Eine Woche vor dem Finale im Hessenpokal betreibt die SGB Werbung in eigener Sache

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Es schien am Samstagnachmittag in der Johannisau, als wollte die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz Werbung in eigener Sache betreiben. Zwar verlor sie ihr Heimspiel zum Saisonabschluss auf den letzten Drücker gegen den FSV Frankfurt mit 1:2 (1:0) - und schloss die Saison der Fußball-Regionalliga Südwest als Zehnter der Tabelle ab - doch sie zeigte vieles von dem, was sie auf ihrer Homepage verspricht. Heimat, Herz und Leidenschaft lauten dort die Etikette. Heimat könnte man durch Einsatz ersetzen. Grandios war der gegen den FSV. Eine Woche vor dem vielerorts als Saison-Höhepunkt apostrophierten Finale im Hessenpokal gegen den Drittligisten Wehen-Wiesbaden scheint die SGB mit dem Spiel im Kopf, dem nach vorn gerichteten Denken, auf dem richtigen Weg.

Das Team aus Fulda bot einen jederzeit beherzten Auftritt. Im Spiel mit Ball war das der vielleicht beste Vortrag in dieser Saison in der Johannisau; mag sein, dass das auch der Tatsache geschuldet war, dass die SGB nicht mehr der psychischen Situation ausgesetzt war, auf Teufel komm‘ raus zu punkten. Die Lage, es ginge um nichts mehr - weit verbreitet im Unterhaltungs-Journalismus Sport, gibt es ja nicht. Jedenfalls zeigte die SGB gut 20 Minuten vom Anstoß weg nach vorn gerichteten Fußball, der Spaß machte. Sie riss das Spiel an sich, war sehr aktiv, forderte stets den Ball und bestimmte das Vorgehen. Leon Pomnitz und Roko Ivankovic besetzten konsequent die Achter-Positionen - besonders der als spielintelligent bekannte Pomnitz initiierte einiges.

Nachdem „Zapi“ gegen die zweimaligen Regionalliga-Torschützenkönig Cas Peters, der vom sehr agilen und die Bälle gut festmachenden Herdi Bukusu eingesetzt worden war, die Führung für den FSV verhindert hatte - fiel der SGB der frühe Lohn zu. Die Führung: Kevin Hillmann flankte hoch und noch etwas länger als auf den zweiten Pfosten auf Keanu Kraft, der Ball kam zu Moritz Dittmann - und dessen Flachschuss saß zum 1:0. Apropos Kraft: Der Ex-Mainzer sorgte auch am Samstag für viele Impulse auf der rechten Seite; Pech, dass sein Linksschuss knapp übers Tor ging (20.).

Hand aufs Herz, SGB: dass sie anfangs so auftrumpfte und Spaß machte, lag aber auch am FSV. Dessen Defensivverhalten war zunächst gar nicht gut. Selten bot eine Mannschaft solch große Löcher und Abstände zwischen letzter Linie und den Sechsern oder dem Mittelfeld an; das hatte mit dem Verhalten einer Regionalliga-Spitzenmannschaft wenig zu tun. Und offensiv? In dieser Teilbilanz war der FSV besser, aber lange nicht gut. Noch einmal war „Zapi“ gegen Peters aus spitzem Winkel zur Stelle (26.), später grätschte SGB-Innenverteidiger Aaron Frey eine gefährliche Bukusu-Eingabe weg (45.). Aber sonst? Was machten die offensiven Mittelfeld-Spieler des Gastes? Dribbelstark und fintenreich waren sie - aber sie liefen einige Male parallel vor der Box, das geht gar nicht. Zielgerichtet-Sein und Abschlussverhalten ging ihnen ab. Bukusu und auch der etwas unglückliche Peters warteten auf Zuliefer-Dienste.

Mit großem Mut begann die SGB auch den zweiten Abschnitt. Leidenschaftlich spielte sie auf das zweite Tor. Alleine in den ersten zehn Minuten hatte sie vier aussichtsreiche Möglichkeiten - oder solche, die das versprachen. Dreimal war Dittmann daran beteiligt. Zunächst setzte er sich rechts Eins-gegen-eins gut durch, ließ aber eine schwache Eingabe folgen (47.), wenig später legte er gut zu Moritz Reinhard ab, der am Sechzehner in guter Schussposition war (50.) - ehe „Ditti“ nach Freys Vorarbeit aus spitzem Winkel an FSV-Keeper Becker scheiterte, der mit Fußabwehr rettete (54.). Auch Frey war Sekunden später nach einer Ecke im Abschluss-Pech (55.).

Mithin sind zwei Aktivposten aus der stimmigen Mannschaftsleistung der SGB genannt: War es anfangs Leon Pomnitz (wo bleibt der Versuch, Läufe in die Tiefe zu starten?), wurden es Moritz Dittmann und Aaron Frey. Frey zeigte eines seiner besten Spiele der jüngeren Vergangenheit, wenn nicht das beste: defensiv in der Kette sehr beherzt, mit Ball durchsetzungsstark und mit vielen Impulsen. Zudem ist es alles andere als ein Zufall, dass Dittmann so oft genannt wird. Welcher SGB-Spieler ist an derart vielen Offensiv-Aktionen beteiligt? Hinter denen meist auch Torgefahr steckt. „Ditti“ ist, vor allem wegen seiner aggressiven Schnelligkeit, stark im Anlauf-Verhalten und der Ball-Eroberung - sein vielleicht größtes Plus - bewegt sich mehr und mehr in torgefährlichen Räumen, riecht mittlerweile zweite Bälle und hat auch im Abschlussverhalten zugelegt.

Der FSV aber ließ nicht locker und zerrte an den Ketten. War das Spielfeld anfangs noch viel zu groß, spielte er jetzt viel schneller, direkter, mit mehr Zug zum Tor und entschlossener. Der Gast kämpfte - und er drängte auf den Ausgleich. Der hätte schon fallen können, als Milian Habermehl rettete (68.), der eingewechselte Grösch gut stand bei der Abwehr (69.) - und Zapi im nachfassen präsent war (70.). In der nächsten Aktion aber pflückte auch der FSV seinen Lohn: Bukusu traf zum 1:1 - nach 72 Minuten.

Und eine irre spannende Schlussphase mit dramatischen Zügen brach an. Die begann mit „Dittis“ falscher Entscheidung, als er Köhler und Göbel vertikal und sofort hätte mitnehmen können (80.), gelang das Köhler nicht besser (84.) - und war es Dittmann erneut nicht vergönnt, eine nicht leichte Abschluss-Entscheidung zu treffen. Frey spielte ihn im linken Halbraum schon in der Box an, „Ditti“ war schon an Becker vorbei - der FSV aber bereinigte die gefährliche Situation im Kollektiv (87.). Stattdessen schlug der FSV zu: Hassan Mourad, der den Verein verlässt, markierte den Siegtreffer. Zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit.

Die SGB antwortete furios - aber ohne Fortune. Göbel zog mit links aus der Drehung über das Tor (90.+1), Dittmanns und Habermehls Abschlüsse blieben Höhen (90.+3) - und Habermehls Kopfball strich knapp vorbei (90.+4). Manche der Zuschauer hatten, wie eine „Weisheit“ besagt, den Torschrei schon auf den Lippen. Sie sehnten den Ausgleich vorbei. Es klappte nicht mehr. Zurück aber blieb gute Fußball-Unterhaltung.

Zurück blieben auch einige Abschiede. Da sie angekündigt waren, sind emotionale Momente und Szenen einbegriffen; aber auch hier schwappt vieles von der Unterhaltungs-Soße nach unten. Kalt den Rücken hinunter lief es einem schon, als die SGB-Spieler für Marius Grösch, den als Spielertrainer zum FC Eichenzell zieht, bildeten. Die SGB verabschiedete auch andere Spieler: Samuel Angel Zapico-Lopez, Justin Duda oder Nicola Jose Arcanjo Köhler - und auch Tim Korzuschek, der in den letzten Wochen verletzt fehlte, bekam noch einige Minuten.

Ein anderer Abschied soll nicht unter den Tisch fallen. Das gebührt der Respekt, Anerkennung kommt hinzu, auch Qualität - und noch vieles mehr. Tim Görner, Trainer des FSV Frankfurt, coachte das Traditionsteam vom Bornheimer Hang (vorerst) zum letzten Mal. Nach vier Jahren als Regionalliga-Trainer. Als eine Institution der hessischen Fußball-Szene. Als identitäts-stiftend und Identifikationsfigur-Figur geht der 30-Jährige durch. Er trat beim FSV in die Fußstapfen seines Vaters, der noch heute 1. Vorsitzender des FSV Frankfurt. Im vergangenen Jahr erwarb Tim Görner die UEFA Pro-Lizenz als Trainer. So ganz nebenbei ist er in dieser Hinsicht der Zweitjüngste in Deutschland. Nur der aktuelle DFB-Bundestrainer Julian Nagelsmann war jünger. Insofern war die Johannisau am denkwürdigen 16. Mai 2026 ein Schauplatz deutscher Fußball-Geschichte.

SG Barockstadt: Zapico - Kraft (46. Schmitt), Habermehl, Frey, Hillmann (46. Iljazi) - Sarpei (63. Köhler), Ivankovic, Reinhard (63. Grösch/90. Korzuschek)), Dittmann, Pomnitz - Göbel

FSV Frankfurt: Becker - Hildmann (67. Itoi), Gottwalt, Weißmann (67. Eichhorn), Kemper - Bock, Borga, Celik (23. Breir), Del Vecchio - Peters (67. Mourad), Bukusu (81. Mc Donald)

Schiedsrichter: Tim Waldinger

Zuschauer: 1.420

Tore: 1:0 Moritz Dittmann (7.), 1:1 Herdi Bernard Boloko Bukusu (73.), 1:2 Hassan Mourad (88.) +++ rl

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