Die politische Stimmung in Deutschland verschiebt sich weiter – und nun erreicht die Entwicklung auch eines der traditionsreichsten Meinungsbarometer des Landes. Erstmals seit Beginn der Erhebungen liegt die AfD im „Deutschlandtrend“ von Infratest bundesweit vor der Union. Wäre am kommenden Sonntag Bundestagswahl, käme die AfD nach den aktuellen Zahlen auf 27 Prozent und würde damit stärkste Kraft werden. Gegenüber der letzten Erhebung Anfang April gewinnt die Partei zwei Prozentpunkte hinzu.
Die Union aus CDU und CSU verliert im selben Zeitraum zwei Punkte und fällt auf 24 Prozent zurück. Damit liegt sie erstmals auch in der Infratest-Erhebung hinter der AfD – ein symbolträchtiger Einschnitt, weil der „Deutschlandtrend“ lange als vergleichsweise stabiles Abbild der politischen Grundstimmung galt.
Die SPD verharrt bei zwölf Prozent und bleibt damit weit entfernt von früheren Volksparteiergebnissen. Die Grünen verbessern sich leicht auf 15 Prozent, während die Linke unverändert bei zehn Prozent liegt. Das Bündnis Sahra Wagenknecht kommt auf drei Prozent, die FDP verbessert sich geringfügig auf vier Prozent. Alle übrigen Parteien erreichen zusammen fünf Prozent.
Die Zahlen spiegeln die tiefe Krise der schwarz-roten Bundesregierung wider. Vor einem Jahr war die Koalition noch mit einer vergleichsweise soliden Zustimmung gestartet. Im Mai 2025 erklärten damals 40 Prozent der Bürger, sie seien mit der neuen Regierung zufrieden. Inzwischen ist davon kaum etwas übrig geblieben. Nur noch 13 Prozent der Befragten äußern aktuell Zufriedenheit mit der Arbeit der Bundesregierung, während 86 Prozent angeben, weniger oder gar nicht zufrieden zu sein.
Damit schreibt die Koalition unter Kanzler Friedrich Merz ein Stück negativer Statistikgeschichte. Seit Beginn des „Deutschlandtrends“ im Jahr 1997 wurde keine Bundesregierung ein Jahr nach Amtsantritt schlechter bewertet als die derzeitige schwarz-rote Koalition. Nur in wenigen historischen Krisenmomenten lagen andere Regierungen noch darunter – darunter die rot-grüne Bundesregierung in den Jahren 2003 und 2004 sowie die schwarz-gelbe Koalition im Sommer 2010.
Besonders dramatisch fällt die Bewertung des Kanzlers selbst aus. Friedrich Merz erreicht lediglich 16 Prozent Zufriedenheit und verliert im Vergleich zur vorherigen Erhebung nochmals deutlich. 83 Prozent der Befragten zeigen sich mit seiner politischen Arbeit unzufrieden. Damit erzielt Merz den schlechtesten Wert, der jemals im „Deutschlandtrend“ für einen amtierenden Bundeskanzler gemessen wurde.
Während der Kanzler massiv an Rückhalt verliert, bleibt Verteidigungsminister Boris Pistorius das mit Abstand populärste Regierungsmitglied. Der SPD-Politiker kommt inzwischen wieder auf 56 Prozent Zustimmung und verbessert sich gegenüber April deutlich. Nur knapp ein Drittel äußert sich unzufrieden mit seiner Arbeit. Pistorius bleibt damit der einzige Minister im Kabinett, der dauerhaft auf breite Unterstützung in der Bevölkerung bauen kann.
Deutlich schwächer fallen die Werte der übrigen Regierungsmitglieder aus. Innenminister Alexander Dobrindt erreicht lediglich 25 Prozent Zufriedenheit. Vizekanzler Lars Klingbeil kommt auf 21 Prozent, Arbeitsministerin Bärbel Bas auf 18 Prozent. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bleibt mit zwölf Prozent Zustimmung ebenfalls klar im negativen Bereich.
Besonders schlecht wird weiterhin Unionsfraktionschef Jens Spahn bewertet. Nur zwölf Prozent der Deutschen äußern sich zufrieden mit seiner politischen Arbeit, während fast vier von fünf Befragten unzufrieden sind. Die Werte verdeutlichen, wie stark das Vertrauen in zentrale Figuren der Regierungsparteien inzwischen erodiert ist.
Auch die Oppositionsparteien profitieren allerdings nur begrenzt persönlich von der Unzufriedenheit mit der Regierung. AfD-Chefin Alice Weidel erreicht 26 Prozent Zustimmung und liegt damit zwar über vielen Regierungsmitgliedern, gleichzeitig äußern aber weiterhin 64 Prozent der Befragten Unzufriedenheit mit ihrer politischen Arbeit.
Bei den Grünen und der Linken zeigt sich zudem ein anderes Problem: Viele Bürger können zentrale Oppositionsfiguren kaum einschätzen. Grünen-Chefin Franziska Brantner erreicht zwar zwölf Prozent Zustimmung, allerdings geben fast 60 Prozent an, sie nicht zu kennen oder sich kein Urteil bilden zu können. Ähnlich fällt das Bild bei der Linken-Vorsitzenden Ines Schwerdtner aus. Nur sieben Prozent äußern sich zufrieden mit ihrer Arbeit, während eine große Mehrheit angibt, sie kaum einschätzen zu können.
Die aktuelle Erhebung basiert auf einer Befragung von 1.303 Wahlberechtigten, die Infratest von Montag bis Mittwoch dieser Woche für die ARD durchgeführt hat. Die Zahlen markieren nicht nur einen weiteren Tiefpunkt für die Bundesregierung, sondern auch eine neue politische Realität: Erstmals steht die AfD nun auch in einem der etabliertesten deutschen Meinungsbarometer an der Spitze. +++ me













