Der Hessentag in Fulda ist an diesem Sonntag mit dem traditionellen Festumzug zu Ende gegangen. Zehn Tage lang prägten mehr als 1.200 Veranstaltungen das größte Landesfest Hessens, den musikalischen Schlusspunkt setzt am Abend Peter Maffay. Aufgrund der außergewöhnlich hohen Nachfrage findet am Montag zudem ein Zusatzkonzert statt. Organisatorisch kann die Stadt damit eine durchweg positive Bilanz ziehen. Die Stimmung war während des gesamten Festes überwiegend ausgelassen, die Resonanz der Besucher fiel entsprechend positiv aus. Fulda hat sich als Gastgeber souverän präsentiert und bewiesen, dass die Stadt ein Ereignis dieser Größenordnung erfolgreich ausrichten kann. An diesem Befund gibt es kaum ernsthafte Zweifel.
Doch der Erfolg eines Landesfestes darf nicht dazu führen, dass jede Form seiner öffentlichen Inszenierung automatisch außerhalb jeder Kritik steht. Im Gegenteil: Gerade weil der Hessentag ein Aushängeschild Hessens ist und weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erzeugt, beginnt die eigentliche Debatte dort, wo Öffentlichkeit entsteht – und wo sich die Frage stellt, wer sie prägt.
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik vieler Beobachter an. Sie richtet sich ausdrücklich nicht gegen den Hessentag selbst, sondern gegen die Art und Weise seiner medialen Begleitung. Nach Auffassung zahlreicher Beobachter wurde zwei Medien ein außergewöhnlich großer Raum eingeräumt. Vor allem einer der offiziellen Medienpartner dominierte die öffentliche Wahrnehmung über weite Strecken so deutlich, dass zeitweise der Eindruck entstand, der Hessentag sei weniger ein Landesfest als vielmehr das Prestigeprojekt eines einzelnen Mediums. Im Nachgang könnte sogar der Eindruck vermittelt werden, dieses Medium habe den Hessentag in Fulda überhaupt erst groß gemacht.
Das mag aus Sicht des betroffenen Mediums ein Erfolg sein. Für den Journalismus wirft es jedoch grundsätzliche Fragen auf. Medienpartnerschaften dürfen Sichtbarkeit schaffen – sie dürfen journalistische Distanz jedoch nicht ersetzen. Genau dieser Eindruck entstand nach Auffassung vieler Kritiker. Die Berichterstattung wirkte über weite Strecken weniger von kritischer Einordnung als vielmehr von auffallendem Wohlwollen geprägt. Kritische Beiträge erschienen lediglich in sehr begrenztem Umfang – und zudem erst, nachdem Kritik an der Berichterstattung selbst öffentlich geäußert worden war. Für viele Beobachter wirkten diese Veröffentlichungen eher wie der Versuch, Ausgewogenheit sichtbar zu machen, ohne den grundsätzlichen Charakter der Berichterstattung tatsächlich zu verändern.
Besonders deutlich zeigte sich diese Wahrnehmung beim Blick auf die Vermarktung des Hessentags. Einer der offiziellen Medienpartner richtete eigens eine Sonderseite ein, auf der zahlreiche Sponsoren präsentiert und entsprechende Beiträge veröffentlicht wurden. Gleichzeitig fanden sich diese Inhalte in großem Umfang auch auf den eigentlichen Nachrichtenseiten wieder. Dadurch entstand der Eindruck, dass das Landesfest nicht nur journalistisch begleitet, sondern zugleich zur Bühne für die Selbstdarstellung eines offiziellen Medienpartners geworden sei. Zeitweise drohte der eigentliche Hessentag hinter dieser medialen Eigeninszenierung zurückzutreten. In Erinnerung bleiben könnte am Ende weniger das Fest selbst als vielmehr die Art seiner Vermarktung.
Hinzu kommt die politische Gewichtung der Berichterstattung. Auffällig war die starke Präsenz politischer Akteure aus Wiesbaden, insbesondere der CDU. Vertreter anderer Parteien kamen zwar ebenfalls vor, nach Einschätzung der Kritiker jedoch häufig nur dann, wenn ihre Erwähnung kaum zu vermeiden war. Auch führende CDU-Politiker aus Fulda standen regelmäßig im Mittelpunkt der Berichterstattung. Daraus ergibt sich aus Sicht der Kritiker eine Schwerpunktsetzung, die nur schwer mit dem Anspruch einer unabhängigen und ausgewogenen journalistischen Begleitung eines Landesfestes vereinbar erscheint.
Ein besonders bezeichnendes Beispiel lieferte nach Auffassung vieler Beobachter die Kabinettssitzung in Fulda. Den Ministerpräsidenten anschließend beim Schuhkauf zu begleiten, wirkte weniger wie unabhängiger Journalismus als vielmehr wie sorgfältig inszenierte Symbolpolitik. Es war eine Show – und dazu noch eine durchschaubare. Viele Menschen interessieren sich längst nicht mehr für derartige Inszenierungen. Sie erwarten Informationen, Einordnung und kritische Distanz statt arrangierter Alltagsbilder politischer Spitzenvertreter.
Auch der abschließende Festumzug liefert weiteren Stoff für die Debatte. Offenbar hatte die Stadt nicht alle Chefredakteure und Chefredakteurinnen auf die Ehrentribüne eingeladen. Auf den ersten Blick mag das wie eine Randnotiz erscheinen. Tatsächlich berührt gerade dieser Vorgang einen zentralen Punkt: Nach welchen Kriterien werden privilegierter Zugang und öffentliche Sichtbarkeit vergeben? Ein Oberbürgermeister, der eine derart weitreichende mediale Selbstinszenierung eines offiziellen Medienpartners überhaupt erst ermöglicht hat, wird sich diesen Fragen stellen müssen. Dabei geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten oder verletzte Eitelkeiten, sondern um den Anspruch einer Stadtverwaltung, allen Medien bei einem Landesfest dieselben Möglichkeiten und dieselbe Offenheit entgegenzubringen.
Bemerkenswert ist zugleich das Schweigen der politischen Opposition in Fulda. Eine ernsthafte öffentliche Auseinandersetzung mit diesen Vorgängen bleibt bislang weitgehend aus. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass sich große Teile der Opposition mit den bestehenden Verhältnissen arrangiert haben. Aus Sicht der Kritiker sieht man inzwischen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Wer selbst regelmäßig in wenig aussagekräftigen Bildergalerien der betreffenden Medien erscheint, verzichtet offenbar allzu häufig darauf, grundsätzliche Fragen nach journalistischer Unabhängigkeit, politischer Ausgewogenheit und der Rolle offizieller Medienpartnerschaften zu stellen. Demokratie lebt nicht davon, auf Fotos präsent zu sein. Sie lebt davon, Macht, Strukturen und öffentliche Kommunikation kritisch zu hinterfragen – gerade dann, wenn Politik, Verwaltung und Medien sichtbar eng zusammenrücken.
Ob sämtliche Vorwürfe berechtigt sind, wird Gegenstand weiterer Diskussionen sein. Fest steht jedoch schon heute, dass die Debatte über eine aus Sicht der Kritiker möglicherweise gelenkte oder zumindest einseitig wahrgenommene Berichterstattung den Hessentag vermutlich länger begleiten wird als jedes Festzelt. Wir selbst konnten während des Hessentags mit zahlreichen Besucherinnen und Besuchern sprechen. Viele dieser Gespräche zeigen, dass die eigentliche Aufarbeitung möglicherweise erst jetzt beginnt.
Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass sich auch die Oppositionsparteien zu einer offenen politischen Debatte entschließen. Mit Blick auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre rechnen manche Beobachter jedoch eher mit anhaltendem Schweigen als mit einer offensiven Aufarbeitung. Das wäre bedauerlich. Denn ein Landesfest endet mit dem Abbau der Bühnen. Die Fragen nach journalistischer Unabhängigkeit, nach dem Umgang der Stadt mit Medien und nach wirksamer politischer Kontrolle bleiben bestehen.
Wer diese Kritik als Ausdruck persönlicher Enttäuschung oder verletzter Eitelkeit abtun möchte, verkennt ihren eigentlichen Kern. Als die Planungen für den Hessentag begannen, existierte unser Medium noch gar nicht. Es geht weder um eine verpasste Einladung noch um die Frage, wer Zugang zu welchen Veranstaltungen hatte. Selbst wenn wir von Anfang an beteiligt gewesen wären, hätten wir nach unserem journalistischen Selbstverständnis diese Form der Inszenierung nicht mitgetragen.
Journalismus ist keine Verlängerung der Öffentlichkeitsarbeit. Seine Aufgabe besteht darin, kritisch zu begleiten, Entwicklungen einzuordnen und dort Distanz zu wahren, wo andere Nähe suchen. Wer die Grenzen zwischen Berichterstattung, Eigenwerbung und politischer Inszenierung verschwimmen lässt, gefährdet langfristig das Vertrauen in den Journalismus insgesamt.
Genau deshalb richtet sich diese Kritik nicht gegen den Hessentag. Sie richtet sich gegen ein Verständnis von Medienpartnerschaft, das journalistische Unabhängigkeit zunehmend durch öffentliche Selbstinszenierung ersetzt. Der Hessentag war ein Erfolg für Fulda. Die Art und Weise seiner medialen Begleitung wirft jedoch Fragen auf, die weit über dieses Landesfest hinausreichen. Sie betreffen den Zustand des Lokaljournalismus, den Umgang von Politik mit Medien und die Verantwortung beider Seiten gegenüber der Öffentlichkeit. Wer Vertrauen in den Journalismus erhalten will, muss diese Fragen offen diskutieren. Sie verdienen Antworten – nicht irgendwann, sondern jetzt. +++ me












