Norbert Kartmann ist tot. Der frühere Präsident des Hessischen Landtags starb im Alter von 77 Jahren nach schwerer Krankheit in einem Krankenhaus in Lich. Mit ihm verliert Hessen einen Politiker, der über Jahrzehnte hinweg zu den prägenden Persönlichkeiten der Landespolitik gehörte – nicht wegen großer Inszenierungen oder markiger Auftritte, sondern wegen seiner ruhigen Autorität und seiner selten gewordenen Fähigkeit zum Ausgleich.
Kartmann war ein Mann, der das Politische nie vom Menschlichen trennte. Wer ihm begegnete, traf keinen Lautsprecher, keinen Polarisierer, keinen politischen Schauspieler. Seine Stärke lag in der Beharrlichkeit, in der Disziplin und in einer Form von Respekt, die im politischen Alltag oft beschworen, aber nur selten gelebt wird. Gerade deshalb wirkte Norbert Kartmann in einer Zeit zunehmender Zuspitzung wie ein Vertreter einer anderen politischen Kultur.
Geboren wurde er 1949 im Butzbacher Stadtteil Nieder-Weisel. Sein erster Beruf war der des Grund- und Hauptschullehrers – eine Herkunft, die ihn sichtbar geprägt hatte. Kartmann blieb stets jemand, der zuhören konnte, der geduldig argumentierte und der politische Konflikte nicht als persönliche Schlachten verstand. Bereits 1970 trat er in die CDU ein. Seit 1982 gehörte er – mit kurzer Unterbrechung – dem Hessischen Landtag an und wurde dort zu einer festen Größe.
Sein politischer Weg führte ihn vom bildungspolitischen Sprecher bis an die Spitze des Parlaments. Von 2003 bis 2019 war Norbert Kartmann Präsident des Hessischen Landtags. Fast 16 Jahre lang leitete er das Haus – länger als jeder seiner Vorgänger. Diese lange Amtszeit war kein Zufall. Sie beruhte auf Vertrauen. Kartmann galt als jemand, der die Würde des Parlaments ernst nahm und politische Verantwortung nie mit persönlicher Eitelkeit verwechselte.
In Debatten blieb er kontrolliert, auch wenn die Atmosphäre hitzig wurde. Er verstand sein Amt nicht als Machtposition, sondern als Verpflichtung gegenüber der demokratischen Kultur des Landes. Gerade deshalb wurde er über Parteigrenzen hinweg geschätzt. Viele beschrieben ihn als Brückenbauer, als jemanden, der das Verbindende suchte, ohne Konflikte zu verdrängen.
Die Reaktionen auf seinen Tod zeigen, welchen Eindruck er hinterlassen hat. Der Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Mathias Wagner, sprach von einem „über Parteigrenzen hinweg geschätzten Parlamentarier und engagierten Demokraten“. Fast vier Jahrzehnte habe Kartmann die Arbeit im Hessischen Landtag geprägt. Offenheit und ein gutes gesellschaftliches Miteinander seien ihm stets ein großes Anliegen gewesen. Wagner erinnerte daran, dass Kartmann weit über die Politik hinaus für Demokratie, politische Bildung und Ehrenamt eingetreten sei. Man werde ihn als fairen Gesprächspartner und verlässlichen Brückenbauer in dankbarer Erinnerung behalten.
Auch die Fraktionsvorsitzenden der Freien Demokraten im Hessischen Landtag, Wiebke Knell und Stefan Naas, würdigten Kartmann als leidenschaftlichen Parlamentarier und überzeugten Demokraten. Naas erklärte, Kartmann habe das Parlament mit Würde, Respekt und einem feinen Gespür für die Menschen geführt. Über Parteigrenzen hinweg sei er hoch geschätzt worden. Wiebke Knell erinnerte an persönliche Begegnungen mit ihm lange vor ihrer Zeit im Landtag und beschrieb ihn als sympathischen und nahbaren Menschen, der mit großer Leidenschaft für das Parlament und die Demokratie eingestanden habe.
Auch aus der SPD kamen Worte großer Anerkennung. Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Tobias Eckert, erklärte, Norbert Kartmann habe den Hessischen Landtag über Jahrzehnte mit seiner Persönlichkeit geprägt. Als Präsident des Landtags habe er seine Lebensaufgabe in der Rolle des nahezu überparteilichen Repräsentanten des Parlamentarismus gefunden. Eckert hob hervor, Kartmann habe das Amt mit ruhiger Entschlossenheit, menschlicher Zugewandtheit und dem Bewusstsein geführt, dass politische Debatten klare Regeln brauchen. Man werde ihn als überzeugten Demokraten, geachteten Parlamentspräsidenten und geschätzten Kollegen in Erinnerung behalten.
Kartmann erhielt im Laufe seines Lebens zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, den Hessischen Verdienstorden und die Wilhelm-Leuschner-Medaille, die höchste Ehrung des Landes Hessen. Doch wahrscheinlich wäre ihm wichtiger gewesen, wie man sich an ihn erinnert: als einen Politiker, der nie laut werden musste, um Gewicht zu haben.
Mit Norbert Kartmann verliert Hessen einen Vertreter jener Generation, die Politik noch als Dienst verstand. Sein Tod hinterlässt eine Lücke – nicht nur im Parlament, sondern auch in einer politischen Kultur, die Menschen wie ihn dringender braucht, als sie oft wahrhaben will.














