Ein grandioser Abend. Gefüllt mit leisen Enttäuschungen, aber starkem Fußball der SG Barockstadt

Es fühlte sich ein bisschen an wie Shoppen. Angenommen, Sie kommen vom Einkaufen. Und tragen zwei Tüten: eine, in denen kein gutes Gefühl oder leise Enttäuschungen stecken – eine andere, die gefüllt ist mit gutem, bisweilen starkem Fußball. Beide Eindrücke wohnten in den Spielern der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz am Freitagabend. Die Tüte mit den leisen Enttäuschungen war anfangs stark – jeder haderte mit der Situation, dass die SGB in der Regionalliga Südwest vor dem besonderen Ambiente eines Flutlichtspiels nur ein 2:2 (1:1) gegen den FSV Frankfurt erreicht hatte -, wurde aber zunehmend in den Schatten gestellt vom positiven Gefühl, das zuhauf in Tüte zwei versteckt war. Toller, bisweilen mitreißender Fußball der SGB war darin enthalten. Der Funke sprang über. Man möchte zukünftig mehr davon sehen.

War man im falschen Film? Nein, im richtigen. Denn der Gastgeber bot – anders als in so manchem Heimspiel zuvor -, Fußball, der Spaß machte. Von Beginn an. Schon in Minute vier spielte Ali Gün, der erstmals in der Anfangsformation stand, mit kurzem und tiefen Anspiel Moritz Dittmann an – der wollte aus spitzem Winkel abschließen, FSV-Keeper Becker aber war da. Und das Schöne aus SGB-Sicht: Es ging so weiter. Minute neun: Mo Reinhard verlängerte eine Flanke, Gün kam nicht ganz heran. Minute 17: Flanke des an diesem Abend starken Keanu Kraft, schwache Eingabe Wähling. Minute 18: „Ditti“ bekommt in der Box mit starkem Einsatz den Ball, umkurvt Becker – aber der Winkel wird zu spitz.

Die SGB attackierte früh, schob und rückte nach bei eigenem Ballbesitz, sie war fast immer eher und schneller in den Situationen als der Gegner. Auch und vor allem in Eins-gegen-eins-Situationen. Und sie nützte Lücken, die sie sich erspielte – die ihr aber auch der FSV ließ und anbot. Das Team des Gastgebers – und das war der Unterschied zu manchem Heimauftritt zuvor – trat kompakt auf. Lohn dieses Vorgehens war die Führung nach gut 20 Minuten. Kapitän Aaron Frey war erste Station des Spielaufbaus, wurde gehindert, Reinhard erkannte die Situation, bediente Gün auf der linken Seite – dessen Eingabe erreichte „Ditti“, der zunächst an Becker scheiterte, im zweiten Versuch aber zum 1:0 traf.

Apropos „Ditti“ und Gün. Letzterer hinterließ fußballerisch einen Eindruck, der Hoffnung macht. Schnell, dribbelstark und reich an Finten – stark seine Veranlagung und vor welche Aufgaben er den Gegner stellte; am Torabschluss muss er sicher noch arbeiten. Und „Ditti“? Von der ersten Sekunde war er gut unterwegs in der Spitze, immer anspielbar, und er bot einige Tiefenläufe an. Die nächste Stufe seiner Reifung aber sollte sein: Technisch präzises „Klatschen-Lassen“ sowie mehr Direktheit, Konsequenz und Klarheit im Abschluss. Auf deutsch: Wann ist ein Mann ein Mann – auch in höheren Ligen?

Der Gast enttäuschte fußballerisch in Hälfte eins. Ein anderes Etikett findet man nicht. Nicht wach genug, viel zu spät in Eins-gegen-eins-Duellen, arge Defizite und Räume im Sechser-Bereich oder zwischen letzter Linie und Sechsern – im Spiel mit Ball mit zu wenig Bewegung, Drang und Entschlossenheit nach vorn, Angriffe wurden abgebrochen oder jegliches Tempo rausgenommen. Gut aber das Spiel in engen Räumen, mit Gespür, die Spieler lösten gut auf – nutzten das aber nicht. Dennoch schafften sie den prompten Ausgleich, als der Ex-Alzenauer Filip Pandza in die Tiefe angespielt wurde und sicher zum 1:1 abschloss.

Apropos, so gut der SGB-Auftritt war, diesen Ball in der Entstehung des Ausgleichs muss sie anders verteidigen. Überhaupt hatte sie bei tiefen Bällen im Spiel gegen den Ball einige Probleme. In wichtigen Spielsituationen muss sie größeren Druck auf den Passgeber geben, defensiv besser stehen und defensive Räume besser zumachen. Dass sich zudem einer der beiden Innenverteidiger ein Stückchen fallen lässt, ist nicht verboten im Fußball. Aber die Mannschaft blieb auf ihrem Weg. Und ließ sich vom 1:1 nicht beeindrucken oder irritieren.

Chancen en Masse spielte und arbeitete sich die SGB weiterhin heraus. Vor allem in Minute 27 eine „Hundertprozentige“, die das 2:1 zur Folge hätte haben müssen. Ivankovic hatte viel Platz beim Umschalten und in der löchrigen FSV-Defensive, lief auf die Gäste-Abwehr der letzten Reihe zu, bewies Geduld und Ruhe – und spielte den völlig freien Gün an, dessen Linksschuss flach am „langen Eck“ vorbeiging. Tatsächlich. Drei Minuten später zeigte Gün erneut, was er kann, spielte einen langen Ball auf den zweiten Pfosten – Wähling erreichte die Kugel, und aus sehr spitzem Winkel bekam er einen tollen Abschluss hin, den Torwart Becker irgendwie noch auf der Torlinie rettete. Manch einer in der Johannisau rieb sich schon jetzt die Augen.

Unterhaltsam war das Spiel – und trug es das Etikett „Unterhaltungswert“, dann verdiente sich das die SGB. Nach gut einer halben Stunde attackierte der Rumäne Iorga – bis dahin einer der Auffälligeren beim FSV -, „Ditti“ von hinten. Im Mittelkreis. Hätte es dafür Rot geben müssen – aus neutraler Sicht? Diese Entscheidung hatte natürlich Auswirkung auf die Statik des Spiels. Die SGB löste ihre letzte Linie auf – und spielte bei Ballbesitz – und den hatte fortan lange nur sie – mit der Dreier-Formation Habermehl, Sarpei und Frey. Die Außenverteidiger Kraft und Schmitt wurden offensiver. Drei Chancen boten sich der SGB noch vor der Pause – in der ersten war mehr drin. Dittmann spiete zunächst stark gegen Kemper, schloss aber selbst ab – er hätte auch zurücklegen können (41.). Krafts schwer zu nehmender Links-Direktschuss ging drüber (45.), und Güns noch abgefälschter Abschluss war nicht ungefährlich. Manch einer der Zuschauer kratzte sich beim Spazierengehen im Kopf: Dicke hätte die SGB zur Pause schon führen müssen. Dicke.

Der zweite Abschnitt wurde zum Geduldsspiel. Eine einfache Überzahl ist im Fußball gar nicht so leicht zu lösen – wie Viele das meinen. Doch das Geschehen entwickelte sich zum Spiel auf ein Tor – auf das des FSV. Die SGB machte einfach dort weiter, wo sie aufgehört hatte. Sogleich hatte Reinhard eine gute Szene, die an das Führungstor in Ulm erinnerte: nach Ballgewinn bediente er Wähling, dessen Eingabe aber blieb dieses Mal hängen (47.). Pech hatte der Rhöner, als sein Kopfball knapp vorbeiging,

Der FSV formierte sich jetzt natürlich defensiv. Er verteidigte leidenschaftlich – es so manch einer fragte, was passiert wäre, wenn er diese Attribute schon im ersten Durchgang gezeigt hätte. Das änderte nichts daran, dass sich der SGB weiterhin und bis zum 1:2 in Minute 70 einige Chancen boten. Als Gün frei zum Kopfball kam am langen Pfosten, hätte dies erneut das 2:1 sein müssen (54.). Auch, als Dittmann per Kopf auf Reinhard verlängerte, dessen Eingabe nach gut einer Stunde der Gast aber irgendwie und im allerletzten Moment noch rettete gegen Gün. Dass es hier keinen Elfer für die SGB gab, erschien richtig. Weitere Möglichkeiten für Wähling (55.), Gün (57.) und nochmals Wähling (59.) begleiteten den SGB-Drang.

Dann aber der Schock. Der eingewechselte Deger trieb an beim Gast, bediente den ebenfalls eingewechselten Mc Donald, der nahm Doktorczyk mit – und der traf aus spitzem Winkel. Wieder nicht entschlossen verteidigt von der SGB. Beinahe unglaublich, dass der in Unterzahl spielende FSV in Führung ging. Doch die SGB gab eine blendende Antwort. Und es kam einer „Erlösung“ gleich, als Ali Gün nach Keanu Krafts toller, präziser und gut getimter Flanke per Kopf traf. Der FSV schaffte es in dieser Situation überhaupt nicht, die innere Linie zuzumachen. Und um die Chancen-Liste der SGB noch zu vollenden: Wählings Links-Abschluss klärte der FSV irgendwie noch vor der Linie (79.).

Das Überzahlspiel war beendet, als Aaron Frey wenig später noch Gelb-Rot sah. Teammanager Maxi Hainer zeigte noch fünf Minuten Overtime an. Der Links-Abschluss des Neuen, Diamant Lokaj, wurde geblockt (90.+4), und Wählings Abschluss ging aus linker Halbposition drüber (90.+5). Viel Gesprächsstoff blieb. Auch der, warum es die SGB nicht schaffte, dieses Spiel für sich zu entscheiden. Äußerst hohe Außenverteidiger sind angebracht im Überzahl-Spiel – hilfreich wäre indessen auch ein Kreativer im offensiven Mittelfeld. Klar: Leon Pomnitz fehlte wegen Vater-Freuden, auch Elekwa hätte gewiss einiges beitragen können. Doch beide konnten ja nicht. Zurück blieb einfach der Abend, an dem sich die SGB für ihren Aufwand nicht belohnte.

Auch Fußball-Trainer machen ihren Job. Und es manchmal nicht leicht, den oder vielmehr das Spiel ihrer Mannschaft zu erklären. So sagte FSV-Coach Victor Kleinhenz, er sei enttäuscht von seinem Team, was die erste Halbzeit angehe. Es sei „mit Abstand die schwächste Leistung“ im bisherigen Verlauf der noch jungen Saison gewesen. „Wir haben uns abkochen lassen in der ersten Halbzeit“, vor allem bei „Eins-gegen-eins-Bällen“. Kleinhenz schob nach: „Es war ein Punktgewinn, der nicht ansatzweise verdient war. „Ich bin stolz auf die kämpferische Leistung der zweiten Halbzeit. Aber nicht wegen des Fußballs, den wir gezeigt haben.“

Daniyel Cimen befand sich indessen in „einem Wechselbad der Gefühle“. Fuldas Trainer betonte, dass es sich, wie auch schon in Ulm, anfühlte, dass es an diesem Abend mehr hätte sein können, „zweimal hätten es drei Punkte sein können. Wir haben eine sehr gute erste Halbzeit gespielt. Ich kann den Jungs im Großen und Ganzen nichts vorwerfen.“ Cimen hob erneut „die Widerstandfähigkeit“ seines Teams hervor, „nach dem 1:2 nicht in Schockstarre verfallen zu sein“, sondern direkt das 2:2 gemacht zu haben. „Ein Punkt, mit dem wir leben müssen. Der sich aber nicht ganz so gut anfühlt“. Und er freute sich über Ali Güns Heimdebüt.

Übrigens hat sich die Tüte mit der leisen Enttäuschung war noch nicht ganz geleert, aber das kommt noch. Und die andere trägt nur ein Etikett: guter Fußball. Das ist wichtiger. Sie füllt auch die zweite, wenn sich die Enttäuschung komplett gelegt hat. Sie stehen in der nächsten Trainingswoche vor der Eingangstür der Kabine.

SG Barockstadt: Horz – Kraft, Habermehl, Frey, Schmitt (83. Hillmann) – Sarpei – Reinhard (84. Lokaj), Ivankovic – Wähling, Gün (73. Göbel) – Dittmann

FSV Frankfurt: Becker – Gottwalt, Weißmann, Kemper, Ehlich (88. Harnafi), Doktorczyk, Breir, Del Vecchio (88. Suljic), Iorga, Peters (46. Deger), Pandza (68. Mc Donald)

Schiedsrichter: Jan-Vincent Ritter

Zuschauer: 1.780

Tore: 1:0 Moritz Dittmann (22.), 1:1 Filip Pandza (27.), 1:2 Nick Doktorczyk (70.), 2:2 Ali Gün (72.)

Rot: Georghe Daniel Iorga (32.), Gelb-Rot: Aaron Frey (83.) +++ rl

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