Die Hoffnung auf politische Stabilität sucht sich bisweilen ungewöhnliche Verbündete. In Berlin richtet sich der Blick dieser Tage nicht allein auf Haushaltszahlen, Umfragen oder außenpolitische Krisen, sondern auch auf den Fußballplatz. Die schwarz-rote Koalition verbindet mit der anstehenden Weltmeisterschaft erkennbar die Erwartung, dass ein erfolgreiches Turnier der Nationalmannschaft weit über den Sport hinauswirken könnte — als emotionales Bindemittel in einer angespannten politischen und gesellschaftlichen Lage.
SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese formulierte diese Erwartung gegenüber der „Rheinischen Post“ bemerkenswert offen. Ein gutes Abschneiden der deutschen Mannschaft könne „uns allen sicher einen positiven Schub verleihen“, sagte der Sozialdemokrat und knüpfte damit an eine Erfahrung an, die Regierungen seit Jahrzehnten kennen: Große sportliche Ereignisse erzeugen bisweilen ein Gemeinschaftsgefühl, das politische Debatten zumindest vorübergehend überlagert. Wiese sprach von der Bedeutung des gemeinsamen Fieberns und Daumendrückens hinter einer Mannschaft. Schon darin liege etwas Verbindendes.
Der Satz wirkt zunächst harmlos, beinahe beiläufig. Doch er verweist auf ein tieferes Bedürfnis der politischen Mitte nach gesellschaftlicher Klammerbildung. Die Bundesrepublik erlebt seit Jahren eine Phase wachsender Polarisierung, wirtschaftlicher Unsicherheit und schwindenden Vertrauens in politische Institutionen. In einer solchen Atmosphäre bekommt der Fußball erneut jene symbolische Funktion zugeschrieben, die er in Deutschland immer wieder eingenommen hat: als Projektionsfläche kollektiver Zuversicht. Dass ausgerechnet eine Regierungskoalition darauf setzt, ist kein Zufall. Politik lebt nicht allein von Programmen und Verwaltungsakten, sondern auch von Stimmungen.
Wiese beließ es deshalb nicht bei sportlicher Unterstützung für Bundestrainer Julian Nagelsmann. Er verband den Fußball ausdrücklich mit politischen Tugenden. „Zuversicht, Zusammenhalt und eine gewisse Unerschrockenheit“ seien unverzichtbar — in Politik, Wirtschaft und Sport gleichermaßen. Der Gedanke dahinter ist leicht erkennbar: Der Fußball dient hier als Metapher für eine Gesellschaft, die sich trotz Krisen handlungsfähig zeigen soll. Die Nationalmannschaft wird damit indirekt zum Spiegel politischer Sehnsüchte.
Allerdings zeigt gerade diese Hoffnung auch die Grenzen symbolischer Politik. Ein erfolgreiches Turnier kann gesellschaftliche Spannungen kurzfristig überdecken, aber nicht lösen. Die Erfahrung früherer Großereignisse legt nahe, dass Euphorie selten dauerhaft trägt. Nationale Begeisterung erzeugt Momente gemeinsamer Aufmerksamkeit, ersetzt jedoch keine politischen Antworten auf wirtschaftliche Sorgen, Migrationskonflikte oder das Gefühl vieler Bürger, von den Veränderungen der Gegenwart überfordert zu sein. Der Fußball kann Gemeinschaft sichtbar machen, aber er kann sie nicht dauerhaft organisieren.
Gleichwohl wäre es zu einfach, die Äußerungen aus der Koalition bloß als kalkulierten Versuch der Stimmungsaufhellung abzutun. In ihnen steckt auch die Einsicht, dass demokratische Gesellschaften auf gemeinsame Erfahrungen angewiesen bleiben. Gerade weil sich Öffentlichkeit zunehmend fragmentiert, gewinnen Ereignisse an Bedeutung, die Menschen für kurze Zeit aus ihren politischen und sozialen Milieus herausholen. Der Fußball besitzt diese Fähigkeit noch immer — vielleicht mehr als jede andere populäre Bühne.
Ob daraus tatsächlich jener „positive Schub“ entsteht, auf den die Koalition hofft, wird sich kaum an Turnierergebnissen allein entscheiden. Entscheidend dürfte vielmehr sein, ob das Land jenseits sportlicher Emotionen wieder ein Gefühl gemeinsamer Richtung entwickelt. Der Fußball kann dafür ein Anlass sein. Er wird die Antwort darauf nicht liefern. +++ me













