Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn Menschen immer häufiger nach Leistung, Nutzen, Anerkennung oder sozialem Status bewertet werden? Beim Fronleichnamsfest in Fulda hat Bischof Dr. Michael Gerber am Donnerstag eine klare Antwort gegeben. Im Mittelpunkt seiner Predigt im Fuldaer Dom stand die Würde des Menschen – nicht als Ergebnis von Erfolg oder gesellschaftlicher Anerkennung, sondern als unveräußerliches Geschenk. Im Licht der neuen Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. deutete der Fuldaer Bischof Eucharistie und Fronleichnamsprozession als sichtbares Zeichen einer Würde, die jedem Menschen zukommt, und als Auftrag zu solidarischem Handeln für das Gemeinwohl.
Mit einem Pontifikalamt im Dom und der anschließenden Prozession durch die Innenstadt beging das Bistum Fulda das Hochfest Fronleichnam. Gerber rückte dabei die unverfügbare Würde jedes Menschen in den Mittelpunkt. „Mensch, du bist unendlich wertvoll, weil du geliebt bist von der unendlichen Liebe Gottes“, sagte der Bischof vor den Gläubigen.
In seiner Predigt griff Gerber die neue Enzyklika „Magnifica Humanitas“ auf, die Papst Leo XIV. am Pfingstmontag veröffentlicht hatte. Besonders hob er deren menschenbildlichen und sozialethischen Kern hervor, den er aus der Perspektive der Eucharistie deutete. Das Fronleichnamsfest könne als „eine große Meditation dieser unendlichen Liebe Gottes“ verstanden werden, erklärte er.
Für Christinnen und Christen sei diese Liebe nicht bloß eine Idee. Sie zeige sich in Jesus von Nazareth, im letzten Abendmahl, in der Passion des Karfreitags und in der Auferstehung. Fronleichnam erinnere daran, dass zum Menschsein auch gehöre, Schauende und Empfangende zu sein. In der Eucharistie und während der Prozession richte sich der Blick auf das Geheimnis der Gegenwart Christi im gewandelten Brot.
Gerber stellte damit ein Menschenbild in den Mittelpunkt, das den Wert eines Menschen nicht an Leistung, Effizienz, Produktivität, Anerkennung oder gesellschaftlichen Status bindet. Die Grundbotschaft des Glaubens laute vielmehr: „Mensch, du bist zuallererst und vor all dem, was du tun und leisten kannst, vor all dem, was Menschen dir an Anerkennung zukommen lassen, vor all dem, was deinen sozialen Status in dieser Welt ausmacht, du bist vor all dem ein von Gottes unendlicher Liebe Beschenkter.“
Aus dieser Sichtweise erwachse Verantwortung, betonte der Bischof. Wer sich selbst als Beschenkter erfahre, bleibe nicht bei sich selbst stehen, sondern werde frei, sich für andere Menschen und für das Gemeinwohl einzusetzen. Unter Bezug auf Papst Leo XIV. erinnerte Gerber daran, dass es für Christinnen und Christen ein „nicht verhandelbarer Wert“ sei, die eigene Interessensphäre zu verlassen und sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten für das Gemeinwohl zu engagieren.
Diese Haltung führe unmittelbar in die Verantwortung für die Welt. Besonders gelte der Blick jenen Menschen, „die auf der Schattenseite des Lebens unterwegs sind“, sagte Gerber. Zugleich stellte er die Frage nach Wegen und Strukturen, die Menschen auch künftig gerecht werden können. Dies betreffe insbesondere junge Menschen, die ihren eigenen Beitrag für das Gemeinwohl erst noch entwickeln müssten.
Ein Bild für dieses Gemeinwohl fand der Bischof in einer Tradition des Fronleichnamsfestes. Er erinnerte an seine Kindheit im badischen Oberkirch, wo bereits in den frühen Morgenstunden große Blumenteppiche gelegt wurden. Kinder sammelten Blüten, andere brachten Rosen und Blumen aus ihren Gärten. Für Gerber wurde diese Erfahrung zu einem Sinnbild gemeinschaftlichen Handelns. „Menschen sind bereit, das, was ihr eigenes ist, das, was ihr Herz erfreut, das, von dem sie dankbar sind, dass es endlich aufblüht, mit hineinzugeben in das große Gemeinschaftswerk, es dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen“, sagte er.
Auch in Fulda wurde diese Tradition am Fronleichnamstag sichtbar. Blumenteppiche entstanden unter anderem durch die Florengäßner Brunnenzeche am Universitätsplatz, den Familienkreis der Stadtpfarrei am Buttermarkt sowie durch Ministrantinnen und Ministranten der Stadtpfarrei an der Stadtpfarrkirche. Die Texte an den vier Altären wurden von Ordensleuten, Erstkommunionkindern der Stadtpfarrei, der Caritas und den Messdienern gestaltet. Die Prozession durch die Innenstadt wurde damit zugleich zu einem Zeichen dafür, dass viele unterschiedliche Beiträge ein gemeinsames Ganzes tragen.
Im Zentrum des Fronleichnamsfestes steht die Eucharistie. Katholikinnen und Katholiken feiern darin die Gegenwart Jesu Christi in Brot und Wein. Während der Prozession wird die geweihte Hostie in einer Monstranz durch die Straßen getragen. Gerber verband dieses Zeichen mit einem Auftrag zum Teilen und zu solidarischem Handeln. Unter Verweis auf „Magnifica Humanitas“ zitierte er: „Die Eucharistie ist persönlichste Begegnung mit dem Herrn.“ Zugleich stärke sie die Zugehörigkeit zum Leib Christi und lehre das Teilen.
Dem Pontifikalamt im Fuldaer Dom standen neben Bischof Dr. Michael Gerber Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez, Bischof em. Heinz Josef Algermissen, Generalvikar Dr. Martin Stanke, Stadtpfarrer Stefan Buß sowie P. Cornelius Bohl OFM als Konzelebranten zur Seite. Die musikalische Gestaltung übernahm der Fuldaer Domchor unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber. An der Orgel spielte Max Deisenroth. Die Kantorendienste übernahmen Maximilian Happ und Dr. Julia Kim. Zudem wirkten Philip Schütz und Rüdiger-Schemm Renand an den Trompeten sowie Marshall Lamohr und Christopher Dehl an den Posaunen mit. Die Prozession wurde vom Musikverein Niesig unter der Leitung von Volker Schmitt begleitet.
Nach Abschluss der Prozession versammelten sich die Gläubigen rund um die Stadtpfarrkirche. Für das leibliche Wohl sorgte die KAB. Damit klang ein Fronleichnamstag aus, an dem nicht die Leistung des Einzelnen im Mittelpunkt stand, sondern die Frage, was Menschen miteinander verbindet. +++ red.































