Der Landkreis Fulda verfügt über deutlich größere Potenziale bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, als bislang genutzt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Regionalauswertung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), über die fuldainfo.de berichtet. Entscheidend werde jedoch sein, ob sich diese Potenziale wirtschaftlich erschließen lassen und gleichzeitig die Bezahlbarkeit des Energiesystems gewahrt bleibt.
„Die vergangenen Wochen haben erneut gezeigt, dass die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern nicht nur aus klimapolitischer Sicht, sondern zunehmend auch aus geostrategischen Gründen reduziert werden muss“, wird Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Fulda, in der Untersuchung zitiert. Hinzu komme, dass zuletzt häufig Gaskraftwerke aufgrund des Merit-Order-Prinzips den Strompreis bestimmt hätten. Die daraus resultierenden Preissteigerungen seien insbesondere für die zahlreichen mittelständischen Industriebetriebe der Region eine erhebliche Herausforderung.
Die IHK Fulda hatte das Fraunhofer-Institut mit einer detaillierten Analyse des künftigen Strombedarfs und der regionalen Erzeugungspotenziale beauftragt. Kostenaspekte waren nicht Bestandteil der Untersuchung. Nach den Berechnungen liegt der derzeitige jährliche Strombedarf im Landkreis Fulda bei rund 1,1 Terawattstunden. Bis zum Jahr 2045 rechnen die Wissenschaftler mit einem Anstieg auf 2,7 bis 2,8 Terawattstunden einschließlich des Eigenbedarfs. Hauptursache für diese Entwicklung ist die zunehmende Elektrifizierung des Verkehrssektors.
Dem steigenden Bedarf stehen erhebliche Ausbaupotenziale gegenüber. Anfang 2026 lag die installierte Leistung erneuerbarer Energien im Landkreis Fulda bei 471 Megawatt und damit deutlich unter dem hessischen Durchschnitt. Rund drei Viertel entfielen auf Photovoltaikanlagen auf Dächern. Das wirtschaftlich nutzbare Potenzial erneuerbarer Energien beziffert die Studie dagegen auf insgesamt 9,1 Terawattstunden pro Jahr. Den größten Anteil daran hat die Windenergie mit 4,7 Terawattstunden jährlich. Hinzu kommen 2,1 Terawattstunden aus Photovoltaik-Dachanlagen, 2,0 Terawattstunden aus Freiflächenanlagen, 0,3 Terawattstunden aus Biomasse und Biogas sowie 0,01 Terawattstunden aus Wasserkraft.
Um dieses Potenzial vollständig auszuschöpfen, wäre eine installierte Leistung von rund 6,4 Gigawatt erforderlich. Selbst wenn lediglich die derzeit vorgesehenen politischen Flächenziele umgesetzt würden, entspräche dies einer installierten Leistung von 2,4 Gigawatt. Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts könnten dann bilanziell bereits 3,7 Terawattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden. Damit würde die regionale Stromproduktion den für das Jahr 2045 prognostizierten Bedarf übersteigen, wobei saisonale Schwankungen in dieser Betrachtung unberücksichtigt bleiben.
Die Ergebnisse stimmen die Auftraggeber optimistisch. Der Landkreis Fulda könne seinen künftigen Strombedarf bilanziell aus eigener erneuerbarer Erzeugung decken und darüber hinaus einen relevanten Beitrag zur Stromversorgung Hessens leisten, erklärt Konow.
Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass zwischen theoretischem Potenzial und tatsächlicher Umsetzung erhebliche Herausforderungen liegen. Als besonders aussichtsreich gilt der weitere Ausbau der Windenergie. Ohne leistungsfähige Hoch- und Höchstspannungsnetze sowie zusätzliche Speicherkapazitäten lasse sich der erzeugte Strom jedoch nicht in dem erforderlichen Umfang in das Energiesystem integrieren.
Damit rücken auch Fragen in den Mittelpunkt, die über die reine Stromerzeugung hinausgehen. Der Ausbau erneuerbarer Energien erfordert Flächen, Investitionen und gesellschaftliche Akzeptanz. Zugleich steigen die Anforderungen an die Infrastruktur. Die Energiewende bewegt sich damit in einem Spannungsfeld zwischen Versorgungssicherheit, Klimaschutz und wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
„Einfache Lösungen für die zukünftige Strom- und Energieversorgung gibt es nicht“, betont Konow. Jede Form der Stromerzeugung bringe eigene Vor- und Nachteile bei Kosten, Versorgungssicherheit und Klimaschutz mit sich. Deshalb sei eine kluge und behutsame Weiterentwicklung des Gesamtsystems erforderlich. Nach Ansicht des IHK-Hauptgeschäftsführers wird sich der heutige Wohlstand nicht sichern lassen, wenn nach dem Ausstieg aus Kernenergie und Kohle sowie der schrittweisen Abkehr von Öl und Gas zugleich jeder Ausbau von Windkraft- und Photovoltaik-Freiflächenanlagen auf massiven Widerstand stößt und dauerhaft verzögert wird.
Die Studie zeichnet damit das Bild einer Region, die ihre Rolle in der Energieversorgung deutlich ausbauen könnte. Ob daraus tatsächlich ein Standortvorteil entsteht, wird jedoch nicht allein von den vorhandenen Potenzialen abhängen. Entscheidend dürfte sein, ob Erzeugung, Netzausbau, Speichertechnik und Akzeptanz vor Ort im gleichen Tempo vorankommen. +++ me














