Schlüchtern steht vor einer energiepolitischen und wirtschaftlichen Entscheidung von erheblicher Tragweite. Im Gewerbegebiet „Auf dem Reitstück“ soll ein hochmodernes, H2-ready Energiekraftwerk entstehen, das künftig das geplante Rechenzentrum in Birstein mit Strom versorgen und zugleich zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen soll. Das Investitionsvolumen wird voraussichtlich 750 Millionen Euro betragen. Für Bürgermeister Matthias Möller ist das Vorhaben deshalb „eine große Chance für Schlüchtern“.
Geplant wird das Energiekraftwerk von der Argaman Group aus Frankfurt, die auch das Rechenzentrum in Birstein entwickelt. Gebaut und betrieben werden soll die Anlage von einem der großen deutschen Energieversorger. Vorgesehen ist eine Leistung von bis zu 276 Megawatt. Für Schlüchtern geht es dabei nicht allein um die Ansiedlung eines großen Energieprojekts. Mit dem Kraftwerk könnten auch Gewerbesteuereinnahmen in signifikanter Höhe verbunden sein – unabhängig vom Energieverbrauch.
Die geplante Energieerzeugung soll zunächst zu 80 Prozent über Brennstoffzellen und zu 20 Prozent über Gasverbrennung erfolgen. Dadurch sollen schädliche Stickstoffgase und der CO2-Ausstoß reduziert werden. Zugleich wird die Anlage von Beginn an „H2-ready“ gebaut und damit auf einen späteren Betrieb mit Wasserstoff vorbereitet. „Ab Mitte der 2030er Jahre ist eine vollständige Umstellung auf CO2-neutralen Betrieb geplant“, sagt Dr. David Roitman, Geschäftsführer der Argaman Group.
Für den Standort Schlüchtern sprechen nach Angaben der Projektentwickler mehrere Faktoren. Nach intensiven Verhandlungen setzte sich die Bergwinkelstadt als Standort durch. „Schlüchtern ist der perfekte Standort, denn hier kreuzen sich zwei große Gasleitungen, die eine zuverlässige Gasversorgung garantieren“, erklärt Roitman. Hinzu kommt die unmittelbare Nähe zum Umspannwerk Elm. Dort soll der erzeugte Strom langfristig zur Netzstabilität eingespeist werden. Perspektivisch soll zudem eine eigene Wasserstoff-Pipeline den vollständig klimaneutralen Betrieb ermöglichen.
Bevor aus den Plänen jedoch ein konkretes Bauprojekt wird, müssen zunächst die städtischen Gremien über einen Prüfauftrag an Magistrat und Verwaltung beraten. Erst auf Grundlage dieser Prüfung soll über eine mögliche Zustimmung entschieden werden. Bürgermeister Möller betont dabei, dass die Stadt die Öffentlichkeit frühzeitig einbeziehen wolle. „Es ist uns wichtig, die Leute mitzunehmen und umfassend zu informieren. Wir nehmen dies sehr ernst“, sagt er.
Dabei sollen auch mögliche kritische Punkte nicht ausgespart werden. Fragen des Emissions-, Lärm- und Umweltschutzes sowie bau-, steuer- und naturschutzrechtliche Aspekte sollen offen diskutiert und sorgfältig geprüft werden. Alle Gutachten sollen der Stadtverordnetenversammlung vor der finalen Kaufentscheidung vorgelegt werden. Diese Entscheidung wird voraussichtlich im vierten Quartal dieses Jahres erwartet.
Auch die Bürgerinnen und Bürger sollen Gelegenheit erhalten, sich unmittelbar über das Vorhaben zu informieren und Fragen zu stellen. Eine erste Informationsveranstaltung ist Anfang September im Café Fabrice, Breitenbacher Straße 3, in Schlüchtern vorgesehen. Darüber hinaus ist ein Bürgerforum in der Stadthalle geplant. Der Termin soll in Kürze bekanntgegeben werden.
Der Zeitplan sieht einen möglichen Baubeginn Anfang 2028 vor. Die Bauzeit wird mit rund zwei Jahren angegeben. Anschließend soll das Kraftwerk mindestens 30 Jahre betrieben werden. Für die Stadt verbindet sich damit die Hoffnung auf langfristige wirtschaftliche Effekte. Mögliche Gewerbesteuereinnahmen könnten nach den Vorstellungen der Stadt unter anderem den Bau eines neuen Feuerwehrstandorts, die Sanierung von Kindertagesstätten und die Konsolidierung der Stadtfinanzen ermöglichen.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Projekts ist die Nutzung der entstehenden Abwärme. Neben der Stromproduktion könnte kostenlose Abwärme mit einer Kapazität von etwa 50 Megawatt zur Verfügung stehen. Sie könnte als besonders preiswerte Fernwärme für bis zu 10.000 Haushalte genutzt werden. Damit würde ein eigenes Fernwärmenetz für Schlüchtern in greifbare Nähe rücken und zugleich ein wichtiger Baustein für die kommunale Wärmeplanung geschaffen.
Nach Einschätzung Möllers kommt der Stadt dabei zugute, dass sie mit der Energie Bergwinkel GmbH bereits über entsprechende Strukturen verfügt. Die Fernwärme könnte nicht nur Privathaushalte erreichen, sondern auch öffentliche Einrichtungen wie Freibad, Hallenbad, Feuerwehr, Stadthalle, Kläranlage und Kindertagesstätten sowie Gewerbe- und Industriebetriebe versorgen.
Darüber hinaus ist unmittelbar nach einem möglichen Kaufabschluss die Gründung eines Wärme-, Energie-, Klima- und Nachhaltigkeitsfonds vorgesehen. Die Mittel könnten gezielt in grüne Infrastruktur, die Entsiegelung von Flächen, die Reduzierung der städtischen Wärmebelastung an heißen Sommertagen und die Schaffung von Klimainseln fließen. Finanziert werden soll der Fonds im Wesentlichen durch den Betreiber des Energiekraftwerks.
Für Möller ist das Projekt auch eine Reaktion auf eine Entwicklung, die sich nach seiner Einschätzung nicht mehr zurückdrehen lässt. „Der Bedarf nach Energie steigt und steigt, nicht zuletzt wegen des Hypes um Künstliche Intelligenz und der damit verbundenen Rechenzentren“, sagt der Bürgermeister. Diese Entwicklung sei unumkehrbar. Umso wichtiger sei es, sie aktiv mitzugestalten.
Damit steht Schlüchtern vor einer Entscheidung, bei der wirtschaftliche Chancen und Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes eng miteinander verbunden sind. Das geplante Kraftwerk verspricht erhebliche Investitionen, mögliche Gewerbesteuereinnahmen und eine neue Perspektive für die Fernwärmeversorgung. Zugleich sollen Emissionen, Lärm, Umweltbelastungen und rechtliche Fragen vor einer endgültigen Entscheidung geprüft werden. Ob aus der „großen Chance“ tatsächlich ein langfristiger Vorteil für die Bergwinkelstadt wird, soll sich deshalb nicht allein an den angekündigten Investitionen entscheiden, sondern daran, wie überzeugend die offenen Fragen beantwortet werden. +++













