Fuldaer Pilger brachen nach Walldürn auf – Eine Wallfahrt zwischen Tradition, Sorge und Hoffnung

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Nach dem Aussendungsgottesdienst begeben sich die Wallfahrenden auf den Weg zum Heiligen Blut in Walldürn. Fotos: Winfried Möller

Als sich am Samstagmorgen die schweren Türen des Fuldaer Doms öffneten und der Choral „Zum Blut des Herren wallen wir“ durch das Kirchenschiff klang, begann mehr als nur ein mehrtägiger Fußweg in Richtung Odenwald. Mit 505 Wallfahrerinnen und Wallfahrern, darunter 35 Musiker, setzte sich eine Bewegung in Gang, die seit Jahrhunderten nahezu unverändert besteht und doch in jedem Jahr neue Fragen, Hoffnungen und Belastungen mit sich trägt.

Zum 321. Mal erfüllen die Pilger damit ein Pestgelübde aus dem Jahr 1706. Die Wallfahrt zum Heiligen Blut nach Walldürn gehört zu den größten mehrtägigen Wallfahrten des Bistums Fulda. Dass sie bis heute eine solche Anziehungskraft besitzt, wirkt in einer Zeit, in der kirchliche Bindungen schwächer werden und religiöse Selbstverständlichkeiten verschwinden, beinahe bemerkenswerter als ihre lange Geschichte selbst.

Im Aussendungsgottesdienst stellte Prälat Christof Steinert die Wallfahrt in den Zusammenhang der Emmaus-Erzählung. Kaum ein biblischer Text eigne sich besser für einen solchen Aufbruch, sagte er in seiner Predigt. Wer sich auf den Weg mache, lasse den Alltag nicht einfach hinter sich. Vielmehr trügen die Menschen ihre Sorgen mit sich: die eigene Gesundheit, familiäre Belastungen, die Erfahrung von Verlust, Unsicherheiten im Beruf oder die Frage, wie sich der christliche Glaube an kommende Generationen weitergeben lasse. Hinzu komme die Erfahrung vieler Gläubiger, dass sich Menschen zunehmend vom kirchlichen Leben entfernten.

Gerade darin liege die Bedeutung der Wallfahrt, die seit Jahrhunderten nicht allein als religiöse Übung verstanden wird, sondern als Gemeinschaft auf Zeit. Das Gehen, Beten und Singen bilde einen Raum, in dem persönliche Lasten ausgesprochen werden können. Die Vorstellung, dass Christus den Weg begleite, wie einst die Emmaus-Jünger, gehört dabei zum geistlichen Kern dieser Tage.

Das diesjährige Leitwort „Die Liebe hört niemals auf“ aus dem ersten Korintherbrief erhält vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung. Es verweist nicht nur auf individuelle Frömmigkeit, sondern auf die Frage, ob religiöse Traditionen auch unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Bestand haben können. Steinert verband den Gedanken ausdrücklich mit dem Jubiläum „400 Jahre Blutaltar“ in Walldürn. Der Heiligblutaltar gilt als Herzstück der Wallfahrt und wurde zwischen 1622 und 1626 vom Bildhauer Zacharias Juncker aus Alabaster geschaffen – mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Er steht an jener Stelle der Basilika, an der sich nach der Überlieferung um das Jahr 1330 das sogenannte Blutwunder ereignet haben soll. Bis heute bewahrt ein Silberschrein dort die verehrten Blutkorporale auf. Das Jubiläumsjahr erinnert damit nicht nur an ein bedeutendes Kunstwerk, sondern an einen Wallfahrtsort, dessen Geschichte weit über die Region hinausreicht und der zu den wichtigsten eucharistischen Wallfahrtsstätten Deutschlands zählt.

Die Fuldaer Pilger haben zunächst weniger die große Geschichte als vielmehr die konkrete Wegstrecke vor Augen. Über Kerzell, Rothemann, Döllbach und Motten erreichten sie am Samstagabend Speicherz. Der zweite Wallfahrtstag begann am Dreifaltigkeitssonntag mit einem Jugendgottesdienst in der Klosterkirche auf dem Volkersberg. Von dort führte der Weg über Bad Brückenau, Oberleichtersbach und den nur rund 80 Einwohner zählenden Ort Geiersnest nach Hammelburg. Zu den traditionellen Stationen zählt auch „Maria im Grünen Tal“ bei Retzbach, seit Generationen ein besonderer geistlicher Bezugspunkt vieler Pilgergruppen.

Dass solche Wallfahrten bis heute bestehen, erklärt sich nicht allein aus kirchlicher Tradition. Sie schaffen eine Form von Verbindlichkeit, die im Alltag selten geworden ist. Mehrere Tage gemeinsam unterwegs zu sein, dieselben Wege zu gehen, dieselben Gebete zu sprechen und dieselben Anstrengungen auf sich zu nehmen, erzeugt Erfahrungen, die sich nicht ohne Weiteres ersetzen lassen. Vielleicht liegt gerade darin ihre fortdauernde Anziehungskraft.

Am Mittwoch wird schließlich Bischof Dr. Michael Gerber die letzte Wegstrecke nach Walldürn mitgehen. In der Basilika zum Heiligen Blut wird er gemeinsam mit den Wallfahrerinnen und Wallfahrern sowie zahlreichen Gästen die Eucharistie feiern. Zusammen mit Wallfahrtsleiter Pater Josef Bregula OFM Conv und der Fuldaer Wallfahrtsleitung sollen dabei langjährige Pilger geehrt werden.

Der Weg nach Walldürn endet traditionell vor dem Blutaltar. Doch wie jede Wallfahrt verweist auch diese auf etwas, das über das Ziel hinausgeht. Zwischen jahrhundertealten Gelübden, schwindenden Gewissheiten und der beharrlichen Hoffnung der Pilger liegt jene Spannung, aus der religiöse Traditionen ihre Kraft beziehen. Dass sich Jahr für Jahr Menschen auf diesen Weg machen, ist deshalb weniger ein Zeichen unveränderter Verhältnisse als Ausdruck des Wunsches, inmitten einer unübersichtlichen Gegenwart Orientierung und Gemeinschaft zu finden. +++ red.

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