Wo der HSV schwimmt, ist oben: Fröhlich und Kümmel führen den HSV zum 4:2 gegen Eddersheim

Die Szenerie erinnert an die des Vorjahres. Auch da schwammen die Fußballer des Hünfelder SV oben. Und nach gegenwärtigem Eindruck bestimmen sie die oberen Regionen in der Tabelle der Fußball-Hessenliga erneut mit. In einem von Beginn an begeisternden, temporeichen, packenden Spiel mit auch fußballerisch äußerst ansprechendem Unterhaltungswert rangen sie am Samstagnachmittag den FC Eddersheim mit 4:2 (1:0) nieder - im Spitzenspiel von Hessens höchster Spielklasse. Dass der Sieger dieses Vergleichs aber auch Eddersheim hätte heißen können, sollte man nicht außer Acht lassen. Punktgleich mit Spitzenreiter und Hessenliga-Rückkehrer Unter-Flockenbach rangiert der HSV auf Rang zwei nach fünf Spielen der noch jungen Saison. Vier Siege sprangen in diesem Programm heraus. Diese Notizen sind indessen allenfalls eine Momentaufnahme. Den dreifachen Punktgewinn aber hatten sich Hünfelds Kicker vollauf verdient. Und das Spiel bot ein Haufen voller Erkenntnisse.

Schon die Anfangsphase hatte es in sich. Zu spät zu kommen, das war an diesem Tag keine gute Option. Bereits in der ersten Minute zeigte der HSV, was in ihm steckt. Nachdem er etwas zu hoch gestanden hatte, kam er zu einer sehenswerten Kontersituation über Kassa, Uth und Lindemann, an dessen Abschluss Gästekeeper Koob noch dran war. Auch wenig später musste Eddersheim aufpassen, nachdem Kümmels Anspiel Fröhlich ins Spiel brachte, nach dessen Eingabe der Gast in höchster Not rettete und fast ein Eigentor fabriziert hätte (4.). Auch dies hätte etwas ergeben können: Mauls Spiel-Eröffnung erreichte Häuser, der per Kopf auf Kümmel weiterleitete, jener wieder Häuser mitnahm, der auf Kassa zurücklegte, dessen Abschluss aber geblockt wurde (7.). Eine Spur Glück hatte der HSV, als er einen Eckball des Gastes nicht gut verteidigte (10.). Glück auch, als Luis Hesse einen Kopfball nach einer Flanke von rechts nicht so recht erwischte (14.).

Ein Chancen-Feuerwerk? Die Geschichte des Spiels von Beginn an erzählen? Ja. Denn, wie gesagt, Momente fußballerischer Unterhaltung gab es zur Genüge in der Rhönkampfbahn. Beim HSV ging in Ballbesitz, dem fixen Umschalten und nicht zuletzt dem Gefühl der Breite der offensiven Möglichkeiten im Kader immer etwas. Und das Führungstor in Minute 20 war erste Sahne. Wieder überbrückte Hünfeld das Feld in Windeseile - und Luca Uth setzte „Jemo“ Kassa mit einem Anspiel, das zum Zungeschnalzen einlud, in Szene. Kassa machte das, was er öfter tun müsste: Er zog in die Box und schloss prima ab.

Bald aber deutete sich an, über welche fußballerische Substanz Eddersheim verfügt. Obwohl Hünfeld aus den ersten Minuten des Hochstehens der letzten Linie lernte, tiefer und massiver verteidigte, waren die Qualitäten des Gästeteams unübersehbar: gutes Pass und bisweilen Positionsspiel, schnelles Laufenlassen des Balles - und in einigen Fällen vertikale Anspiele hinter die letzte Linie. Hünfeld hatte im Spiel gegen den Ball gut zu tun, weil das Team nicht aktiv und konsequent in den Spiel-Situationen war, musste stets wachsam sein. Auf zwei Spieler konnte der HSV, der im Mittelfeld lange zu große Räume anbot, in Halbzeit eins besonders zählen: Keeper Jannis Maul und Innenverteidiger Keanu Clemente Banh, der sein vielleicht bestes Spiel der noch jungen Saison für den Gastgeber machte.

Maul war stets präsent, wach und gab Eddersheim zu verstehen: An mir gibt es kein Vorbeikommen. Banh zeichnete aus, dass er in fast allen Situationen zeitig zur Stelle war, um klären zu können, auch Antizipation und Zweikampfverhalten waren gut. So rettete Banh in höchster Not (22.), nochmals gegen Raitz (26.), Maul einfach nur stark nach Hesses Distanzschuss (31.) - und besonders waren beide genannten HSV-Spieler nach einer „Doppelchance“ des Gastes zur Stelle. Auch Ferreiras Schuss aus der Ferne hätte sitzen müssen. Doch Hünfeld, bei dem Kassas Direkt-Abschluss zwischendurch knapp vorbeiging (34.) verteidigte aufopferungsvoll und mit dem Glück des Tüchtigen.

Und wer hätte gedacht, dass nach dieser abwechslungsreichen ersten Halbzeit die ersten acht oder neun Minuten mit Beginn des zweiten Abschnittes entscheiden würden? Denn das war der Fall. Und die Rhönkampfbahn verwandelte sich in ein Tollhaus. Denn in diesem Zeitraum glückten dem HSV drei Treffer - und er legte die Basis für den dreifachen Punktgewinn. Wenige Sekunden waren gespielt in Halbzeit zwei, 15 genau - als Boas Kümmel mutig nachsetzte, die Verwirrung und Unentschlossenheit im Eddersheimer Bemühen, sich vom eigenen Tor zu befreien (von Spiel-Eröffnung konnte ja keine Rede sein) - und per sicherem Flachschuss zum 2:0 traf.

Wenig später machte Maxi Fröhlich das, was nicht viele können. Unscheinbar, dass er nach Kassas etwas leichtfertig nicht genutztem Elfer im Nachschuss zum 3:0 traf in der 52. Minute. Nicht zum ersten Mal scorte Fröhlich auf diese Weise. Doch das Tor war mehr als ein gewöhnlich erscheinendes. Einerseits war es eine Art „Knackpunkt“ und ein Schlüssel zum Spielfortgang - andererseits hatte es symbolischen Wert. Es war der Beweis, was den HSV und Eddersheim an diesem Tage unterschied - und der Beweis, dass schnelle Auffassung im Fußball nicht nur mit den Füßen oder Beinen geschieht, sondern auch und vor allem im Kopf. Und das macht oft den Unterschied.

Kümmel legte bald das 4:0 nach, als ihm der Ball praktisch einschussbereit vor die Füße fiel. Na ja, eine Portion Instinkt war dabei. Nach 55 Minuten schien der Vergleich entschieden. Der Gast wusste wohl selbst nicht, was er in diesen Minuten an Nicht-Präsenz tat. So verrückt ist manchmal Fußball, mochte man denken. Manche sagten es auch. Diese Einschätzung aber ist zu oberflächlich. Der HSV verhielt sich mit Beginn der zweiten Halbzeit in Basics besser: wacher war er, energischer in den Situationen, früher kam er in sie hinein, er übte größeren Druck auf Ball und Gegner aus, war entschlossener und konsequenter. Eddersheim indessen hatte sich davon den Schneid abkaufen lassen.

Apropos Boas Kümmel. „Wir haben uns das verdient. Kämpferisch einfach verdient. Uns das Spielglück erarbeitet“, sagte der aus Mansbach stammende junge Kicker, der sich der Begleitung seines jüngeren Bruders Benjamin sicher sein konnte; er spielt für den Verbandsligisten in Eiterfeld. Ob er denn mit seiner Leistung zufrieden gewesen sei? „Noch nicht so ganz“, schob Boas nach, „inhaltlich noch nicht so ganz“. Er wünscht sich noch mehr Aktionen im letzten Drittel. Auch Behauptungsvermögen und den Körper einsetzen gehören dazu. Dabei hat Boas Kümmel eine zähe und längere Leidenszeit hinter sich. Im vergangenen Jahr kam er, mit Bartosz Witkowski zusammen, aus Eiterfeld zum HSV. Boas war erst einmal ein halbes Jahr verletzt, eine Schambeinentzündung machte ihm zu schaffen. Der Einstieg war arg zäh und nicht leicht. Herankämpfen musste er sich. Diese Leidenszeit hat er jetzt hinter sich. Wenn sie denn was Gutes hatte, dann den Fakt, dass er diese Erfahrung bereits als junger Spieler machte. Was er kann und was in ihm steckt, das zeigte er am Samstag. Ihm ist bewusst, „dass es hier deutlich schneller zugeht als in der Verbandsliga.“ Boas und sein Bruder hatten es eilig - und dafür einen guten Grund. Die Oma feierte 80. Geburtstag.

Zurück zum Duell in der Rhönkamfbahn. Das war nach Hünfelds zeitiger 4:0-Führung noch nicht beendet. Eddersheim fing sich ansatzweise wieder, ohne an den Faden der ersten Hälfte anknüpfen zu können. Der HSV schien das Spiel nach Hause bringen zu können - irgendwie aber hatte man den Eindruck, dass der Erfolg noch am seidenen faden hing. Denn Angel Arthee verkürzte durch einen Doppelpack noch auf 2:4. Beim ersten Tor traf er nach weitem Abschlag seines Keepers, wobei man sich fragte, wo eigentlich Hünfelds Abwehr war und wie sie stand? Nein 2:4 wurde Arthee geschickt und präzise im rechten Halbraum angespielt, bewegte sich zum Tor hin - und platzierte die Kugel mit viel Sensibiltät in seinem Linken zum 2:4 in die Kiste. „Zauberfüße“ dieser Art hat man indessen schon manches Mal gesehen. Am Tag ansprechender und bester Unterhaltung in der Rhönkampfbahn.

Hünfelder SV: Maul - Häuser (84. Zöll), Dücker, Banh, Lindemann - Paliatka (75. Göbel), Uth - Kümmel (68. Trabert), Kassa (88. Hütsch), Fröhlich - Costa Sabate (66. Witkowski)

FC Eddersheim: Koob - Donges (61. Letica), Thomasberger, Raitz, Orywo, Kraus (61. Kummer), Arthee, Dos Santos Ferreira (75. Voit), Velosa, Hesse, Lüders

Schiedsrichter: Patrick Haustein

Tore: 1:0 Jemal Kassa (20.), 2:0 Boas Kümmel (46.), 3:0 Maximilian Fröhlich (52.), 4:0 Boas Kümmel (55.), 4:1 Angel Arthee (69.), 4:2 Angel Arthee (89.) +++ rl

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