Manchmal zeigen sich die Erwartungen einer Gemeinde weniger in programmatischen Beschlüssen als in der Art, wie sie Menschen willkommen heißt. In der Evangelischen Kreuzkirche Fulda war das am Sonntagvormittag spürbar zu beobachten, als Valentina Riebel in einem festlichen Gottesdienst offiziell als Referentin für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit eingeführt wurde. Zwar ist die 25-Jährige bereits seit dem Sommer 2025 im Kirchenkreis und in der Kreuzkirche tätig, doch erst mit der öffentlichen Segnung erhielt ihr Dienst nun auch sichtbar den Charakter eines kirchlichen Auftrags.
Der Gottesdienst stand unter einem Gedanken, der in kirchlichen Zusammenhängen häufig zitiert wird und doch selten so konkret ausgelegt wird wie an diesem Sonntag. Dekan Dr. Thorsten Waap griff in seiner Predigt das Jesuswort „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ auf und verband es mit einer alltäglichen Beobachtung. In der Galeria Kaufhof habe er Jungen gesehen, die mit aller Kraft versuchten, eine Rolltreppe entgegen der Fahrtrichtung hinaufzulaufen. Zunächst habe ihn die Szene erschreckt, sagte Waap, dann aber sei ihm der eigentliche Kern dieses Bildes bewusst geworden: der Mut, sich einer Schwierigkeit nicht ausweichend, sondern entschlossen entgegenzustellen.
Darin lag mehr als nur eine beiläufige Anekdote. Der Dekan entwickelte aus dieser Beobachtung eine grundsätzliche Betrachtung über Glauben, Freiheit und die Haltung gegenüber Veränderungen. Die kindliche Unbefangenheit, so seine Auslegung, sei kein Zeichen von Naivität, sondern Ausdruck von Vertrauen und Offenheit gegenüber der Welt. „Wir sind zur Freiheit geboren“, gab er der Gemeinde mit auf den Weg. Zugleich wandte er sich gegen jene Beharrungskräfte, die kirchliche Entwicklungen oftmals mit dem Hinweis abwehren, etwas sei „hier schon immer so“ gewesen. Gerade in einer Zeit, in der viele Gemeinden um Orientierung und Zukunftsperspektiven ringen, wirkte diese Predigt wie ein bewusst gesetztes Signal zugunsten von Bewegung und Erneuerung.
Dass die Kreuzkirche diesen Weg gehen will, zeigt sich nicht zuletzt an der Arbeit, die Valentina Riebel bereits in den vergangenen Monaten geleistet hat. In der Konfirmandenarbeit, bei Ferienaktionen oder in der ökumenischen Initiative „Kirche Kunterbunt“ hat sie sich sichtbar eingebracht. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Schaffung von Begegnungsräumen für Kinder und Familien – ein Arbeitsfeld, das vielerorts als entscheidend für die Zukunft kirchlicher Bindung gilt, zugleich aber oft unter personellen und finanziellen Engpässen leidet.
Pfarrer Stefan Bürger fand für diesen Einsatz deutliche Worte der Anerkennung. Riebel sei „fest im Glauben verwurzelt“ und begegne Menschen mit großer Fröhlichkeit, sagte er in seiner Ansprache. Dass diese Haltung offenbar Wirkung entfaltet, zeigte sich auch in den persönlichen Rückmeldungen ehemaliger Konfirmanden, die ihr nach dem Gottesdienst gratulierten. Die gemeinsame Zeit sei für sie zu einem „tollen Erlebnis“ geworden, lautete ihr Urteil – eine Formulierung, die gerade deshalb Gewicht besitzt, weil sie nicht aus kirchlichen Leitbildern stammt, sondern aus unmittelbarer Erfahrung.
Bemerkenswert war an diesem Sonntag allerdings nicht nur die Einführung der neuen Referentin selbst, sondern auch der Blick auf die Gemeinde, die diese Stelle ermöglicht hat. Dekan Waap hob ausdrücklich das Engagement der Kreuzkirchengemeinde im Bereich Fundraising hervor. Dass die Mittel für eine halbe Stelle eigenständig aufgebracht werden, sei keineswegs selbstverständlich, sondern Ausdruck einer klaren Prioritätensetzung. Während vielerorts über den Rückgang kirchlicher Ressourcen geklagt wird, zeigt sich hier ein anderer Ansatz: Wer Kinder- und Jugendarbeit für zentral hält, muss bereit sein, dafür Verantwortung zu übernehmen – auch finanziell.
Für Valentina Riebel selbst scheint die Entscheidung längst nicht nur eine berufliche zu sein. Sie empfinde ihre Tätigkeit „als mehr als einen Job“ und fühle sich in der Gemeinde sehr wohl, sagte sie nach dem Gottesdienst. Beim anschließenden Beisammensein nutzten viele Gemeindemitglieder die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit der neu eingeführten Referentin.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung dieses Vormittags. Die Einführung einer Jugendreferentin mag auf den ersten Blick wie ein routinierter kirchlicher Vorgang erscheinen. Tatsächlich aber erzählt sie etwas über den Zustand einer Gemeinde, über ihre Erwartungen an die Zukunft und über die Frage, ob Kirche den Mut besitzt, sich gegen die Fahrtrichtung festgefahrener Gewohnheiten zu bewegen. +++ red.














