Ein Chor lebt davon, dass Menschen ihre unverwechselbare Stimme einbringen und aufeinander hören und achten. Dieses Bild hat Bischof Dr. Michael Gerber beim Pontifikalamt zu Allerheiligen am Sonntag, 1. November, im Fuldaer Dom aufgegriffen. Heiligkeit bedeute, sich von Gott prägen zu lassen, die eigenen Möglichkeiten zu entfalten und sie in die Gemeinschaft einzubringen. Wie bei der Stimmbildung brauche dieser Prozess Zeit und Übung. Die verschiedenen Lebenswege verbinde die christliche Hoffnung darauf, dass das Leben über den Tod hinaus bei Gott sein Ziel findet.
Gerber ging in seiner Predigt der Frage nach, was der Begriff der Heiligkeit bedeutet, der im gegenwärtigen Lebensgefühl zunächst sperrig klinge. Allerheiligen stehe für die christliche Hoffnung auf ein Leben bei Gott über den Tod hinaus. Der Bischof beschrieb Heiligkeit als einen persönlichen Weg, auf dem Menschen ihre von Gott geschenkten Möglichkeiten entfalten und sich Gott sowie ihren Mitmenschen öffnen. Einen Zugang fand er dabei im Apostolischen Schreiben „Novo millennio ineunte“, das Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren veröffentlicht hatte. Gerber zitierte daraus die Feststellung, dass die Wege der Heiligkeit vielfältig und der Berufung eines jeden angepasst seien. Schon die Evangelien hätten die Menschen, die Jesus nachfolgten, als unverwechselbare Persönlichkeiten gezeigt. Der Glaube gewinne in konkreten Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebenswegen Gestalt.
Zur Verdeutlichung seiner Gedanken nutzte Gerber den Gesang des Domchores als Metapher. Während Sopran, Alt, Tenor und Bass unterschiedliche Tonfolgen singen, bringe auch innerhalb einer Stimmgruppe jeder Mensch seine eigene Klangfarbe ein. Erst im Zusammenspiel entstehe ein Klang, der den Raum füllt. Gerber verband diesen musikalischen Eindruck mit den Seligpreisungen, in denen Jesus jene Menschen anspricht, die sich etwa um Frieden bemühen, nach Gerechtigkeit streben oder anderen mit Barmherzigkeit begegnen. Sie alle brächten unterschiedliche Klangfarben in die Gemeinschaft ein. Da auch die einzelne Stimme Zeit und Übung benötige, um ihr Potenzial zu entfalten, griff der Bischof einen weiteren Gedanken von Johannes Paul II. auf: Die Begleitung auf dem Weg zur Heiligkeit müsse den unterschiedlichen Entwicklungsrhythmen der Menschen entsprechen. Das Streben nach Heiligkeit bedeute, jene Melodie und Klangfarbe zu entdecken, die Gott in jedem Menschen grundgelegt habe.
Am Beispiel des heiligen Franziskus von Assisi, dessen 800. Todestag Anfang Oktober begangen wurde, zeichnete Bischof Gerber nach, wie eine solche Entwicklung verlaufen kann. Bereits als junger Mann sei Franziskus auf den Festen seines Heimatortes gern gesehen gewesen, da er Menschen begeistern und für ein gemeinsames Ziel gewinnen konnte. Mit seiner Bekehrung habe diese Begabung eine neue Richtung erhalten: Franziskus sammelte Menschen um sich, die arm und einfach lebten, und baute gemeinsam mit ihnen kleine Kirchen wieder auf. Aus diesem Anfang wuchs schließlich ein weiterreichender Auftrag zur Erneuerung der Kirche als Gemeinschaft von Menschen. Die besondere Klangfarbe seiner Persönlichkeit sei dabei stets erkennbar geblieben und im Laufe seines Lebens klarer und voller geworden.
Zu einem solchen Lebensweg gehörten laut Gerber auch klare Entscheidungen. Ähnlich wie ein Musiker nicht auf beliebig vielen Instrumenten gleichzeitig zum Virtuosen werden könne, müssten sich Menschen festlegen. Gleichzeitig sollten die unterschiedlichen Facetten einer Persönlichkeit zusammenfinden, wozu Lebenskraft, Beziehungsfähigkeit, Kreativität und Gefühle zählen. Gott wolle im Leben eines Menschen nicht einfach nur einen klinisch reinen Ton von etwa 440 Hertz erzeugen, da dies ein sehr blutleerer Heiliger wäre, so Gerber. Vielmehr gehe es um einen voluminösen Klang, in dessen Grundakkord die verschiedenen Dimensionen der Persönlichkeit in ihrer jeweiligen Frequenz mitschwingen.
Heiligkeit bedeute zugleich, sich im Konzert der unterschiedlichen Stimmen zu wissen. Ein guter Musiker nehme wahr, was um ihn herum vorgehe, reagiere angemessen auf seine Umgebung und bringe seine eigene Stimme so ein, dass sie das gesamte Zusammenspiel bereichere. Gerber warf die Frage auf, ob gerade diese Verbindung aus eigenständigen Persönlichkeiten und aufmerksamem Miteinander den ersten Christen eine derart große Resonanz verschafft habe. Diese Frage im kirchlichen Leben zu beantworten, sei eine zentrale Aufgabe der Erneuerung. Mit dem Atem führte der Bischof das Bild der Stimmbildung fort: Ein Heiliger wisse, dass er nicht aus sich selbst heraus lebe, sondern sich mit jedem Atemzug von Gott beschenkt sehe. Ein in sich abgeschlossener, perfekter Mensch entspreche diesem Verständnis daher nicht. Heilige übten sich in der Öffnung auf das Du Gottes und das Du des Mitmenschen. Was ein Mensch von Gott empfange, könne Resonanz finden und zur Botschaft für andere werden. Zum Abschluss seiner Predigt lud Gerber dazu ein, Gott im Gottesdienst auch die Lücken des eigenen Lebens hinzuhalten und ihn um jenen Impuls zu bitten, der Seele und Person neu zum Klingen bringt.
Die musikalische Gestaltung des Pontifikalamtes übernahm die Schola des Fuldaer Domchores unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber, während Domorganist Max Deisenroth die Orgel spielte. Zu hören waren unter anderem das Kyrie und das Agnus Dei aus Giovanni Pierluigi da Palestrinas „Missa brevis“ sowie „Aeterna fac“ aus dem „Te Deum“ von Johann Adolph Hasse. Am Montag, 2. November, feiert Weihbischof und Domdechant Prof. Dr. Karlheinz Diez um 18.30 Uhr im Fuldaer Dom ein Pontifikalrequiem für die Verstorbenen. Zum Gottesdienst an Allerseelen gehören eine Prozession zur Johanneskapelle sowie die Gräbersegnung. Den musikalischen Part gestalten der JugendKathedralChor unter Leitung von Franz-Peter Huber und Domorganist Max Deisenroth. Weitere Informationen stellt das Bistum Fulda unter www.bistum-fulda.de bereit. +++


