Wer heute über die angebliche Bequemlichkeit der Generation Z klagt, hat entweder die vergangenen zwanzig Jahre verschlafen oder verweigert den nüchternen Blick auf die ökonomische Realität. Das Lamento auf manchen Führungsetagen und an Stammtischen ist so laut wie wohlfeil: Der Jugend fehle der Biss, sie träume von der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich und verwechsle das Berufsleben mit einem Wohlfühlseminar. Doch diese Diagnose greift nicht nur zu kurz – sie ist eine bequeme Ausrede der Etablierten, um sich der eigenen Verantwortung für strukturelle Fehlentwicklungen zu entziehen.
Was der jungen Generation als Verweigerungshaltung ausgelegt wird, ist in Wahrheit eine rationale Reaktion auf ein zerrüttetes Versprechen. Über Jahrzehnte lautete der unausgesprochene Gesellschaftsvertrag: Wer sich anstrengt, Überstunden leistet und Qualifikation erwirbt, wird mit Wohlstand, Eigentum und einer verlässlichen Altersabsicherung belohnt. Für die Generation Z ist dieser Vertrag längst Makulatur. Sie wächst in einer Phase permanenter Krisenbewältigung auf – von maroden Schulen und Universitäten über eine galoppierende Wohnkostenkrise bis hin zu einem Rentensystem, das absehbar Milliardenlöcher stopfen muss, ohne der heutigen Jugend noch Sicherheit zu garantieren. Wer weiß, dass selbst mit einem überdurchschnittlichen Gehalt ein Eigenheim in weite Ferne gerückt ist, investiert seine Lebenszeit lieber in die Sicherung der eigenen Gesundheit und des privaten Umfelds als in unbezahlte Mehrarbeit für fremde Bilanzen.
Wie brandgefährlich diese Gemengelage wird, wenn sich der Druck auf der Straße entlädt, haben die jüngsten Ereignisse drastisch vor Augen geführt – und Frankfurt war dabei beileibe kein Einzelfall. Ob am Main oder in anderen Städten: Brennende Barrikaden, gezielte Böllerwürfe, demolierte Schaufenster und Angriffe auf Einsatzkräfte mit über 100 verletzten Polizisten zeugen von einer Zuspitzung, die längst über einzelne Schauplätze hinausgreift. Wenn Hessens Innenminister Roman Poseck daraufhin reflexhaft Verbote weiterer Versammlungen ins Spiel bringt und bundesweit ähnliche Töne laut werden, ist diese Härte ordnungspolitisch zwar nachvollziehbar, greift jedoch völlig am Kern des Problems vorbei. Denn genau an dieser Bruchlinie verlangt der Rechtsstaat eine unmissverständliche Trennlinie, wie sie besonnenere Stimmen aus der Politik zu Recht anmahnen.
Gewalttäter, Krawalltouristen und extremistische Trittbrettfahrer sprechen nicht für eine ganze Generation. Wer Steine wirft, Läden plündert und Einsatzkräfte attackiert, artikuliert keine Zukunftsängste, sondern begeht schwere Straftaten. Das ist durch kein noch so großes gesellschaftliches Versäumnis zu rechtfertigen und muss überall mit der vollen Konsequenz und Härte des Gesetzes verfolgt werden. Doch wer aus den Exzessen einer randalierenden Minderheit den Schluss zieht, das fundamentale Grundrecht auf Versammlungsfreiheit pauschal zu beschneiden, tut den unzähligen friedlich Protestierenden im ganzen Land bitteres Unrecht – und treibt die gefährliche Entfremdung zwischen Staat und Jugend nur noch weiter voran.
Das eigentliche Drama liegt im politischen und gesellschaftlichen Umgang mit den tiefer liegenden Ursachen. In Talkshows und Radiointerviews bekunden Entscheidungsträger oft allzu wohlfeile Betroffenheit: Man bedauere, dass man die Jugend nicht erreicht habe, man hätte „mehr miteinander reden müssen“. Diese Rhetorik der nachträglichen Entschuldigung wirkt auf junge Erwachsene wie Hohn. Was fehlt, sind keine weiteren moderierten Stuhlkreise, sondern eine handfeste Kehrtwende in der Gesetzgebung und bei der Verteilung der Finanzen. Ein Staat, der Billionen in den Erhalt überkommener Strukturen und konsumtiver Transfers pumpt, während bei Bildungsinfrastruktur, Digitalisierung und bezahlbarem Wohnraum gekürzt wird, betreibt Raubbau an seiner eigenen Zukunftsfähigkeit.
Hinzu kommt die fundamentale Machtverschiebung, an die sich Politik und Wirtschaft erst noch gewöhnen müssen: der demografische Wandel. Während die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer den Ruhestand antreten, schrumpft der Nachwuchs rapide. Die Generation Z tritt nicht als Bittsteller auf, sondern als umworbene Mangelware. Wenn junge Bewerber flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und Respekt vor ihrer Lebenszeit einfordern, nutzen sie schlicht das elementare Gesetz von Angebot und Nachfrage. Warum sollten sie Spielregeln akzeptieren, die aus einer Zeit stammen, in der Personalabteilungen aus Hunderten Bewerbern aussortieren konnten?
Diese Generation verweigert nicht Leistung – sie verweigert Sinnlosigkeit, starre Präsenzkultur und das Verheizen eigener Ressourcen für Systeme, die ihr keine verlässliche Gegenleistung mehr bieten. Die Politik muss aufhören, sich hinter den Schaufenstern der Randalierer zu verstecken. Statt reflexhaft mit Demonstrationsverboten zu drohen, müssen die Regierenden den berechtigten Frust der friedlichen Mehrheit an der Wurzel packen. Nicht die Generation Z muss sich an verkrustete Standards anpassen – das System muss beweisen, dass es für die Zukunft gebaut ist. +++



Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Was im Zusammenhang mit den sogenannten Gen-Z-Protesten in Frankfurt am Main und anderen Städten an politischen Bewertungen, Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen zu hören ist und was manche Politiker nun wieder öffentlich von sich geben, ist erschreckend. Statt einer sachlichen Aufarbeitung der Ereignisse scheint vielerorts die politische Selbstinszenierung im Vordergrund zu stehen. Gerade bei solchen Ereignissen wären Besonnenheit, eine klare Faktenlage und eine differenzierte Einordnung gefragt – und keine politischen Reflexe.