Sascha Gramm ist zurück. Ich bin wieder hier. In meinem Revier. War nie wirklich weg. Hab‘ mich nur versteckt - könnte man mit Marius Müller-Westernhagens Worten sagen. Gut, Sascha Gramm bestritt seine erste Saison im Trainerteam der Handballerinnen des Drittligisten Bad Wildungen Vipers - in der kommenden Saison wird er dort als Athletik-Trainer tätig sein. Nein, vielmehr war Sascha Gramm ja immer in den Gedanken der Osthessen. Zehn Monate nach seinem körperlichen Tief wagte sich der Extremläufer aus Hainzell an den „North-Sea Ultra“ auf der Insel Sylt heran. Er nahm erstmals an dieser Veranstaltung teil. Ihre Zutaten: 111 Kilometer lang war die Strecke auf der Nordseeinsel, 350 gingen an den Start. Neben Einzelstartern nahmen auch Dreier- und Zweier-Staffeln das Rennen auf. Sascha, der erst kürzlich Geburtstag feierte, betrat Neuland. Und so ganz nebenbei vermittelte er eine Botschaft, die es in sich hat. Eine Story, die bewegt und bewegend ist. Die unter die Haut geht. Doch lesen Sie selbst.
Er sei im vergangenen Jahr schon bezüglich einer Teilnahme kontaktiert worden, jedoch passte es zeitlich nicht. In diesem Jahr schon. Anreise am Donnerstag, 7. Mai, tags darauf die Wettkampf-Besprechung und eine Pasta-Party, das kennen wir. Am 9. Mai um 9 Uhr ging es los, an der Sturmhaube in Kampen, ein traditionsreiches Kult-Lokal, direkt am Roten Kliff. Ab dem jetzigen Zeitpunkt entsteht und entwickelt sich eine Geschichte, die eben nicht alltäglich ist. Am Vorabend kommt Sascha Gramm mit einem Pärchen aus Berlin ins Gespräch - mit dem 27-jährigen Tobias und seiner Lebensgefährtin aus Berlin. Das Rennen begann. Plötzlich tauchte Tobias auf. Dies war nicht nur der Beginn einer speziellen Geschichte. Beide liefen auch zusammen.
Doch nach etlichen Kilometern der malerischen Strecke - vielleicht vier oder fünf Stunden -, bekam Tobias körperliche Probleme. Ihm war schlecht. Er musste sich übergeben - was ihm auch mental zusetzte. Eine Zerreißprobe. Eine der Willenskraft. Und des Mensch-Seins. Tobias wandte sich an Sascha, er solle doch sein Rennen laufen. Sascha aber entgegnete, er habe nicht das Bedürfnis, wegzulaufen. Freundschaften bilden sich. Sie begegnen und verknüpfen sich. Tobias‘ Freundin kam mit dem Fahrrad hinzu und begleitete das Duo eine ganze Zeitlang. Es war wie im richtigen Leben. Dann, wenn man zusammensteht und füreinander da ist. Je länger das Rennen andauerte, umso mehr verfestigte sich die Botschaft. Kaum etwas taugt so für ein Ausschnitt des wahren Lebens, wie es Momente und Szenen des Sports sind. Sie verbinden Menschen und stellen soziale Verhaltensweisen und Assoziationen her, die in der Realität heutigen Lebens bei vielen nicht mehr existent sind.
Weiter auf Sylt. Tobias und Sascha blieben zusammen. Als Tobias an einer Verpflegungsstation saß, fragten gar die Helfer an, ob sie ihn denn wegen seines arg geschwächten Zustands rausnehmen sollten aus dem Rennen. Sascha aber setzte das Signal. „Das passt schon. Wir machen das zusammen“, entgegnete er. Er erinnerte sich der Momente, in denen er Hilfe benötigte. Jetzt gab er sie halt weiter. Reichte die Hand der Unterstützung. Er habe das innere Empfinden und Bewusstsein gehabt, etwas aus eigener Erfahrung weiterzugeben. Er habe ja auch schon hier und da Hilfe bekommen - und habe dann weiterlaufen können. Für ihn bedeutete das eine Selbstverständlichkeit. Momente, die tragen. Momente, die Brücken bauen. Und es war der Beweis, dass Sport beileibe nicht nur aus Ergebnissen oder Platzierungen besteht, als vielmehr auch Geben und Nehmen beinhaltet. Der Moment, sich zu treffen und sich die Hand zu reichen.
Eines aber war auch klar. Und es war auch der Augenblick, in dem Sascha seine Erfahrung anzapfte. Sie spürten, das Rennen engagiert fortzusetzen - sonst hätten sie es in der vorgegebenen Maximalzeit von 16 Stunden nicht beenden können. Der Lohn: Nach 15 Stunden und einer Minute kamen sie ins Ziel. Die Willensmomente, den North-Sea Ultra erfolgreich beendet zu haben, fühlten sich gut an. Sie schmeckten selbst in der salzhaltigen Nordsee-Luft süß. Es sind die Augenblicke, die Sportler genießen.
So weit die Momente, in denen Sportler auf ihrem Weg auf die Zähne beißen müssen. Dieses Gefühl kann niemand nachvollziehen. So weit die Qual. So weit die Dinge im Kopf, die nötig sind, um ein Ziel zu erreichen. Doch selbstredend bietet Sylt natürlich einiges zum Genießen. Einiges fürs Herz. Einiges, das die Motivation von alleine hochhält, möchte man meinen. So führte die Strecke an den Ellenbogen, den nördlichsten Teil Deutschlands. Ein Punkt, von dem auch nach Dänemark schielen kann. Nur ein Steinwurf, denkt man sich.
Von dort führte der Weg wieder „hinab“ auf Sylt. Nach Rantum. Dann nach Hornum. „Dieser Ausblick war grandios“, hatte es auch Sascha Gramm mitgenommen. Selbst Nachbarinseln waren und schienen in Reich- und Sichtweite. Föhr tauchte als ein Beispiel auf. Es waren Bilder und Momente, die sich einprägten. Begeistert auch von der Atmosphäre auf den letzten Kilometern. Unzählige Leute und Urlauber an der Promenade von Westerland feuerten die Läufer an. Und eine Szenerie, die im wahrsten Sinne des Wortes schmeckte, bringt Sascha auf den Punkt. Im Lister Hafen angekommen, gab‘s den „Gosch“. Eine berühmte Lokalität, die man dort des Öfteren vorfindet. Lachsbrötchen für die Läufer. Eine für die Ultraläufer besondere Verpflegungsstation.
Dass sich das Rennen zäh anfühlte und sich auch als solches erwies, braucht man eigentlich nicht zu betonen - bei dieser Streckenlänge und den Umständen. Laufen im Tiefsand, im Wattenmeer, 20 Kilometer auf dem Deich. Auch mit Tobias, der die körperlichen Probleme in sich und mit sich trug, nicht leicht - und auch alles andere als negativ gemeint an dieser Stelle. Aber, wie gesagt: Sie unterstützten sich gegenseitig prima. Und Sascha benannte dieses Gefühl und brachte es auf den Punkt. „Er war einfach da.“ Stille.
Sie waren gemeinsam unterwegs. Gut unterwegs. Aus Sachas Sicht bedeutete der Lauf einen „guten Trainingswettkampf“ - denn: Wie lange hatte er keinen Wettbewerb dieser Länge und Intensität mehr bestreiten können? „Mein erster Lauf in diesem Umfang seit zehn Monaten“, drückte er den Stellenwert aus. „Es hat mich selbst erstaunt, wie gut das läuft“, bekannte er und ordnete die Geschichte und das Geleistete ein. In dieser langen Zeit zwischen der „Verletzungs-Zeit und dem North-Sea Ultra“ hatte er nur Trainings-Kilometer absolviert. Aber keine Wettkampf-Kilometer. 35 Kilometer von der Arbeit in Hünfeld nach Hause. Die Anstrengung und den Lohn nimmt Sascha so wahr, drückt ihn so aus: „Der Körper erinnert sich schnell. Er weiß auch, wie man da rangeht. Ruhe bewahren und ein Stück weit vertrauen.“
Eine weitere Botschaft: In sich vertrauen und der Glaube an sich. Sich dem zu erinnern, es zu glauben und in den Wettkampf zu transportieren. Auch ein Lernprozess, den Sportler - vor allem aus dem Spitzenbereich - anderen Gruppen der Gesellschaft bieten. Praktisch als Leitbild dienen. Wenn das Etikett „Vorbild“ angebracht ist, auch dies.
Sascha Gramm begleitete sein Kameraden Tobias - allen Hochs und Tiefs auf der Strecke zum Trotz - bis ins Ziel. Und noch einmal: Tobias allein zu lassen - das kam für ihn nicht infrage. Es war für ihn das Allerwichtigste. Um den Wert dieser sozialen Komponente nochmals zu unterstreichen. Natürlich freute sich auch Tobias. Er habe sich „tausendmal bedankt“, fiel diese Botschaft bei Sascha auf fruchtbaren Boden. Ihr Austausch war rege. Und als wolle man das Erlebte perfekt abrunden, schloss Sascha Gramm an: „Als Unbekannte gestartet. Und als Lauffreunde ins Ziel.“ Als wäre das nicht treffend genug, schob er nach: „Die 15 Stunden machen was mit dir.“ Wenn es noch einer Randnotiz bedurfte: Er bekam einen Startplatz beim Marathon in Berlin. „Ich kann mir vorstellen, dass wir uns dort treffen.“
Sascha Gramm bietet noch mehr. Es gibt kaum einen solch guten Botschafter in Osthessen wie ihn. +++ rl













