Washington und Wiesbaden liegen mehr als 6.000 Kilometer auseinander. Politisch ist die Verbindung zwischen Hessen und den Vereinigten Staaten dennoch so eng wie kaum zwischen anderen deutschen Ländern und den USA. Bei einem großen Empfang zum Tag der Deutschen Einheit in der Deutschen Botschaft in Washington hat Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) diese besondere Beziehung hervorgehoben und zugleich für eine weitere Vertiefung der transatlantischen Partnerschaft geworben.
Vor rund 2.700 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Diplomatie und Gesellschaft stellte Rhein die historischen und aktuellen Verbindungen zwischen Hessen und den Vereinigten Staaten in den Mittelpunkt. Dabei ging es nicht allein um die klassische Diplomatie. Hessen präsentierte sich in Washington auch als Wirtschafts- und Innovationsstandort. Zahlreiche hessische Unternehmen und Institutionen stellten ihre Arbeit vor und nutzten den Empfang zum Austausch mit internationalen Gästen.
Rhein formulierte die hessische Nähe zu den Vereinigten Staaten ungewöhnlich deutlich. „Wir haben den Vereinigten Staaten viel zu verdanken. Der demokratische Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau und die Erfolgsgeschichte unseres Landes wären ohne sie nicht möglich gewesen“, sagte der Ministerpräsident nach Angaben der Staatskanzlei. Dabei erinnerte er auch an einen historischen Umstand, der für die Identität des heutigen Hessen von Bedeutung ist: Die Gründung des Landes ging auf einen Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht zurück.
Damit reicht die von Rhein beschriebene Verbindung weit über aktuelle außenpolitische Interessen hinaus. Hessen und die USA verbindet eine Geschichte, die mit dem demokratischen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg begann und sich über Jahrzehnte in politischen, militärischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen fortgesetzt hat. In diesem Jahr treffen dabei mehrere Jubiläen aufeinander. Hessen feiert sein 80-jähriges Bestehen, die Vereinigten Staaten begehen den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Hinzu kommt die seit 50 Jahren bestehende Partnerschaft Hessens mit dem US-Bundesstaat Wisconsin.
Auch die heutige Präsenz der Vereinigten Staaten in Hessen unterstreicht diese besondere Rolle. In Frankfurt befindet sich das größte US-Generalkonsulat der Welt. In Wiesbaden hat die US Army Europe and Africa ihr Hauptquartier. Hessen ist damit nicht lediglich ein Bundesland, das wirtschaftliche Kontakte in die USA pflegt. Es ist zugleich ein wichtiger Standort amerikanischer staatlicher und militärischer Strukturen in Deutschland und Europa.
Rhein stellte deshalb nicht nur die institutionellen Verbindungen heraus, sondern auch die Menschen, die diese Beziehungen im Alltag prägen. „Hessen und die Vereinigten Staaten verbindet mehr als Diplomatie. Uns verbindet eine lange und enge Freundschaft. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner haben in Hessen eine Heimat gefunden und bereichern unser Land. Darauf können wir stolz sein. Darauf können wir bauen. Hessen ist das amerikanischste Bundesland“, sagte der Ministerpräsident.
Der Satz vom „amerikanischsten Bundesland“ ist dabei mehr als eine diplomatische Höflichkeit. Er verweist auf eine Entwicklung, die Hessen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nachhaltig geprägt hat. Die amerikanische Präsenz ist im Land vielerorts sichtbar und reicht von militärischen Einrichtungen über wirtschaftliche Verflechtungen bis zu persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen. Frankfurt und Wiesbaden stehen dabei stellvertretend für diese enge Verbindung.
Gleichzeitig hat sich das Verhältnis längst von einem einseitigen Nachkriegsverhältnis zu einer wirtschaftlichen und politischen Partnerschaft entwickelt. Die Vereinigten Staaten sind für Hessen ein bedeutender Handelspartner. Hessische Unternehmen sind auf dem amerikanischen Markt aktiv, während US-amerikanische Unternehmen in Hessen Arbeitsplätze schaffen und zur internationalen Ausrichtung des Landes beitragen. Gerade diese wirtschaftliche Dimension spielte beim Empfang in Washington eine zentrale Rolle.
Minister für Internationales Manfred Pentz verwies darauf, dass die Verbindung zwischen Hessen und den Vereinigten Staaten über Jahrzehnte gewachsen sei. Bei dem gemeinsamen Empfang mit der Deutschen Botschaft seien hochkarätige Vertreter der deutschen und amerikanischen Wirtschaft zusammengebracht worden. Die erfolgreiche wirtschaftliche Beziehung zwischen den USA und Hessen sei „die Grundlage für unseren Erfolg“, sagte Pentz. Die USA seien für Hessen ein wichtiger Partner, zugleich sei Hessen ein verlässlicher Partner für die Vereinigten Staaten.
Dass die Landesregierung dabei nicht allein auf politische Symbolik setzte, zeigte auch die Zusammensetzung der Veranstaltung. Der Empfang wurde zu einem Schaufenster für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Hessen. Unternehmen und Institutionen wie Fraport, Merck, Rheinmetall, DE-CIX, ESA/ESOC und Focused Energy präsentierten ihre Arbeit. Damit wurde in Washington ein Bild von Hessen vermittelt, das über die bekannten Begriffe Flughafen, Finanzplatz und Industrie hinausgeht und auch Forschung, Technologie und Innovation umfasst.
Zu den Gästen und Teilnehmern gehörten neben Rhein unter anderem Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus, Kultusminister Armin Schwarz und der Minister für Internationales, Manfred Pentz. Auch der deutsche Botschafter in den USA, Jens Hanefeld, sowie der stellvertretende US-Handelsminister Paul M. Dabbar nahmen an dem Austausch teil.
Der Rahmen des Empfangs war bewusst gewählt. Die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit boten die Gelegenheit, deutsche Geschichte und hessische Landesgeschichte mit den aktuellen transatlantischen Beziehungen zu verbinden. Gleichzeitig wurde Hessen in Washington nicht nur politisch, sondern auch kulturell und wirtschaftlich präsentiert. Beim „Taste of Hessen“ konnten die Gäste hessische Weine und Produkte kennenlernen. Vom Kloster Eberbach bis zu Produkten von Bembel With Care wurde dabei auch ein Stück regionale Identität in die amerikanische Hauptstadt getragen.
Die Kulisse passt zu einem Jahr, in dem die historischen Bezugspunkte besonders deutlich hervortreten. Hessen blickt auf 80 Jahre Landesgeschichte zurück, die Vereinigten Staaten auf 250 Jahre staatliche Unabhängigkeit. Gleichzeitig besteht die Partnerschaft mit Wisconsin seit einem halben Jahrhundert. Aus diesen Zahlen lässt sich ablesen, dass die transatlantische Verbindung nicht auf einen einzelnen politischen Moment reduziert werden kann. Sie ist über Generationen gewachsen und hat sich immer wieder verändert.
Gerade deshalb ist Rheins Botschaft auch vor dem Hintergrund der aktuellen internationalen Lage zu verstehen. Die transatlantische Partnerschaft steht vor neuen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Umso stärker betont die hessische Landesregierung die Notwendigkeit, bestehende Verbindungen nicht als selbstverständlich zu betrachten. Politische Beziehungen müssen gepflegt werden, wirtschaftliche Kontakte brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und persönliche Beziehungen können gerade dann Bedeutung gewinnen, wenn sich die großen politischen Linien verändern.
Hessen verfügt dafür über besondere Voraussetzungen. Die amerikanische Präsenz in Frankfurt und Wiesbaden, die zahlreichen wirtschaftlichen Verbindungen und die über Jahrzehnte gewachsenen persönlichen Kontakte bilden ein dichtes Netzwerk. Rhein versucht, daraus ein politisches Signal abzuleiten: Hessen will die Verbindung zu den Vereinigten Staaten nicht lediglich verwalten, sondern aktiv weiterentwickeln.
Der Empfang in Washington war deshalb zugleich Rückblick und Ausblick. Der Blick zurück galt dem amerikanischen Beitrag zum demokratischen Neubeginn und zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Blick nach vorn richtet sich auf wirtschaftliche Zusammenarbeit, Innovation, politische Partnerschaft und die weitere Festigung der transatlantischen Beziehungen.
Rhein befindet sich noch bis Samstag auf einer Delegationsreise in den Vereinigten Staaten. Die Reise ist damit nicht auf den symbolischen Auftritt in der Deutschen Botschaft beschränkt. Sie steht vielmehr für den Versuch der hessischen Landesregierung, die besonderen Beziehungen zu den USA auch in der Gegenwart mit konkreten politischen und wirtschaftlichen Kontakten zu unterfüttern.
Am Ende bleibt Rheins zugespitzte Beschreibung: „Hessen ist das amerikanischste Bundesland.“ Sie ist politisch selbstbewusst formuliert, lässt sich aber mit einer Reihe konkreter Verbindungen unterlegen. Die Gründung Hessens unter amerikanischer Besatzung, die heutige Präsenz des größten US-Generalkonsulats der Welt in Frankfurt und des Hauptquartiers der US Army Europe and Africa in Wiesbaden, die wirtschaftlichen Verflechtungen und die seit Jahrzehnten gewachsenen persönlichen Beziehungen ergeben tatsächlich ein ungewöhnlich enges transatlantisches Geflecht.
Die entscheidende Frage wird allerdings nicht sein, wie amerikanisch Hessen sich beschreibt, sondern wie belastbar diese Partnerschaft künftig bleibt. Die hessische Landesregierung setzt dabei auf politische Kontakte, wirtschaftliche Zusammenarbeit und persönliche Begegnungen. Dass rund 2.700 Menschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Diplomatie und Gesellschaft in Washington zusammenkamen, zeigt zumindest, dass das Interesse an dieser Verbindung weiterhin groß ist. +++













