine solche Argumentation im Zusammenhang mit queeren Menschen überhaupt den Weg auf eine Leserbriefseite finden konnte, offenbart eine problematische Fehleinschätzung der möglichen Wirkung publizierter Worte.
Journalismus lebt vom offenen Diskurs. Er lebt aber ebenso von Einordnung, Verantwortung und der Fähigkeit, Grenzen zu erkennen. Nicht jede Zuschrift verdient eine Veröffentlichung, nur weil sie eingereicht wurde. Die Freiheit der Presse schließt die Pflicht zur sorgfältigen Auswahl ausdrücklich ein.
Sowohl das Bistum Fulda als auch der Chefredakteur der Fuldaer Zeitung haben sich inzwischen von den Aussagen distanziert. Das ist richtig und notwendig. Die eigentliche Debatte endet damit jedoch nicht. Denn die Distanzierung ändert nichts daran, dass der Leserbrief zunächst veröffentlicht wurde. Genau darin liegt der Kern des Problems.
Der Vorfall sollte deshalb Anlass sein, die Maßstäbe für den Umgang mit Leserbriefen kritisch zu überprüfen. Meinungsvielfalt bleibt ein hohes Gut. Sie darf jedoch nicht dazu führen, dass menschenfeindliche Botschaften oder religiös begründete Rechtfertigungen von Gewalt den Anschein publizistischer Legitimität erhalten. Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen braucht es Redaktionen, die zwischen freier Debatte und verantwortungsvoller Veröffentlichung unterscheiden können.
Im eigenen Interesse sollte die Fuldaer Zeitung deshalb transparent aufarbeiten, wie es zu dieser Veröffentlichung kommen konnte. Eine nachvollziehbare Erklärung würde nicht nur zur Versachlichung der Debatte beitragen, sondern auch das Vertrauen in die journalistischen Auswahlprozesse stärken. Denn Fehler können passieren. Entscheidend ist, wie offen und glaubwürdig mit ihnen umgegangen wird. +++ michael engler















Ein Kommentar
Ein emeritierter Priester wie Pfarrer Abel ist eben auch eine moralische Instanz. Und natürlich als Priester quasi das Sprachrohr Gottes. Also darf die Fuldaer Zeitung ihm gar nicht verbieten, hier seine Meinung kund zu tun. Ist ja so von Gott abgesegnet. Deshalb wohl hat man hier nicht so richtig hingeschaut. Doch was Abel hier als Leserbrief an die FZ vom Stapel lässt birgt auch die Gefahr, dass man die Tat in Berlin als Strafe Gottes für unmoralische Menschen interpretieren kann. Und damit macht er sich gemein mit dem islamistischen Attentäter, der dies ja genau deshalb tat, weil er queere Menschen als Ungläubige schwere Sünder im Sinne von Sodom und Gomorha ansah. Und sich selbst daher wohl als so etwas wie einen Gotteskrieger. Und genau das ist abgrundtief falsch! Weder der Islam noch das Christentum verurteilen queere Menschen! Nichts dazu findet sich in der Bibel und schon gar nicht im Koran! Also war diese Tat schwerste Sünde. Sowohl für einen Christen als auch für einen gläubigen Moslem! Und das müsste auch ein Pfarrer Abel begreifen!