Es gibt Wahlergebnisse, die eine Partei am nächsten Morgen mit regionalen Besonderheiten erklären kann: ein unbeliebter Spitzenkandidat, eine unpopuläre Landesregierung, ein lokales Thema oder eine besondere politische Stimmung. Solche Erklärungen gehören zum politischen Geschäft. Schwierig wird es erst, wenn sie sich wiederholen und eine Partei irgendwann nicht mehr überzeugend auf die Besonderheiten einzelner Landesverbände verweisen kann. Dann muss sie über sich selbst sprechen. Für Friedrich Merz könnte genau dieser Moment näher rücken. Nicht, weil eine Landtagswahl über das Amt des Bundeskanzlers entscheidet – das tut sie nicht –, und auch nicht, weil ein schlechtes Ergebnis in Berlin automatisch ein persönliches Urteil über den CDU-Vorsitzenden wäre. Brisant wird die Situation vielmehr dann, wenn sich aus mehreren Wahlergebnissen ein Muster ergibt, das sich nicht mehr überzeugend als Problem einzelner Landesverbände erklären lässt.
Der erste deutliche Warnschuss kam in Sachsen-Anhalt. Dort stürzte die CDU auf 17,2 Prozent ab, während die AfD 43,8 Prozent erreichte. Für eine Partei, die auf Bundesebene den Kanzler stellt und sich selbst als breite Volkspartei versteht, ist das mehr als eine gewöhnliche Niederlage. Es zeigt ein Kräfteverhältnis, das innerhalb der Union zwangsläufig Fragen auslösen muss. Erste Rücktrittsforderungen gegen Merz wurden öffentlich. Gleichzeitig stellten sich die acht CDU-Ministerpräsidenten demonstrativ hinter den Kanzler und warnten vor einer Personaldiskussion. Das ist auf den ersten Blick ein Zeichen der Geschlossenheit. Auf den zweiten Blick zeigt es aber auch, dass die Personalfrage überhaupt auf der politischen Tagesordnung angekommen ist. Niemand organisiert eine Demonstration der Geschlossenheit, wenn niemand eine solche Geschlossenheit für notwendig hält.
Nun folgen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am selben Tag. Das macht diesen Wahlsonntag für Merz politisch besonders interessant. Mecklenburg-Vorpommern ist nicht Berlin. Die politischen Voraussetzungen sind unterschiedlich, die Landesverbände haben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Kandidaten und ihre eigenen Probleme. Ein schlechtes Ergebnis dort kann deshalb nicht einfach der Bundespolitik zugerechnet werden. Berlin wiederum hat ebenfalls seine Besonderheiten. Die Berliner CDU tritt mit Stefan Evers an, nachdem Kai Wegner seine erneute Spitzenkandidatur aufgegeben hatte. Der Wechsel an der Spitze macht deutlich, dass die Hauptstadt-CDU bereits ihre eigene politische Geschichte hinter sich hat. Ein Ergebnis der Berliner CDU wäre deshalb zunächst einmal das Ergebnis der Berliner CDU.
Doch Berlin besitzt eine andere politische Strahlkraft. Die Stadt ist Hauptstadt, politisches Zentrum und Sitz der Bundesregierung. Was hier geschieht, wird in der Bundespolitik unweigerlich stärker wahrgenommen. Das gilt insbesondere dann, wenn die Partei des Bundeskanzlers hinter ihren bisherigen Ergebnissen zurückbleibt. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2023 erreichte die CDU 28,2 Prozent. In der jüngsten ARD-Vorwahlumfrage lag sie bei 20 Prozent, knapp hinter der Linken mit 21 Prozent. Die AfD kam auf 18 Prozent, die Grünen auf 16 und die SPD auf zwölf Prozent. Diese Zahlen sind eine Momentaufnahme und keine Prognose. Sie zeigen aber, wie weit die CDU von ihrem Berliner Ergebnis aus dem Jahr 2023 entfernt sein könnte.
Und genau hier beginnt die politische Rechnung. Ein Rückgang von 28,2 auf beispielsweise rund 20 Prozent wäre zunächst eine Niederlage der Berliner CDU. Er wäre kein Beweis dafür, dass Friedrich Merz als Parteivorsitzender gescheitert ist. Dafür gibt es zu viele landespolitische Faktoren. Doch wenn ein solches Ergebnis am selben Abend auf eine weitere schwache CDU in Mecklenburg-Vorpommern trifft und kurz zuvor Sachsen-Anhalt mit 17,2 Prozent abgeschlossen wurde, verändert sich die Bedeutung. Dann stehen nicht mehr drei voneinander isolierte Landesergebnisse nebeneinander, sondern es entsteht eine Serie. Politisch ist eine Serie etwas anderes als eine einzelne Niederlage: Nach einer verlorenen Wahl fragt man, was in diesem Landesverband schiefgelaufen ist; nach mehreren schlechten Ergebnissen stellt sich irgendwann die unangenehme Frage, ob die Ursache möglicherweise tiefer liegt und mit der Bundespartei zu tun hat.
Genau dort würde es für Merz interessant – und gefährlich. Denn Merz ist in einer besonderen Doppelrolle. Er ist Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender und kann deshalb nicht verhindern, dass seine politische Arbeit mit der Entwicklung seiner Partei verbunden wird. Gleichzeitig darf man daraus keinen Automatismus konstruieren. Ein verlorenes Landtagsmandat beendet weder eine Kanzlerschaft noch den CDU-Vorsitz. Der Bundeskanzler wird vom Deutschen Bundestag gewählt. Ein schlechtes Wahlergebnis in einem Bundesland hat keine unmittelbare verfassungsrechtliche Konsequenz für das Kanzleramt. Politisch können die Konsequenzen trotzdem erheblich sein, denn die entscheidende Frage lautet nicht, bei welchem Prozentsatz Merz zurücktreten müsste – eine solche Grenze existiert nicht –, sondern wann die CDU selbst zu der Auffassung gelangen könnte, dass ihre Probleme nicht mehr nur auf Landesebene liegen.
Das wäre der eigentliche Wendepunkt. Solange die Ministerpräsidenten hinter Merz stehen, bleibt die Debatte über seine Zukunft vor allem eine Debatte außerhalb der Machtzentren der Union. Sobald sich diese Geschlossenheit auflöst, verändert sich die Lage. Wenn einflussreiche Landesvorsitzende, Ministerpräsidenten oder andere führende CDU-Politiker öffentlich oder intern beginnen, die Frage zu stellen, ob Merz die Partei auch in die nächste Bundestagswahl führen soll, wäre aus der Wahlanalyse eine Führungsdebatte geworden. Noch wichtiger als die Landtagswahlergebnisse wären dabei die bundesweiten Zahlen. Die Union hatte bei der Bundestagswahl 2025 28,6 Prozent erreicht. Inzwischen liegt sie in bundesweiten Umfragen deutlich niedriger; eine aktuelle ARD-Analyse nennt 21 Prozent. Die Landtagswahlen finden deshalb nicht im luftleeren Raum statt, sondern treffen auf eine Bundes-CDU, die bereits um ihre politische Position kämpft.
Das macht die Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zu einem möglichen Gesamtbild. Sachsen-Anhalt zeigt einen massiven Einbruch der CDU und eine außergewöhnliche Stärke der AfD. Mecklenburg-Vorpommern könnte die Union ebenfalls unter erheblichen Druck setzen. Berlin wiederum würde mit seiner besonderen politischen Symbolik hinzukommen. Wenn sich diese drei Ergebnisse zu einer Reihe schwacher CDU-Auftritte verbinden, wird es für die Parteiführung zunehmend schwierig, jedes Ergebnis isoliert zu betrachten. Dann würde eine andere Frage über der CDU hängen: Warum gelingt es der Partei nicht, ihre Position als führende Kraft der politischen Mitte in unterschiedlichen Regionen überzeugend zu verteidigen? Das ist eine weitaus größere Frage als die nach einem einzelnen Wahlkampf.
Hinzu kommt die AfD. Ihr Erfolg in Sachsen-Anhalt verändert die politische Ausgangslage. Mit 43,8 Prozent lag sie dort weit vor der CDU. In Berlin kommt sie in der Vorwahlumfrage auf 18 Prozent. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird ein enges Rennen erwartet. Die CDU steht damit vor einem politischen Dilemma, das sich nicht mit einem Personalwechsel erledigen lässt. Sie will mit der AfD nicht zusammenarbeiten und muss gleichzeitig Wähler erreichen, die aus Unzufriedenheit mit der etablierten Politik zur AfD wechseln. Genau daraus entsteht die Debatte über die sogenannte Brandmauer immer wieder neu.
Für Merz ist das eine strategische Zwickmühle. Eine Öffnung gegenüber der AfD würde einen grundlegenden Konflikt über den Kurs der Union auslösen. Eine unveränderte Abgrenzung wiederum verlangt von der CDU eine überzeugende Antwort auf die Frage, wie sie jene Wähler zurückgewinnen will, die sich von ihr abgewandt haben. Die Antwort darauf kann nicht allein darin bestehen, die AfD politisch zu bekämpfen. Eine demokratische Partei muss ihre eigenen politischen Angebote so formulieren, dass sie aus eigener Kraft Zustimmung gewinnt. Sie muss zeigen, warum ihre Politik Probleme besser löst, und sie muss dort widersprechen, wo die AfD politische Antworten anbietet, ohne deren Positionen dadurch automatisch zu übernehmen. Das verlangt politische Arbeit, klare Entscheidungen und vor allem eine erkennbare Vorstellung davon, wofür die CDU eigentlich stehen will. Eine Partei kann nicht dauerhaft allein davon leben, zu erklären, mit wem sie nicht zusammenarbeitet. Sie muss ebenso überzeugend erklären können, was sie selbst erreichen möchte.
Damit liegt der Kern der Merz-Debatte letztlich tiefer als bei der Frage, ob er einen Wahlsonntag übersteht. Ein Kanzlerwechsel wäre ohnehin nicht die unmittelbare Folge schlechter Landtagswahlergebnisse. Selbst eine innerparteiliche Auseinandersetzung über den CDU-Vorsitz würde nicht automatisch zu einem Wechsel im Kanzleramt führen. Für eine Ablösung des Bundeskanzlers wären die entsprechenden Mehrheiten im Bundestag erforderlich. Deshalb könnte eine politische Krise zunächst ganz anders aussehen: Merz könnte Bundeskanzler bleiben und dennoch innerhalb der CDU mit der Frage konfrontiert werden, ob er die Partei weiterhin führen und als nächster Kanzlerkandidat antreten soll. Das wäre politisch die wesentlich realistischere erste Machtfrage, und sie würde sich nicht an einem einzigen Wahlabend entscheiden.
Berlin könnte aber dazu beitragen, sie zu stellen. Die Berliner Wahl ist kein Referendum über Friedrich Merz. Die Wähler in Berlin entscheiden über ihr Abgeordnetenhaus, über ihre Landespolitik, über ihre Parteien und ihre Kandidaten. Alles andere wäre eine Überdehnung des Ergebnisses. Aber Parteien interpretieren Wahlen. Sie ziehen Schlüsse aus ihnen, messen ihre Kräfte, prüfen ihre Strategien und beobachten, wo sie Zustimmung verlieren. Genau deshalb kann ein Berliner Ergebnis für einen Bundesparteivorsitzenden politische Bedeutung bekommen, ohne dass die Berliner Wähler tatsächlich über seine Person abgestimmt hätten.
Ein schwaches Ergebnis wäre für Merz deshalb nicht automatisch das Ende, sondern ein weiterer Test. Entscheidend wäre, was danach passiert: Bleibt die CDU geschlossen, stabilisieren sich die bundesweiten Umfragen, entwickelt die Partei Antworten auf die wachsende Konkurrenz von rechts und gelingt es ihr, verlorene Wähler zurückzugewinnen? Oder beginnt die Suche nach Schuldigen und Alternativen? Die letzte Variante wäre für Merz die gefährlichste. Denn eine Partei kann Wahlniederlagen lange aushalten, wenn sie davon überzeugt ist, dass ihr Kurs grundsätzlich stimmt und die nächste Wahl wieder gewonnen werden kann. Sie wird nervös, wenn sie diesen Glauben verliert. Dann geht es irgendwann nicht mehr um die Frage, warum man eine Wahl verloren hat, sondern darum, wer die Partei aus dieser Lage führen soll.
Noch ist dieser Punkt nicht erreicht. Aber die CDU sollte sich nichts vormachen: Eine Folge schwacher Ergebnisse kann irgendwann eine Eigendynamik entwickeln. Dann wird aus Sachsen-Anhalt nicht mehr Sachsen-Anhalt, aus Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr Mecklenburg-Vorpommern und aus Berlin nicht mehr Berlin. Dann werden die drei Wahlen zu einem politischen Gesamtbild. Für Merz wäre das die eigentliche Bewährungsprobe: nicht die Frage, ob er einen einzelnen Wahlabend übersteht, sondern ob er seine Partei davon überzeugen kann, dass sie einen politischen Kurs besitzt, der über die nächste Abgrenzungsdebatte hinausweist und wieder genügend Menschen erreicht.
Die konstruktive Antwort auf schlechte Wahlergebnisse wäre deshalb keine hektische Personaldebatte, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wo verliert die CDU Vertrauen? Welche politischen Entscheidungen tragen nicht? Welche Erwartungen der eigenen Wähler werden nicht erfüllt? Welche Themen werden von der Union glaubwürdig besetzt – und welche überlässt sie anderen? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird die Personalfrage sinnvoll. Denn ein neuer CDU-Vorsitzender wäre kein politisches Programm, ein anderer Kanzler wäre keine Antwort auf die gesellschaftliche Polarisierung und ein Wechsel an der Parteispitze würde die Konkurrenz durch die AfD nicht verschwinden lassen.
Die CDU muss deshalb zunächst ein politisches Problem lösen, bevor sie ein Personalproblem löst. Berlin könnte am Sonntagabend zeigen, wie groß dieses Problem geworden ist. Nicht weil Berlin über Friedrich Merz entscheidet, sondern weil drei schlechte Ergebnisse in kurzer Folge irgendwann nicht mehr als Zufall betrachtet werden können. Dann muss die CDU entscheiden, ob sie lediglich ihre Wahlkämpfe korrigiert oder ihren politischen Kurs überprüft. Genau an diesem Punkt beginnt eine echte Führungsfrage. +++













