Daniyel Cimen war erleichtert. Na klar war er das nach dem 2:1-Heimsieg seiner Regionalliga-Fußballer im rasanten und umkämpften Hessenderby gegen den KSV Hessen. Die Freude war Fuldas Trainer im Gesicht abzulesen, schließlich war es der SGB wieder einmal geglückt, ein 50:50-Spiel auf ihre Seite zu ziehen. Da das dem Siegerteam aus der Johannisau in diesem Jahr öfter gelingt als in der Vorrunde, schob es sich wieder auf Platz sieben der Rangliste vor.
Wenn man zur Pause gekommen wäre und sich nur die zweite Halbzeit hätte ansehen können, dann hätte man aus Sicht der SGB alles richtig gemacht. Die von Cimen angesprochenen Dinge, die dem Spiel eine entscheidende Wende gaben, waren die: Anfangs des zweiten Abschnitts kratzte zunächst Barockstadts Innenverteidiger Milian Habermehl Boniangas Lupfer von der Linie. Etwas später hielt SGB-Keeper Zapico gegen Dahlke - den Schützen des 1:0 -, „Zapi“ machte das Spiel schnell, seine Aktion erreichte Arlind Iljazi, der wurde nicht energisch am Flanken gehindert - und Moritz Reinhard roch seine Eingabe in den Fünfer praktisch und verwertete sie zum 1:1.
Dies war das Zusammenspiel zweier Einwechsler - Iljazi und Reinhard. Es steht symbolisch für den Wert beider Spieler. Reinhard hatte schon drei Tage zuvor in Sandhausen überzeugt: in der „10er-Rolle“, oder sagen wir genauer, in der Rolle offensiver Räume, die es ihm erlauben, sein Gespür dafür einzusetzen, sich intuitiv zu bewegen oder zu erkennen, wo und wie der Ball hin muss, das Spiel schnell und gefährlich zu machen. Und Iljazi durfte seine offensiven Wünsche, seine Veranlagung zeigen. Beide - Reinhard und Iljazi - waren maßgeblich daran beteiligt, dass es der gelang, das Spiel zu drehen. Ein Spiel, in dem der SGB bis dahin nicht viel gelungen war - als Team aber das Spiel an sich zu reißen und am Ende als Sieger vom Platz zu gehen. Und es stellte sich heraus, welche Alternativen und Optionen die SGB auf der Bank hat.
Der Ausgleich war ein Signal. Die SGB hatte Blut geleckt und sich zurückgemeldet. Und noch nicht einmal fünf Minuten später dies: Ecke Leon Pomnitz, vom Tor und Fünfer weg - und Roko Ivankovic gelang beinahe Sensationelles. Er brachte seinen Kopf vor Kassels Gegenspieler an den Ball - und der Flugkopfball aus „anständiger“ Entfernung landete im Tor des KSV Hessen. Jubel brandete auf in der Johannisau. 2:1 - die SGB hatte nach unsichtbarer erster Hälfte das Spiel gedreht. Der letzte Führende kämpfte leidenschaftlich, hatte sich förmlich ins Spiel gebissen - „die Hessen“ kamen aus diesem Schwitzkasten nicht mehr heraus.
Die SGB wirkte euphorisiert - und hatte die Chance, wie Cimen später sagte, „den Deckel draufzumachen“: Pech war‘s, als Tobias Göbels Kopfball nach einem Freistoß des erneut unermüdlich arbeitenden Pomnitz an der Latte landete (77.). Weitere Möglichkeiten schlossen sich in den Schlussminuten an. Reinhardts Flachschuss ging knapp am langen Eck vorbei (81.), Dittmanns-Abschluss wurde zunächst geblockt, Pomnitz traf im zweiten Versuch ebenfalls die Latte (82.- war da Abseits im Spiel?), Freys Kopfball ging nach Iljazis Ecke knapp drüber (88.) - und Göbels Rückpass kam, von Pomnitz eingesetzt, nicht präzise (89.).
Die andere Seite der Medaille: Der KSV Hessen hatte das Spiel aus der Hand gegeben. Leichtfertig. Im zweiten Abschnitt wenig Zweikämpfe gewonnen - weder offensive und vor allem keine defensiven. Andererseits: Abgesehen von Boniangas anfangs angesprochenen Lupfer, hätte Kassel das Spiel Sekunden vor der Pause entscheiden können. Ein vertikaler Ball erreichte Bonianga, der Eins-gegen-eins auf engem Raum zunächst an „Zapi“ scheiterte - und auch Dahlkes zweiter Ball fand nicht den Weg ins Tor. Überhaupt: „Die Hessen“ stellten in Häfte eins die fußballerisch bessere Mannschaft, was Trainer René Klingbeil später zu Recht zur Bemerkung veranlasste: „Wir hatten das Spiel eigentlich 60 Minuten lang im Griff. Und hätten vielleicht den Deckel draufmachen müssen. Auch ein Ball hinter die Abwehr hätte geholfen.“
Das Spiel der Gäste hatte mehr Struktur, war fußballerisch klarer und geordneter. Das junge Team machte in der letzten Reihe und im Aufbau einen geordneten Job, hinzu kamen die Impulse des lange verletzten Sercan Sararer und von Lukas Rupp - in der ersten Halbzeit stärkster Spieler auf dem Platz, da er viel zu- und ablief, unerhört „kittete“ - über die linke Seite sowie dem nicht ganz so präsenten Bravo-Sanchez und dem starken Phinees Bonianga auf der rechten Seite. Letztgenannter verdiente sich auch den Scorerpunkt zur Führung nach einer Viertelstunde. Die SGB kämpfte wieder einmal mit ihrer Spiel-Eröffnung, Kassel nutze dies zum Ballgewinn, Bonianga erhielt halbrechts das vertikale Zuspiel, zog auf und bediente den hoch aufgeschossenen Zentrumsspieler Dahlke, der die Kugel über die Linie bugsierte.
Später noch blockte Habermehl Rupps Abschluss (33.), und ging Rupps Versuch, erneut von Sararer bedient, hoch am langen Eck vorbei (45.+1). Auch die SGB hätte in Halbzeit eins ausgleichen können. Etwa, als KSV-Keeper Weyand nach Göbels Kopfball rettete (31.) - oder als der soeben ins Spiel gekommene Reinhard zunächst auf Dittmann passte, der Versuch aber hängenblieb, der nachrückende Köhler den zweiten Ball bekam, erneut auf „Ditti“ passte, dessen flachen Abschluss Weyand parierte.
Der Eindruck soll nicht täuschen. Denn zu behaupten, die SGB habe ein gutes Spiel gemacht, wäre falsch. Kämpferisch absolut, das ergab den Umschwung in Hälfte zwei - fußballerisch aber nein. Das Auftreten in der ersten Halbzeit kam einer Mängelliste gleich. Die wesentlichen Versäumnisse: schlechte Spiel-Eröffnung, zu viele individuelle Fehler, wenig Bewegung ohne Ball (bis auf Pomnitz und Köhler), viel zu langsames Spiel - und wenn ja, schlechtes Besetzen der Räume, zu große Löcher zwischen den Mannschaftsteilen. Und: Gab es überhaupt ein Mittelfeld? Zu viele lange Bälle prägten das Bild - mit dem Gewinn zweiter Bälle wurde es erst besser, als Reinhard ins Spiel kam und ein Ruck durch die Mannschaft ging.
Auch Cimen gefiel das nicht. „Wir haben in der ersten Halbzeit kein gutes Spiel gemacht. Haben sehr viel in die Breite gespielt, hatten ein großes Feld und sind nicht ins Übergangs-Spiel gekommen.“ Zum Glück gibt es im Fußball eine zweite Halbzeit. Und die endete um 20.56 Uhr, als in der Johannisau tosender Jubel aufbrandete. Die Zuschauer hatten ein tolles Spiel gesehen, das jedes der beiden Teams hätte gewinnen können. Schließlich gibt es in der Regionalliga viele Spiele, in denen eine oder auch zwei Aktionen entscheiden können.
SG Barockstadt: Zapico - Kraft, Habermehl, Frey, Schmitt - Sarpei (40. Reinhard) - Ivankovic, Dittmann, Pomnitz, Köhler (57. Iljazi) - Göbel (90. Grösch)
KSV Hessen: Weyand - Kuntze (87. Breitfelder), Duah, Kopf, Liesche (65. Najjer) - Podolski, Rupp (78. Bräunling), Bravo-Sanchez, Bonianga (78. Girth), Sararer (65. Boeyuekata) - Dahlke
Schiedsrichter: Jason Lieser
Zuschauer: 1.620
Tore: 0:1 Jan Dahlke (15.), 1:1 Moritz Reinhard (60.), 2:1 Roko Ivankovic (64.) +++ rl











