Wieder einmal muss die Bundesregierung ihre wirtschaftlichen Erwartungen einsammeln. Wieder einmal ist die Realität schneller als jede Prognose. Und wieder einmal zeigt sich, wie verletzlich das deutsche Geschäftsmodell geworden ist.
Statt eines Prozentpunkts Wachstum rechnet die Regierung für dieses Jahr nun nur noch mit 0,5 Prozent. Für Europas größte Volkswirtschaft ist das mehr als eine statistische Korrektur. Es ist ein Befund. Deutschland wächst nicht mehr aus eigener Kraft – es hofft sich durch die Krisen.
Die offizielle Begründung klingt vertraut: Krieg im Nahen Osten, steigende Energiepreise, gestörte Lieferketten, protektionistische Tendenzen im Welthandel. All das stimmt. Der Konflikt rund um Iran verschärft Unsicherheit, verteuert Rohstoffe und belastet Industrie wie Verbraucher. Doch wer ausschließlich auf äußere Schocks verweist, macht es sich bequem. Denn die eigentliche Schwäche liegt im Inneren.
Deutschland leidet längst nicht nur unter Krisen, sondern unter Strukturen. Die Exportmaschine stottert, weil zentrale Absatzmärkte schwächeln – aber auch, weil die eigene Wettbewerbsfähigkeit erodiert. Energie ist teuer, Genehmigungen dauern zu lange, Fachkräfte fehlen, Digitalisierung bleibt oft Ankündigung, Infrastruktur wirkt vielerorts wie aus einem vergangenen Jahrzehnt. Wer dann auf den nächsten globalen Sturm zeigt, übersieht das Leck im eigenen Rumpf.
Besonders aufschlussreich ist, worauf die Regierung nun setzt: auf den privaten Konsum, staatliche Ausgaben und fiskalische Impulse. Also auf das, was übrig bleibt, wenn das traditionelle Wachstumsmodell schwächelt. Die Binnenwirtschaft soll richten, was Außenhandel und Industrie nicht mehr leisten. Der Staat soll anschieben, was Unternehmen verschieben. Verbraucher sollen kaufen, obwohl Inflation und Unsicherheit Kauflaune zuverlässig dämpfen. Das kann kurzfristig stabilisieren. Es ersetzt aber keine Strategie.
Zugleich steigen die Preise weiter spürbar. Eine Inflationsrate nahe drei Prozent mag keine Katastrophe sein, sie frisst jedoch weiterhin Vertrauen und Einkommen. Für viele Haushalte bedeutet das: nominell mehr, real kaum besser. Für Unternehmen heißt es: steigende Kosten bei unsicherer Nachfrage. Für die Politik bedeutet es vor allem eines – weniger Spielraum.
Bemerkenswert ist, dass das Wirtschaftsministerium nun erstmals mit Szenarien arbeitet, die unterschiedliche Energiepreisverläufe simulieren. Das ist vernünftig und überfällig. Politik muss Unsicherheit einpreisen, nicht ignorieren. Aber Szenarien ersetzen keine Entscheidungen. Sie beschreiben Möglichkeiten, sie schaffen keine Stärke.
Deutschland steht vor einer unangenehmen Wahrheit: Die Zeit, in der solide Ingenieurskunst, starke Exporte und billige Energie fast automatisch Wohlstand erzeugten, ist vorbei. Das Land muss produktiver, schneller und resilienter werden. Es braucht Investitionen, eine modernere Verwaltung, verlässliche Energiepolitik, qualifizierte Zuwanderung und endlich den Mut, Reformen nicht nur anzukündigen.
0,5 Prozent Wachstum sind keine Tragödie. Tragisch wäre nur, wenn sich das Land daran gewöhnt. +++













