Feier zum 20-Jährigen der Kultur- und Begegnungsstätte in Heubachs ehemaliger Synagoge

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Vize-Landrat Frederik Schmitt würdigte den Förderverein im Namen des Landkreises. Er rief, Marcel Reif zitierend, das Publikum dazu auf, "Mensch zu sein".

Erinnerung gewinnt ihren Wert nicht durch Jubiläen allein, sondern durch die Bereitschaft, aus ihr Konsequenzen zu ziehen. Diese Botschaft stand über dem Festtag zum 20-jährigen Bestehen der Kultur- und Begegnungsstätte in der ehemaligen Synagoge von Heubach. Was als Rückblick auf zwei Jahrzehnte erfolgreicher Vereinsarbeit gedacht war, wurde zugleich zu einer Auseinandersetzung mit der Frage, welche Verantwortung aus der Geschichte erwächst.

Mit einem eindringlichen Appell, den eingeschlagenen Weg des Gedenkens und Erinnerns auch künftig fortzusetzen, gratulierte Altbischof Prof. Dr. Martin Hein aus Kassel dem Förderverein Landsynagoge Heubach. Anlass war ein besonderes Jubiläum: Vor genau zwanzig Jahren erhielt die ehemalige Synagoge ihre neue Nutzung als Kultur- und Begegnungsstätte. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher nahmen an dem Festtag teil, der bewusst als Dreiklang angelegt war. Auf einen Gottesdienst folgte eine Feierstunde im Betraum der ehemaligen Synagoge, bevor das Haus Raum für Begegnungen, Gespräche und persönlichen Austausch bot.

Bereits im Gottesdienst in der Heubacher Kirche stellte Pfarrerin Johanna Rau aus Bad Wildungen die Feierlichkeiten in einen größeren Zusammenhang. Rau, die vor fast 25 Jahren die Restaurierung der Synagoge initiiert hatte und heute Ehrenvorsitzende des Fördervereins ist, erinnerte daran, dass der im Predigttext zitierte aaronitische Segen Angehörigen verschiedener Religionen gelte – Juden ebenso wie Christen, Muslimen und Bahai. Sie verwies auf Zeiten, in denen dieser Segen in Heubach an zwei Orten zugleich gesprochen wurde: in der Synagoge und in der Kirche. Mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde sei ein Reichtum verloren gegangen, dessen Bedeutung erst im Rückblick vollständig sichtbar werde.

Zugleich erinnerte Rau an die Dynamik gesellschaftlicher Radikalisierung. Innerhalb kurzer Zeit sei Juden ihr Menschsein und schließlich ihr Recht auf Leben abgesprochen worden. Darin liege eine der historischen Erfahrungen, aus denen die im Grundgesetz verankerte Unantastbarkeit der Menschenwürde hervorgegangen sei. Die ehemalige Synagoge, so ihre Überzeugung, stärke durch ihre bloße Existenz und durch die dort möglichen Begegnungen jene Haltung, die bedrohte Menschenwürde schützen und bewahren wolle.

Auch Martin Hein griff diesen Gedanken auf. Die Sanierung der ehemaligen Synagoge mit ihrer von Brüchen geprägten Geschichte sei eine bewusste Antwort auf das gewesen, was einst zerstört wurde. Die Arbeit des Fördervereins mit seinen vielfältigen Angeboten zeige, dass Erinnerung nur dann eine heilende Wirkung entfalten könne, wenn man sich ihr bewusst stelle. Das gelte insbesondere für das konkrete Gedenken an die 41 Jüdinnen und Juden aus Heubach, die während der Shoa ermordet wurden. Erst die namentliche Erinnerung mache deutlich, dass Verfolgung und Mord nicht abstrakte historische Vorgänge seien, sondern das Leid einzelner Menschen bedeuteten. Im scheinbar Kleinen leiste der Verein damit eine Form von Gedenkarbeit, die Haltung sichtbar werden lasse.

Hein verband diese Würdigung mit einem Blick auf die Gegenwart. Antisemitismus trete in Deutschland heute wieder offen in unterschiedlichen Erscheinungsformen zutage. Gerade deshalb dürfe Erinnerungskultur nicht zu einem Ritual werden, das sich in symbolischen Gesten erschöpfe. Jüdisches Leben müsse nicht nur erinnert, sondern als selbstverständlicher Teil der Gegenwart anerkannt und geschützt werden. Erinnerung sei nur dann glaubwürdig, wenn sie Folgen habe. Daraus erwachse die Verpflichtung, Position zu beziehen – auch dort, wo dies unbequem oder mit persönlichen Risiken verbunden sei.

Ähnliche Akzente setzte der Vorsitzende des Fördervereins, Hartmut Zimmermann. In seiner Begrüßung sprach er über die Notwendigkeit, Widerspruch zu wagen, wenn sich Antisemitismus und menschenverachtende Vorstellungen ausbreiteten. Dabei verwies er auf den deutlichen Stimmenzuwachs der AfD bei den vergangenen Landtagswahlen. Im Bereich der Gemeinde Kalbach erhielt die Partei, die inzwischen auch in Hessen vom Verfassungsschutz beobachtet wird, bei der Wahl 2023 einen Stimmenanteil von 30,2 Prozent. Zimmermann zeigte den Gästen einen Stoffbeutel, den der Präsident des Thüringischen Verfassungsschutzes nach einem Vortrag hinterlassen hatte. Darauf war ein Satz aus dem Grundgesetz zu lesen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz müsse Maßstab politischen und gesellschaftlichen Handelns bleiben. Wo die Menschenwürde infrage gestellt werde, dürften Konflikte und Widerspruch nicht gescheut werden.

Neben den grundsätzlichen Fragen der Erinnerungskultur gab es an diesem Tag auch eine konkrete Nachricht aus Heubach. Mit dem kommenden Winterfahrplan wird die Bushaltestelle unmittelbar neben dem Gebäude nicht länger den Namen „Rathaus“, sondern „Ehemalige Synagoge“ tragen. Ein entsprechender Antrag des Fördervereins war zuvor von Ortsbeirat und Gemeindevorstand unterstützt worden. Zimmermann konnte den Gästen bereits eine Darstellung des neuen Haltestellennamens präsentieren. Die Entscheidung mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, verankert den historischen Ort jedoch dauerhaft im öffentlichen Raum und im alltäglichen Sprachgebrauch.

Grußworte sprachen der Erste Kreisbeigeordnete Frederik Schmitt (CDU) sowie Kalbachs Bürgermeister Mark Bagus (parteilos). Die langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fulda, Linde Weiland, die das Heubacher Projekt seit seinen Anfängen begleitet, steuerte einen Liedbeitrag bei. Musikalisch gestaltet wurde die Feier zudem von Heiko Ommert am Saxofon und Kurt Adolph an der Gitarre.

Der gesellige Teil des Festtages stand dem offiziellen Programm in nichts nach. Bei Kaffee, kalten Getränken und einem reichhaltigen Kuchenbüfett nutzten die zahlreichen Gäste die Gelegenheit zum Austausch. An den Tischen im Haus und auf der angrenzenden Rasenfläche wurden Erinnerungen an die Umbauzeit wachgerufen, Erfahrungen geteilt und Pläne für die Zukunft geschmiedet.

Zwanzig Jahre nach ihrer Wiedereröffnung hat die ehemalige Synagoge in Heubach ihren Platz längst gefunden. Sie ist Erinnerungsort, Kulturstätte und Begegnungsraum zugleich. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Denn die Geschichte, an die sie erinnert, ist nicht abgeschlossen. Sie stellt weiterhin die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit umgeht – und wie entschlossen sie bereit ist, die Würde jedes Menschen in der Gegenwart zu verteidigen. +++ red.

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