Borussias Fans leben ihren Verein, Fliedens Kurz-Geschichte vom guten Pferd

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Wieder einmal war die Johannisau ein Schauplatz gelebten Fußballs. Für Borussia Fulda schien die Gelegenheit gerade recht: Der Spitzenreiter der Kreisoberliga, der nichts anderes als den Aufstieg in die Gruppenliga herbeisehnt, wollte im Kreispokal ein zwei Klassen höher spielendes Team herausfordern - den Verbandsligisten SV Flieden. Daraus wurde aus Sicht des Gastgebers nichts: Flieden siegte 5:1. Doch es gibt mehr zu erzählen vom Ausflug in Fußball-Welten.

Der Zugang: Wer früh genug da ist, der spürt: Die Stimmung ist gut und entspannt im Städtischen Stadion. So richtig entspannt. Man hat den Eindruck, ein kleines Fußballfest kündigt sich an. Es bleibt klein. 800 kommen - mag sein, dass so mancher wegen des Champions-League-Spiels des FC Bayern fern geblieben ist. Doch keine Bange, Borussia Fuldas Fans machen auf sich aufmerksam. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn kreuzt ein junger Borusse mit einem Banner auf. 120 Jahre Tradition steht auf den Borussen-Schals; na ja, genau genommen sind es 122 jetzt. Auf einem Banner ist zu lesen: In Fulda, nur Borussia. Auch na ja. Der Anpfiff nähert sich - und schon sind die großen Fahnen zu sehen von Borussia. Sie scheinen wie ein Bekenntnis zu Osthessens Fußball. Ja, noch ist Borussias Heimat Amateursport - und die des SV Flieden aus dem Königreich auch. „Good times never seemed so good“, dröhnt es aus den Lautsprechern. Selten scheint eine Botschaft so zu treffen wie an diesem Abend - abgesehen davon, dass die Mucke des originären Liedes von Neil Diamond so verschandelt wird auf Deutschlands Sportplätzen. Aber es gibt keinen Zweifel: Die Borussen-Familie - oder besser gesagt, Teile davon - hat sich eingerichtet. Sekunden vor dem Anpfiff wird die Botschaft eindringlicher: Hier regiert der SCB. Tradition lässt sich nicht verjagen. Und die Aufschrift auf einem Banner der Gegengeraden polarisiert: Fuldas wahre Liebe ist dort zu lesen.

Das Spiel: Seine Geschichte ist überschaubar. Ein Spielfilm in drei Akten: Fliedens frühe Führung durch den Dribbelkönig Pascal Manß - Borussias Ausgleich wenige Minuten vor der Pause und Fliedens schnelle Antworten mit dem zweiten und dritten Tor - und das 4:1 für den Verbandsligisten nach nich einmal einer Stunde, das endgültig die Weichen stellte für den Einzug ins Finale.

Die erste Offensiv-Szene fehlte dem SCB, als Elias Martella Maurice Barkemeyer vertikal anspielte im linken Halbraum in der Box - Flieden aber aufmerksam stand und klärte. Bis der Verbandsligist im Handumdrehen in Führung ging: Borussia meinte es gut und wollte in Ballnähe in Überzahl verteidigen - der Klassenhöhere aber bestrafte das nicht komplette Zusammenwirken als Team. „Basti“ Alles - ein feiner und sensibler Fußballer, neben dem im Ballbesitz wohl eine Bombe einschlagen darf - zapfte seine Spielintelligenz an, erkannte die Situation und spielte den Torschützen Manß direkt an in halblinker Position - 0:1.

Der Verbandsligist hatte immer gute Szenen, wenn Alles, Manß und gelegentlich der zweite Sechser, Zakaria Chahibi, am Ball und im Spiel waren. Defizite offenbarte Flieden durchaus. Angriffsflächen gab es auf der linken Abwehrseite sowie im Raum zwischen letzter Reihe und den Sechsern. Borussia wirkte stets eifrig, fand aber weder Selbstvertrauen noch Mut, dort reinzustechen, dies anzugreifen oder zu nutzen. Dabei waren doch mit Nico Schröder, dem hier und da zu defensiven Jens Thiele, Maurice Barkemeyer oder Elias Martella Spieler mit Schnelligkeits- und Geschwindigkeits-Impulsen vorhandenen.

Manß verpasste das 2:0 (37.), als er an Keeper Baran scheiterte - der SCB blieb im Spiel. Und kam zurück. Nachdem die zentrale Spitze Shakur noch den Abschluss aus der Drehung verpasst hatte, jubelten die Borussen-Fans plötzlich. Warum? Es gab Elfer. Martella traf zum 1:1. Sechs Minuten vor der Pause. Sogleich ertönten Sprechchöre. Fuldas wahre Liebe …

Es ist indessen nicht überliefert, warum sich Borussia die Gegentore zwei und drei einfing - zu diesem Zeitpunkt. Eines mit dem Pausenpfiff, das andere kurz danach. Das 2:1 fiel nach einem Foul an der Grundlinie, wo nichts passieren kann - den Elfer nutzte Jonas Hilgenberg. Das 3:1 glückte dem Meister selbst: Basti Alles. Drei Minuten nach Wiederbeginn. War es fehlende Cleverness beim SCB? Nicht Wach-Sein in verdammt wichtigen Momenten?

Als Zakaria Chahibi nach nicht mal einer Stunde das 4:1 draufsetzte, war das Spiel quasi entschieden. Früh entschieden. Flieden war gewiss besser und reifer in der Spielanlage und zog immer an, wenn es musste und die Spielsituation es erforderte - ja, das macht den Unterschied höherer Spielklassen-Zugehörigkeit aus. Im letzten Drittel und auf dem Weg in die Box war das - von Pascal Manß‘ Impulsen - aber nicht gut. Manchmal dachte man an eine Kurz-Geschichte oder ein Gleichnis: Springt ein gutes Pferd nur so hoch, wie es muss? Einige junge Spieler wirkten bemüht, aber in mannschaftlichen Abläufen erkannte man: Da ist viel Geduld nötig.

Mannschaft und Trainer Christian Kreß aber wissen selbst, dass sie am Samstag am Weiher im Heimspiel-Derby gegen Eiterfeld/Leimbach ein anderes Gesicht zeigen müssen (15 Uhr). Was Körpersprache, Aggressivität, Entschlossenheit, Spieltempo und Intensität betrifft. Vom Spiel in den Räumen ganz zu schweigen.

Das Pokal-Halbfinale war Vergangenheit. Und Borussia hat nur eins im Kopf: den Aufstieg zu realisieren. Um dies zu realisieren, muss sie sich dem punktgleichen RSV Petersberg und der lauernden SG Ehrenberg erwehren. Erste Etappe für die SGB: das Heimspiel am Sonntag gegen den SV Müs (15 Uhr, Johannisau). Die Derbys gegen FT und bei Marbach/Dietershan schließen sich an. Eine Trilogie der Spannung. Wieder bereichern uns drei Akte.

Letzte Momente: Kurz vor Schluss. Die Borussen-Fans feiern trotzdem. Fulda, SGB, singen sie. Mut und Vertrauen lassen nicht nach. Auch noch nach dem Spiel gröhlen sich einige Anhänger ihre Kehlen wund. Diese atmosphärischen Bilder zeigen, wie es ist und dass es sich lohnt, für die Marke Borussia zu kämpfen. Es sind Beweise, sie am Leben zu halten und sie wiederzubeleben. Darin spiegelt sich einiges. Verbundenheit etwa. Tiefe Verbundenheit. Zuneigung. Stolz. Fußball ist doch mehr als ein 1:0. Es ist ein Ausschnitt des Lebens. Lebensgefühl. Es ist Leben. +++ rl

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