Boulderchurch in Bad Orb gewinnt Hessischen Demografie-Preis 2026

Der Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Benedikt Kuhn, mit den Gewinnern des Demografie-Preises. Foto: RSCP-Photo / HSK

Boulderchurch in Bad Orb gewinnt Hessischen Demografie-Preis 2026

Was mit einem leerstehenden Kirchengebäude geschieht, wenn eine Gemeinde den Raum nicht einfach aufgibt, sondern neu denkt, zeigt sich in Bad Orb. Die ehemalige katholische Kirche St. Michael, die seit 2016 leer stand, ist heute eine Boulderhalle, ein Bistro und ein Ort der Begegnung. Dafür ist die „Boulderchurch Bad Orb“ mit dem Hessischen Demografie-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Das Projekt erhielt den ersten Preis und damit ein Preisgeld von 8.000 Euro.

Der Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Benedikt Kuhn, gratulierte den Verantwortlichen am Mittwoch in Wiesbaden zu der Auszeichnung. In Bad Orb sei es gelungen, ein leerstehendes Kirchengebäude wieder zu einem lebendigen Ort des Miteinanders und der Begegnung zu machen, sagte Kuhn. Die Boulderchurch belebe den Ortskern, biete ein attraktives Freizeitangebot und eröffne damit neue Perspektiven für den ländlichen Raum. Das Projekt schlage eine Brücke zwischen Tradition und Zeitgeist und verbinde in dem ehemaligen Kirchengebäude weiterhin auf innovative Weise Gemeinschaft, Aktivität und Glaube.

Gerade diese Verbindung macht das Projekt bemerkenswert. Ein Gebäude, das einst ausschließlich einem religiösen Zweck diente und seit Jahren leer stand, wird nicht aus dem Ortsbild getilgt, sondern erhält eine neue Funktion. Die Vergangenheit bleibt dabei sichtbar, während der Raum für eine andere Generation und andere Formen des Zusammenkommens geöffnet wird. Der demografische Wandel wird auf diese Weise nicht abstrakt behandelt, sondern an einem konkreten Ort gestaltet.

Der Hessische Demografie-Preis ist insgesamt mit 25.000 Euro dotiert. In diesem Jahr hatten sich 110 Projekte um die Auszeichnung beworben. Die Zahl zeigt, wie breit das Engagement in Hessen ist. Viele Regionen stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Menschen werden älter, junge Menschen ziehen teilweise weg, bestehende Strukturen verändern sich und zugleich müssen Orte ihre Attraktivität für unterschiedliche Generationen erhalten oder neu entwickeln.

Kuhn verwies bei der Preisverleihung darauf, dass die ausgezeichneten Projekte das Miteinander in Hessen stärken und zeigen, wie die Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigt werden können. Seit 2010 mache der Hessische Demografie-Preis Projekte sichtbar, die Regionen voranbringen und gesellschaftlichen Wandel aktiv gestalten. Die 110 eingereichten Projekte seien ein Beleg für das Engagement im Land und könnten zugleich anderen als Vorbild dienen.

Die Boulderchurch war eines von sechs Projekten, die für den Hessischen Demografie-Preis nominiert worden waren. Die ehemalige katholische Kirche St. Michael beherbergt heute die Boulderhalle, ein Bistro sowie verschiedene Aufenthaltsbereiche und Räume im seitlichen Gebäudeteil. Dort nutzt die katholische Kirche weiterhin die Jugendkirche „Mountain“.

Damit ist das Gebäude nicht vollständig von seiner ursprünglichen Geschichte getrennt. Vielmehr stehen unterschiedliche Nutzungen nebeneinander. Sport, Begegnung und kirchliche Jugendarbeit finden unter einem Dach statt. Genau diese Verbindung von Alt und Neu war es, die Kuhn als Brücke zwischen Tradition und Zeitgeist hervorhob.

Der erste Preis war allerdings nicht die einzige Auszeichnung des Abends. Auch in anderen Teilen Hessens wurden Projekte gewürdigt, die auf sehr unterschiedliche Weise mit den Herausforderungen des demografischen Wandels umgehen.

Den zweiten Preis und damit jeweils 5.000 Euro erhielten zwei Projekte. Eines davon ist „Leo feiert… das Alsfelder Kinderfestival“ aus Alsfeld im Vogelsbergkreis. Das Festival verwandelt die gesamte Innenstadt in einen großen Abenteuerspielplatz. Mehr als 500 freiwillige Helferinnen und Helfer organisieren ein Programm für Kinder mit rund 150 kostenfreien Spielestationen. Dazu gehören unter anderem eine Märchengasse, eine Handwerker-Meile und ein Fußballbereich.

Ebenfalls mit dem zweiten Preis wurde das Projekt „Bezahlbar bauen – genossenschaftlich wohnen; Hausprototyp für Wohnungsbaugenossenschaften“ aus Kirchhain im Landkreis Marburg-Biedenkopf ausgezeichnet. Dort ist ein nachhaltiger Prototyp eines Mehrfamilienhauses entstanden, der als Vorbild für die Schaffung von Wohnraum dienen soll. Der Haustyp wurde so konzipiert, dass er sowohl im sozialen als auch im frei finanzierten Wohnungsbau eingesetzt werden kann.

Drei Projekte erhielten den dritten Preis und jeweils 2.000 Euro. Dazu gehört das „Café der kleinen Schätze“ in Rotenburg an der Fulda im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Familien erhalten dort ohne Termin Zugang zu Beratung und Unterstützung bei finanziellen und sozialen Leistungen. Vertreter verschiedener Behörden beraten gemeinsam vor Ort und helfen bei der Antragstellung.

Ebenfalls mit dem dritten Preis ausgezeichnet wurde das Projekt „Ich bin ein Teil von Schotten – Generationen sprühen Zukunft“ aus Schotten im Vogelsbergkreis. Kinder, Jugendliche, Seniorinnen und Senioren gestalten gemeinsam mit dem Künstler Florian Schimke, bekannt als „Flowy“, öffentliche Orte und setzen ihre Ideen sichtbar im Stadtbild um.

Der dritte Preis ging außerdem an den „Zukunftsbeirat der Gemeinde Weinbach“ im Landkreis Limburg-Weilburg. Dort engagieren sich Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich in sechs Arbeitsgruppen für die Zukunft ihrer Gemeinde. Die Themen reichen von Tourismus und Infrastruktur über Klima und Energie bis zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Im Jubiläumsjahr „80 Jahre Hessen“ wurde darüber hinaus ein mit 1.000 Euro dotierter Sonderpreis vergeben. Er ging an die „GackenRhöner Dorfinitiative“ aus Poppenhausen (Wasserkuppe) im Landkreis Fulda. Das Projekt verfolgt das Ziel, trotz der teilweise räumlich verstreut lebenden Bevölkerung den generationsübergreifenden Zusammenhalt zu stärken und mit verschiedenen Aktionen eine lebendige Ortsmitte zu schaffen.

Die unterschiedlichen Projekte machen deutlich, dass es keine einzelne Antwort auf den demografischen Wandel gibt. In Bad Orb ist es ein ehemaliges Kirchengebäude, das eine neue Aufgabe erhält. In Alsfeld wird die Innenstadt zum Treffpunkt für Kinder und Familien. In Kirchhain steht die Frage nach bezahlbarem Wohnraum im Mittelpunkt. In Rotenburg geht es um niedrigschwellige Unterstützung für Familien, in Schotten um die gemeinsame Gestaltung des öffentlichen Raums und in Weinbach um Bürgerbeteiligung. Poppenhausen wiederum setzt auf den Zusammenhalt eines räumlich verstreuten Dorfes.

Der gemeinsame Nenner liegt weniger in den Projekten selbst als in der Bereitschaft der Menschen, ihre Umgebung aktiv zu gestalten. Demografischer Wandel bedeutet eben nicht nur, auf sinkende Einwohnerzahlen, eine alternde Bevölkerung oder veränderte Strukturen zu reagieren. Er bedeutet auch, vorhandene Räume neu zu nutzen, Begegnungen zu ermöglichen und Verantwortung vor Ort zu übernehmen.

Die Boulderchurch in Bad Orb steht dafür besonders anschaulich. Aus einem Gebäude, das über Jahre leer stand, ist ein Ort geworden, der unterschiedliche Menschen zusammenbringt. Das ist nicht nur eine Frage der Gebäudenutzung. Es geht um die Frage, wie Ortskerne lebendig bleiben können und wie aus vorhandenen Strukturen neue Perspektiven entstehen.

Der Hessische Demografie-Preis macht solche Beispiele sichtbar. Mit 110 Bewerbungen zeigt sich zugleich, dass es in Hessen zahlreiche Menschen gibt, die den Wandel nicht allein als Problem betrachten. Sie entwickeln eigene Ideen, organisieren Projekte und schaffen neue Angebote. Nicht jedes Projekt wird überall funktionieren. Aber gerade die Vielfalt der ausgezeichneten Vorhaben zeigt, dass regionale Entwicklung dort besonders lebendig wird, wo Menschen selbst Verantwortung übernehmen.

Die Auszeichnung der Boulderchurch ist deshalb auch eine Anerkennung für einen Perspektivwechsel: Ein ehemaliges Kirchengebäude muss nicht zwangsläufig das Ende einer Geschichte markieren. Es kann der Anfang einer neuen sein. In Bad Orb ist aus Leerstand ein Ort für Bewegung, Begegnung und Gemeinschaft entstanden. Genau darin liegt die Idee, die hinter dem Hessischen Demografie-Preis steht: Zukunft entsteht nicht nur durch große politische Programme, sondern auch dort, wo Menschen vor Ort den Mut haben, Bestehendes neu zu denken. +++

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